Sindelfinger Freizeitsoftballer trainieren mit Flüchtlingen

Flüchtlinge unter uns: Die Sindelfinger Softball-Freizeitmannschaft "Shit Happens" ist in jeder Hinsicht ein bunter Haufen

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    Das Runde muss auf das Harte: Beim Softballball ist Treffsicherheit gefragt. Übrigens: Wirklich "soft" sind die Bälle nicht - ein Treffer kann verdammt schmerhaft sein Fotos: Langner/Archiv
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    Und Action: Das SWR-Fernsehen ist zu Gast beim Training
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    Bier-Trinkpause mit Owen Teschner, Uwe Bucksch und Ken Hudson (v.l.)
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    Witzige Truppe: Bei „Shit Happens“ gehören Flüchtlinge ganz selbstverständlich zur Mannschaft

Zum Sindelfinger Baseballclub "Squirrels" gehört ein Freizeit-Softballteam namens "Shit Happens". Die Truppe ist ein bunter Haufen aus ehemaligen Ligaspielern und Hobby-Sportlern. Seit letztem Jahr spielen Flüchtlinge mit. Im Team findet daran niemand etwas Besonderes. Andere schon - darunter das SWR-Fernsehen.

Artikel vom 05. Juli 2016 - 12:18

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Okay, Leute, Infield Double Play, Outfield geht drei!", ruft Uwe Bucksch quer über den Baseballplatz. Draußen im linken Außenfeld lässt Ahmads Gesichtsausdruck nicht unbedingt auf ein tieferes Verständnis der gebrüllten Kommandos schließen. Dieser Eindruck bestätigt sich, als Bucksch mit der Keule den Ball in Richtung des 25-Jährigen schlägt. Als die neongelbe Kugel ihm vor die Füße plumpst, weiß der Afghane offensichtlich nicht, was er damit anfangen soll. "Los, bring ihn rein! Bring ihn rein!", ruft Bucksch und Ahamd wirft den Ball zur zweiten Base - dass der Spieler an der dritten wie wild mit ausgestreckten Armen herum fuchtelt, sieht er nicht.

Uwe Bucksch ist nicht erfreut und macht Ahamd deshalb lautstark mit ein paar schwäbischen Kraftausdrücken vertraut. Kurz darauf ist der Ärger verflogen, Ahamd bekommt wieder einen Ball, er fängt ihn aus der Luft und wirft ihn zum richtigen Empfänger. "Schön, Ahmad!", "Good Job!", gibt es diesmal lobende Worte.

So kann Integration auch aussehen: Bei der Freizeit-Softballmannschaft "Shit Happens" spielen Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan, Somalia und weiteren Ländern mit. Die meisten wohnen im Flüchtlingsheim in der Sindelfinger Nüssstraße. Ahmad ist einer von ihnen. Wie man an ihm sehen kann, gibt es hier keine Sonderbehandlung. Auf dem Platz sprechen die Spieler einen Mix aus Deutsch, Englisch - und natürlich Schwäbisch. Dass die Verständigung noch ausbaufähig ist, stört hier nicht.

Immerhin: Die typischen Gesten und Abläufe haben einige der Gastspieler schon drauf: zum Beispiel das schnelle Verschieben im Feld, wenn ein "Lefty" (Linkshänder) am Schlag ist oder das lässig-anerkennende Abklatschen mit der Faust - sowohl mit männlichen als auch weiblichen Mitspielern. Wenn Sie nicht anderweitig verplant sind, kommen die Flüchtlinge pünktlich jeden Freitagabend zum Training. Auch während des Ramadan trainieren sie mit, obwohl einige von ihnen tagsüber auf Essen und Trinken verzichten - was bei sommerlichen Temperaturen gar nicht mal so ohne ist.

Für die Sindelfinger Softballer ist die Anwesenheit von Ahmed, Karim, Jaweed, Ahmad, Valmir, Gersid und wie sie alle heißen längst nichts Besonderes mehr. Für andere dagegen schon, weswegen zuletzt sogar zwei SWR-Fernsehteams vorbeigeschaut haben - eins davon produziert Beiträge für "News for Refugees", dem Nachrichtenangebot, mit dem der SWR Flüchtlingen das Leben in Deutschland näher bringen will.

Trotz allem Ehrgeiz stehen sportliche Höchstleistungen nicht im Vordergrund bei diesem buchstäblich bunten Haufen (Markenzeichen von "Shit Happens" sind die farbenfrohen Batik-T-Shirts, die Teammitglied Owen Teschner selbst herstellt). Das haben die Flüchtlinge auch sehr schnell kapiert: Wenn Uwe Bucksch bei sommerlicher Hitze zur "Trinkpause" ruft, ziehen er und seine Kumpels erstmal ein paar Bierflaschen aus der Kühlbox. Mancher zündet sich dazu gemütlich eine Kippe an. "Das ist für die okay", erklärt der Projektmanager bei einem Herrenberger IT-Unternehmen.

Die muslimischen Flüchtling trainieren nun seit rund einem Jahr mit dem Team mit. "Mich hat das einfach genervt, als letzten Sommer die Stimmung so gekippt ist", erzählt Bucksch, wie es dazu kam. Also habe der 50-Jährige sich gefragt, was er persönlich tun könnte. Zusammen mit ein paar Vereinskollegen besuchte er einige Male das Café International gegenüber dem Klostersee. "Wir hatten Keulen und Handschuhe dabei und stellten den Flüchtlingen unseren Sport vor", erklärt er. Ein paar waren sofort dabei und trainierten fleißig mit.

Bucksch ist begeistert, wie manche sich entwickelt haben. "Mein Liebling ist eigentlich der Ahmed aus Somalia", erzählt der Dettenhausener von dem 18-jährigen Schlaks, der - obwohl er anfangs kaum ein Wort verstanden hat - am besten von allen die Regeln kapiert und sportlich eine enorme Entwicklung gemacht habe (auch wenn sein Schwung oft eher nach einem Tennisaufschlag aussieht). Und auch abseits des Trainings zeigen die Gäste viel Einsatz: "Sie helfen bei Arbeitseinsätzen und bringen sich überall ein", lobt Bucksch. Die Verständigung sei zwar manchmal etwas schwierig, aber zum Glück habe man mit dem Afghanen Jawed einen Übersetzer im Team.

"Bei manchen merkt man an der Schlagtechnik, dass sie zu Hause Cricket gespielt haben", schaltet sich Owen Teschner (51) ins Gespräch ein. Der gebürtige Amerikaner ist seit mehr als 25 Jahren mit Uwe Bucksch befreundet. "Unsere Frauen sind beide Hebammen. So haben wir uns kennengelernt", erklärt Teschner. Er hilft den Gastspielern wo er kann, gibt Tipps für ihre Schlagtechnik und erklärt geduldig die Regeln.

Woher haben die Flüchtlinge eigentlich ihre Ausrüstung? "Handschuhe und Keulen stellt der Verein. Mit der Zeit hat sich da einiges angesammelt", sagt Ken Hudson. Der Amerikaner ist eine Institution bei den Squirrels. Nach über 20 Jahren als aktiver Spieler, Schiedsrichter und Trainer wollte der 51-Jährige eigentlich bei den Softballern eine ruhige Kugel schieben. "Aber dann haben mich die Reds gefragt, ob ich First Base Coach machen will", erzählt er, wieso er ein Traineramt bei dem Stuttgarter Baseball-Bundesligisten übernommen hat.

Politik, Religion und Kultur spielen hier keine Rolle

Teschner und Hudson - zwei ehemalige amerikanische Soldaten spielen in einem Team mit Afghanen, Pakistani und Somaliern. Wie funktioniert so etwas? Schließlich haben die USA mit ihrer Außenpolitik zuletzt in keinem dieser Länder besonders viele Sympathiepunkte gesammelt. "Ich mache mir nichts aus Politics", winkt Teschner ab und auch Hudson versichert, dass politische, kulturelle oder religiöse Unterschiede hier überhaupt kein Thema seien. Bei "Shit Happens" gehe es ausschließlich um Spaß und um das Gemeinschaftsgefühl. "Sie gehören einfach zum Team", sagt Hudson.

Und weil das für Teammitglieder so üblich ist, durften die Gäste letzten Herbst auch schon mit zum Herbstturnier nach Tübingen. Zweimal im Jahr tragen die Bundesliga-Baseballer der Hawks dort einen großen Freizeit-Softballwettkampf aus. Die Sindelfinger nehmen daran regelmäßig teil. "Dass wir da mit unseren Flüchtlingen angetreten sind, kam richtig gut an", berichtet Bucksch von vielen positiven Rückmeldungen aus den anderen Teams.

Am 16. und 17. Juli wollen die Sindelfinger beim Tübinger Sommerturnier antreten. Bis dahin können Ahmad und die anderen Flüchtlinge noch ein bisschen Regelverständnis und Technik üben. Und wie man an ihm sehen kann, zeigt die Lernkurve deutlich nach oben: Gut einen Monat nach dem eingangs beschriebenen Training steht er wieder im Außenfeld - neben ihm ein Landsmann, der zum ersten Mal dabei ist. "Outfield geht Home!", kommt das Kommando. Der "Neue" schaut ein bisschen ratlos zu Ahamd. Der zeigt nur mit dem Finger zu dem Spieler, der an der Homeplate beide Hände hochreckt.

Ahmad hat verstanden.

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