Späteinsteiger startet durch

Tennis: Tim Hoidis von der TA SV Böblingen ist im sogenannten LK-Race deutschlandweit die Nummer eins unter rund 500 000 Spielerinnen und Spielern

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    Tim Hoidis von der TA SV Böblingen: Den Tennisschläger legt er kaum noch aus der Hand Foto: red

Seit ziemlich genau zehn Monaten spielt Tim Hoidis Tennis, aktuell in der vierten Mannschaft der TA SV Böblingen, in der untersten Liga der Winterhallenrunde. Eigentlich nix Besonderes. Aber der 28-Jährige führt das sogenannte LK-Race an - vor 500.000 weiteren Spielern und Spielerinnen in Deutschland.

Artikel vom 16. Februar 2018 - 17:00

Von Michael Stierle

BÖBLINGEN. Wie das sein kann? Ganz einfach. "Ich verstehe das Ganze als Power-Ranking", erklärt Hoidis. "LK" steht für Leistungsklasse. Wer höher eingestufte Gegner schlägt, bekommt eine gewisse Anzahl an Punkten, wer die meisten davon auf dem Konto hat, ist spitze in Deutschland.

Möglichst bessere Spieler zu schlagen, ist eine Möglichkeit, um in der Rangliste weit nach oben zu klettern. Die zweite: so oft wie möglich auf dem Court stehen. Genau das tut Tim Hoidis. "Seit Oktober habe in der Halle 51 Spiele bestritten." Seine Bilanz: 44:7, die letzten 13 Matches hat er alle gewonnen. Dabei kommt er ganz schön rum in ganz Deutschland, bucht jedes Turnier, egal wo, am Wochenende oft auch zwei. "Ich würde mich schon als Tennis-Verrückten bezeichnen", meint er schmunzelnd, "aber hoffentlich in einem positiven Sinne."

Mitgliedschaft im Verein ist auf Dauer billiger als eine Zehnerkarte

Der Umgang mit der gelben Filzkugel bereitet ihm einfach nur "unglaublich viel Spaß". Und das als Späteinsteiger mit 28 Jahren. "Mein Mitbewohner hat früher Tennis gespielt, Anfang 2017 hat er mir mal seinen Schläger mitgebracht." Tim Hoidis wohnt in Böblingen, arbeitet im Rahmen seines Studiums beim Daimler in der Entwicklung, Bereich thermischer Komfort. "Mein Vertrag ist auf zwei Jahre befristet. Aber ich würde danach schon gerne hierbleiben, denn ich fühle mich pudelwohl."

Was vor allem auch am Tennis liegt. "Ich hab' mal gegoogelt, welche Vereine es hier gibt", blickt der gebürtige Leipziger nach seinem Umzug zurück. Und das Tolle: Die TA SV Böblingen gab's gleich um die Ecke, mit einer von Daniela Götz, die immerhin dem deutschen Meisterteam der Damen 30 angehört, geleiteten Hobbytruppe. "Ich habe eine Zehnerkarte genommen, aber dann festgestellt, dass es als Mitglied billiger ist", so Hoidis ganz pragmatisch. "Deshalb bin ich genau am 1. April eingetreten. Und das ist ausnahmsweise kein Scherz."

Und bei der "TABB" wurden sie auch gleich aufmerksam auf den Neuen. "Ich wollte Aufschlag lernen", dauerte ihm das alles irgendwie zu lange. Also platzierte er seinen Laptop auf der Grundlinie und ahmte den Bewegungsablauf immer wieder nach. Bis er saß. "Die Trainer auf den anderen Plätzen haben sich halbtot gelacht", so Hoidis. Ihm war's egal. "Wenn ich was mache, dann richtig, Eben ganz oder gar nicht." Auch Jan Eble, Geschäftsführer der Tennisabteilung, staunte nicht schlecht über ihn. Eigentlich läuft das Buchungssystem für die Hallenplätze morgens ab sieben Uhr. Für Tim Hoidis wurde es um eine Stunde vorverlegt, jetzt geht schon um Sechs das Licht an. "Mit Ballmaschine kann ich eine Stunde spielen, bevor es ins Geschäft geht."

Was ihn am Tennissport so sehr fasziniert? "Zunächst einmal, dass man draußen spielen kann", kann er das Frühjahr kaum erwarten. "Einfach grandios. Meine Arbeitskollegen fragen mich immer, ob ich aus dem Urlaub komme." Seine Antwort darauf: "Nein, ich mache Sport." Zweiter Grund: "Mental ist das unheimlich spannend. Man bekommt ein unmittelbares Feedback seiner eigenen Leistung. In einem Mannschaftssport ist das anders. Beim Tennis hilft einem keiner, da steht man ganz allein auf dem Platz." Genau da liegt auch eine seiner Stärken. "19 von 20 Match-Tiebreaks habe ich gewonnen. Ich kriege einfach keine zittrige Hand." Was auch daran liegt, dass er solche Situation aus seinem ersten, fast noch bedeutenderen Sportlerleben beim Unihockey oder auch Floorball kennt. "Da habe ich auch schon bei einer Weltmeisterschaft vor 8000 Zuschauern gespielt. Beim Tennis sagen meine oft jüngeren Gegner, dass sie schon aufgeregt sind, wenn ihre Eltern zusehen." Auch sonst hat er noch keine der üblichen Marotte angenommen. "Ich rede noch nicht mit mir und werfe auch keine Schläger in die Ecke", ist er völlig normal geblieben. Sieht man einmal davon aus, dass er inzwischen die Turniere in ganz Deutschland unsicher macht. Doch auch das ist er vom Hockey gewohnt. Mit Spielen in Bayern bis hoch in den hohen Norden.

Angefangen hat Tim Hoidis in der Leistungsklasse 23, sich innerhalb eines Jahres auf 18 verbessert. "Mehr als fünf kann man nicht aufsteigen." Das Niveau aktuell: "Immer noch eher mittelmäßig oder sogar Anfänger." Gefühlt gehört er inzwischen der LK 15 an, die "13" ist sein Ziel beim nächsten Stichtag. Und dafür nimmt er einiges auf sich. Im Sommer vergangenen Jahres schaute er in gleich sechs Landesverbände rein, den Silvesterabend verbrachte er in Hannover. "Natürlich bei einem Turnier, ein schöner Jahresabschluss." Und mit einem Schmunzeln: "In der Region, ja sogar im Verein, gibt es schon ein paar Bekloppte, die man immer wieder bei den Turnieren trifft."

Eine Sportskanone war er auch als Nationalspieler beim Unihockey

Am vergangenen Wochenende hatte er samstags in Heilbronn gemeldet, am Abend stand im Zimmerschlag ein Heimspiel in der Winterhallenrunde an, sonntags ging's nach Schwenningen. "Da kommen ganz schön Kilometer zusammen." Diesmal steht eine Husky-Tour auf dem Rennsteig in Thüringen auf dem Programm, auf dem Rückweg nimmt er noch ein Turnier in Nürnberg mit. Schließlich gilt es Platz eins im LK-Race zu verteidigen, der Vorsprung ist nicht gerade üppig. "Bis jetzt läuft alles besser als erträumt", schaut die Frohnatur auf die vergangenen zehn Monate zurück. Woran auch die TA SV Böblingen ihren Anteil hat. "Zu 99 Prozent alles Top-Leute im Verein, das eine Prozent gibt's überall", sagt er. "Trainer, Mitspieler - das passt alles. Dazu ein grandioses Umfeld und eine tolle Anlage." Einer wie er kann das trotz seiner überschaubaren Zugehörigkeit zum Tennis-Zirkus beurteilen, hat er doch schon viel gesehen. "Mit Abteilungsleiter Buffy Zweygart habe ich schob gespielt. Und ab und zu trinke ich ein Bierchen im Trainerraum." Am Montag beginnt seine eigene Trainerausbildung, vier Mal jeweils drei Tage im Leistungszentrum Stuttgart-Stammheim. "Der Verein übernimmt die Kosten." Und auch das Ostercamp in Kroatien ist gebucht. "Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen - jeden Tag Tennis." Dieses Pensum hat er auch jetzt schon - fast. "Montag ist eigentlich Ruhetag. Ich will ja keinen Tennisarm bekommen." Wenn er das so sagt, weiß man nie so genau, ob er das auch tatsächlich ernst meint.

Eine Sportskanone war Tom Hoidis schon vor seinem Durchmarsch auf dem Tennis-Court. Im Unihockey, einer Mannschaftssportart aus der Familie der Stockballspiele, die vom Hockey abstammt, aus dem ebenso das Rollhockey und das Eishockey hervorgegangen sind. Hierzulande eher unbekannt, dafür in Leipzig, seinem Heimatort eine große Nummer. Als Fünftklässler hat er damit begonnen, machte damals genauso große Fortschritte wie später mit dem Tennisschläger. 2005 gehörte er der deutschen U19-Nationalmannschaft an, war sogar ihr Kapitän und nahm an der WM in Lettland teil. 2008 war er mit Deutschlands A-Team bei der WM in Prag, 2014 noch einmal in Schweden. "Mein persönliches Highlight und gleichzeitig mein Abschluss. Wir haben in der Vorrunde gegen Schweden und Finnland gespielt, die später Weltmeister und Zweiter wurden. Für uns reichte es zum achten Platz." Dort spielte er auch vor 8000 Zuschauern - "ein echtes Erlebnis, schade nur, dass Unihockey nie olympisch wurde."

Auch ein Video existiert von ihm und den zum Teil selbst ausgedachten Tricks beim Unihockey. "Auf YouTube wurde das rund 900 000-mal angeklickt", kann er ein bisschen stolz darauf sein. 2007 von einem Kumpel mit einer kleinen Digitalkamera innerhalb von zwei Tagen aufgenommen. "In der Szene hat das jeder gekannt. Und ich habe ein paar Sponsoren dazugewonnen." Heute würde das auf jeden Fall viel mehr Geld einbringen.

Fürs Tennis profitierte er auch vom Unihockey. Läuferisch ist er fast jedem Gegner überlegen. "Und die Rückhand, eigentlich die schwierigere, ist mein Winnerschlag. Den Griff bin ich vom Hockey gewohnt."

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