Leserbrief zur Ausländerregelung im Württembergischen Tennisbund

Lesermeinung

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    Integration durch Tennis? Dank der Ausländerpolitik des WTB schwer umsetzbar Foto: Rene Weiss
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Artikel vom 03. September 2019 - 17:12

Zur Ausländerregelung im Württembergischen Tennisbund.

Das Jahr muss 2002 oder 2003 gewesen sein. Es gab damals keine Navigation-Apps, oder zumindest hatten wir keine, und meine Teamkollegen und ich schlugen uns auf der Suche nach einem Baseballfeld durch das Augsburger Industriegebiet. Schließlich bemerkten wir ein Poster, das an einem heruntergekommenen Container befestigt war und "Integration durch Baseball" bot. Wir brüllten vor Lachen und stellten uns Probetrainings für hartgesottene Kriminelle vor, die ihre unruhige Vergangenheit hinter sich ließen und ihre Baseballschläger zum ersten Mal einer guten Nutzung zuführten.

Der Spruch blieb bei uns. Jedes Mal, wenn einer von uns etwas Dummes tat, schrien die anderen: "Integration durch Baseball!". Und während es mich noch zum Lachen bringt, steckt für mich mehr dahinter. Es ist etwas, was ich damals empfunden habe und jetzt weiß - dieser Satz ist die Geschichte meines Lebens oder zumindest meines deutschen Lebens.

Geboren und aufgewachsen in Kroatien, kam ich 1996 nach Deutschland. Zuerst absolvierte ich ein halbjähriges Praktikum und bekam später einen Job in einem amerikanischen Unternehmen. Ich habe bei der Arbeit Englisch gesprochen. Ich hing meistens mit anderen ausländischen Studenten rum, die ich im Wohnheim, wo ich lebte, traf, bis meine spanische Freundin und ich eine eigene Wohnung mieteten. Ich habe Spanisch gelernt. Und während mich das Daimler-Museum und die deutschen Gewohnheiten der Mülltrennung gleichermaßen faszinierten, bemühte ich mich nicht wirklich, mich anzupassen. Ich sprach nur sehr grundlegendes Deutsch. Ich hatte fast keine deutschen Bekannten, geschweige denn Freunde. Ich war ein Fremder in einem fremden Land.

Im Jahr 1998 änderte sich alles. Ich startete meine Baseballkarriere neu und trat einem lokalen Team in Sindelfingen bei. Plötzlich war ich kein Außenseiter, sondern ein Spieler, der nur noch danach beurteilt wurde, wie gut er den Ball schlagen, werfen und fangen konnte. Ich war Teil einer Gruppe, die nach einem gemeinsamen Ziel strebte, zusammen gewann, verlor, reiste, duschte, aß und trank. Plötzlich wollte ich Deutsch lernen, weil ich bei all den Witzen dabei sein wollte. Ich interessierte mich dafür, welche deutschen Bands die anderen hörten. Ich wurde VfB-Fan. Ich bekam Rezepte für Kartoffelsalat und Spätzle. Ich lernte ihre Familien kennen, ich machte Urlaub mit ihnen, ich tanzte auf ihren Hochzeiten. Ich war mir vielleicht noch nicht vollständig im Klaren, wie genau ich meinen Müll trennen sollte, aber ich war auf dem besten Weg, Teil des Landes zu werden, das ich heute mein Zuhause nenne.

Im Jahr 2016, nach fast einem Vierteljahrhundert in diesem Sport, kam die Zeit, sich vom Baseball zu verabschieden. Ich habe mich dem Tennis zugewandt, und während ich ein lausiger Spieler bin, genieße ich das Spielen sehr. Ich habe viele nette Leute kennengelernt, für einige tolle Teams in der TA SV Böblingen und im TC Ameisenberg gespielt, und alles an meiner neuen Sportart ist positiv verlaufen. Nun, fast alles.

Das deutsche Tennis hat unter allen Sportarten eine der restriktivsten Regeln für Ausländer. In den untersten Ligen, denjenigen, in denen ich spiele, ist nur ein nicht-deutscher Spieler pro Mannschaft erlaubt. Wenn man ein langjähriger Einwohner und ein erfahrener Spieler ist, fällt man nicht in diese Kategorie, muss aber beweisen, dass man lange genug in Deutschland und in deutschen Tennismannschaften war, und das jedes Jahr aufs Neue. Als mein französischer Teamkollege es versäumte, diese Unterlagen rechtzeitig vor der Saison 2018 erneut einzureichen, bedeutete dies, dass ich nicht für die Mannschaft spielen durfte, da ich der zweite Ausländer gewesen wäre. Als ich im selben Sommer das gemischte Team führte, stand ich vor dem gleichen Problem - jedes Mal, wenn einer meiner Teamkollegen aus dem Ausland war, musste ich zu Hause bleiben, auch wenn dies bedeutete, mit einer unvollständigen Mannschaft anzutreten.

Zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich nach meiner Nationalität beurteilt. "Nein, ich kann nicht spielen, ich bin Ausländer", wurde meine Standardantwort. Plötzlich war es nicht mehr wichtig, wie gut ich spiele oder wie nett ich bin, sondern nur noch, welchen Pass ich habe. Ich konnte nicht nur nicht spielen, sondern hatte auch das Gefühl, dass ich mich bei meinen Teamkollegen entschuldigen musste, weil ich kein Deutscher war.

Ich verstehe, warum es solche Begrenzungen gibt, beziehungsweise, warum sie in den höheren Ligen existieren, wo die Spieler dafür bezahlt werden, auf den vorderen Plätzen zu spielen. Da, wo jedes Team nach Spielern in einem breiteren, internationalen Pool von Profis sucht. Absurd ist es aber, dass in den Ligen, in denen Ausländer für Schlüsselpositionen bezahlt werden, mehr von ihnen erlaubt sind als in den niedrigen, hobbyartigen Ligen, in denen sie nur aus Spaß spielen. Dort hat die Regel nur eine Wirkung - die Diskriminierung. Sie dient überhaupt keinem sportlichen Zweck.

Ironischerweise habe ich bei meinen Spielen in Böblingen eine Wintermannschaft geführt, in der zwei meiner Teamkollegen und engsten Freunde erst kürzlich in die Region Stuttgart gezogen sind, einer aus Bremen und einer aus Sachsen. Tennis half ihnen, Kontakte und Freundschaften in ihrem neuen Zuhause zu knüpfen, genau wie Baseball mir Jahre zuvor. Doch obwohl sie neu auf dem Gebiet waren, hatten sie keine Einschränkungen, wo und wie sie spielen konnten, während ich, der seit über zwei Jahrzehnten in Stuttgart lebt, es hatte. Wären sie aber anstatt in Bremen und Leipzig eher in Wien und Kabul geboren, hätten sie diese Gelegenheit nicht bekommen.

Die Integration der Menschen in ihr neues Umfeld durch sportliche und kulturelle Aktivitäten hat sich als eine derjenigen mit den höchsten Erfolgsraten erwiesen. Wir leben in einem Land, in dem die Bedeutung einer erfolgreichen Integration von Ausländern seit langem anerkannt ist, in einem Bundesland, in dem wir sogar ein eigenes Ministerium für solche Angelegenheiten haben. Allerdings schränkt die aktuelle Politik des Württembergischen Tennisbundes die Möglichkeit der Integration von Ausländern durch Sport stark ein. Sie ist veraltet und diskriminierend. Ich bin zwar kein Rechtsexperte, aber diejenigen, die es sind, sagen mir, dass man dagegen klagen sollte.

Ich denke, wir brauchen keinen juristischen Prozess, um den Sport, den wir lieben, zu einem besseren und gerechteren zu verändern, um anderen die Chance zu geben, sich dadurch zu integrieren, so wie ich sie vor vielen Jahren bekommen habe. Es ist an der Zeit zu handeln und eine Regel zu ändern, die eindeutig falsch ist. Es ist an der Zeit zu sagen: Integration durch Tennis.

Bojan Koprivica, Mitglied bei der TA SV Böblingen

Anmerkung der Redaktion: Dieser offene Brief ging an den Württembergischen Tennisverband und das Ministerium für Soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg, um eine Überarbeitung der geltenden Ausländerregelung zu erreichen.

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