Genießen war gestern

Kommentar

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Der Junior-Cup - das war früher einmal eine Sportveranstaltung für Feinschmecker. Eine, bei der man richtig guten Jugendfußball vor Ort genießen konnte. Das gehört der Vergangenheit an.

Artikel vom 06. Januar 2019 - 18:54

Von Michael Schwartz

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Fußball ist immer noch toll anzuschauen. Die Sache mit dem Genießen steht aber auf einem anderen Blatt. Das Drumherum im Glaspalast ist nur noch schwer zu ertragen. Aus den Lautsprechern wummert eine unsägliche Dauerbeschallung aus viel zu lauter Technomusik. Man fühlt sich wie in der Disco. Ein Kommentator plappert unentwegt und ununterbrochen, an den meisten Plätzen im weiten Rund versteht man aber kein Wort der Klangsuppe. Große, grell blinkende Videoleinwände und der brüllende Moderator fordern das Publikum regelmäßig ganz international auf: "Make some noise". Wer sich unterhalten will, versteht sein eigenes Wort nicht mehr, wird schnell heiser. Der Junior-Cup - er geht den Weg, den der große Fußball auch gegangen ist. Wo das deutsche Nationalteam nur noch als "Die Mannschaft" unterwegs ist. Wo Durchschnittsspieler in den millionenteuren Himmel gelobt werden. Wo Prominente hofiert werden, während der Pöbel vor dem Glaspalast eine halbe Stunde in der Kälte auf Einlass warten muss. Wo man keinen Meter gehen kann, ohne über die Sponsoren förmlich zu stolpern. Wo Anstoßzeiten so umgeplant werden, dass das Fernsehen deutschlandweit übertragen kann. Und wo kritische Fußball-Feinschmecker immer mehr durch Event-Fans mit ihren bunten Klatschpappen ersetzt werden sollen. Der Zuschauerandrang gibt den Veranstaltern selbstverständlich recht. Wer aber die Jagd nach dem runden Leder genießen will, der freut sich lieber auf die Finaltage der Sindelfinger Hallen-Gala. Der Fußball dort ist vielleicht nicht so hochklassig wie beim Junior-Cup, aber das Zuschauen macht immerhin noch Spaß.

 

 

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