Zur Geisterstunde spukt's auf dem Schlossbergring

Fußball: Elfmeter-Krimi beim Deutschland-Sieg gegen Italien treibt die Fans raus ins Freie

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Wer es trotz des viel zu kühlen und verregneten Sommers bevorzugt, bei offenem Fenster zu schlafen, musste in der Nacht von Samstag auf Sonntag seine Gewohnheiten ändern oder die Nachtruhe um zwei Stunden nach hinten verschieben.

Artikel vom 04. Juli 2016 - 08:00

Von Michael Stierle

KREIS BÖBLINGEN. Denn pünktlich zur Geisterstunde machten die Fußballanhänger den Schlossbergring in Böblingen mit Hupkonzerten und Böllerschüssen zur Fan- und Feiermeile. Kaum hatte Jonas Hector den Elfmeterkrimi beendet und den wie "Bahnschranke" abtauchenden Gianluigi Buffon zum 7:6 überlistet, Deutschland damit ins Halbfinale der Europameisterschaft geschossen, hielt es die Fans nicht mehr vor den Bildschirmen und Leinwänden. Die ganze angestaunte Spannung und das fast zwei Stunden lange Warten auf das Happy End mussten raus. Irgendwie.

Also rein ins Auto, Fenster runtergekurbelt, Deutschland-Fahne rausgehängt und eine Ehrenrunde auf dem Schlossbergring gedreht. So lange das überhaupt funktionierte, denn nach einer Viertelstunde war dicht. Nichts ging mehr - weder vor noch zurück. Der Verkehr war vollständig zum Erliegen gekommen, musste auch gar nicht mehr umgeleitet werden. Dafür hatten die Fans den Platz vor dem Kino besetzt - sitzend, stehend, feiernd. Mitten drin: starke Polizeikräfte, zum Teil auch im respekteinflößenden Kampfanzug. Die wachen Gesetzeshüter hatten sich am Elbenplatz positioniert und natürlich auch rauf bis zum Plattenbühl. Immer sofort bereit einzugreifen, sollten die Fans über die Stränge schlagen, um gar keine gefährlichen Situationen entstehen zu lassen. Und dazu gehörte bereits das zu kräftige Durchrütteln der Autos.

Drei Unverbesserliche verbringen den Rest der Nacht in der Zelle

Die nächtliche Bilanz der Polizei, die im Kreis Böblingen eigens zu diesem Spiel mit exakt 126 Beamten im Einsatz war: nix Schlimmeres passiert. Was einigermaßen beruhigt. In Böblingen wurden erst rund 6000 Besucher bei den verschiedenen Public Viewing-Veranstaltungen und später 500 Fahrzeuge im Autokorso gezählt. Für zwei von ihnen ging's nicht ganz so glimpflich aus, nach leichteren Auffahrunfällen bei allerdings geringer Geschwindigkeit und - vorbildlich - ohne Alkoholeinfluss, entstand ein Gesamtsachschaden von 1800 Euro. Ein paar Unverbesserliche gab's allerdings auch, drei von ihnen wurden vorsorglich in Gewahrsam genommen und verbrachten den Rest der Nacht in der Ausnüchterungszelle, weil sie die Rote Karte, sprich den mehrfach wiederholten Platzverweis, ignorierten. Ihnen droht noch ein Nachspiel wegen Widerstand gegen die Polizei und Beleidigung. Keine besonderen Vorkommnisse wurden aus Sindelfingen (3300 Besucher beim Public Viewing, die meisten auf dem Wettbachplatz, plus Autokorso) und Herrenberg (1100 Besucher) gemeldet, dafür gab's einige böse Buben in Leonberg und Umgebung. Die Zahlen von dort: Rund 600 Besucher, zwei Autokorsos mit 300 Fahrzeugen, vier Platzverweise in Leonberg, zwei in Renningen und eine Beschlagnahmung von Pyrotechnik.

Stellt sich nur die Frage: Musste das alles zu nachtschlafener Zeit sein? Die Befürworter werden sagen, dass eine Fußball-EM nur alle zwei Jahre ist und ein Viertelfinalsieg gegen Italien nach Elfmeterschießen sogar noch seltener vorkommt. Kritiker, die mit Fußball nicht so viel am Hut haben, sehen das verständlicherweise anders. Ohne sich deshalb gleich als Spielverderber oder Spaßbremse zu outen.

Am Donnerstag steigt das Halbfinale. Anpfiff 21 Uhr, bei Verlängerung und Elfmeterschießen ist wieder erst um Mitternacht Schluss. Wer dem ganzen Trubel nichts abgewinnen kann, sollte vorsorglich Ohrstöpsel bereithalten. Sofern es danach überhaupt etwas zu feiern gibt.

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