Wärmstens empfohlener Lesestoff für kalte Lockdown-Tage

Aktuelle Buch-Tipps von Roland Häcker (Literaturklub Sindelfingen)

Artikel vom 14. Januar 2021 - 21:42

Der Untertitel dieser Schrift lautet: Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht. Der Autor, 1978 in Sri Lanka geboren, kam als 13-jähriger unbegleiteter Jugendlicher nach Deutschland, wuchs in Lübeck auf und studierte Medizin. Er arbeitet als Facharzt für Herzchirurgie in Bremen.

In diesem Buch beklagt er die Schwächen unseres Gesundheitssystems. Besonders schädlich wirke sich die Gewinnorientierung aus; sie führe zu unnötigen Operationen. Ein Übel seien auch die sog. Fallpauschalen. Patienten mit kurzer Verweildauer in der Klinik bringen Gewinn, wer nach einer OP länger braucht, wird zum Verlustgeschäft. Der Kranke gerate als Mensch aus dem Blick und werde zum "Fall". Weil Patientengespräche schlecht honoriert werden, finden sie kaum statt. Heilung könne aber nur gelingen, wenn der ganze Mensch im Zentrum stehe. Auch die Kranken seien ein Problem. Sie wollten nicht einsehen, wie viel an ihnen selbst hängt, gesund zu werden oder zu bleiben. Sie hätten es in der Hand, durch passende Ernährung und gute Lebensführung ihr eigenes Wohl zu befördern. Stattdessen erwarten sie alles vom Arzt. Er soll ein Medikament verschreiben und damit die Folgen des Fehlverhaltens reparieren.

Der Autor Umes Arunagirinathan gibt durchaus zu, dass die deutschen Kliniken in der Corona-Krise Großes leisten. Sie können aber nur überleben, wenn der Staat sie finanziell stützt. Doch das werde er auf Dauer nicht tun. Die Finanzierung des Gesundheitssystems müsse radikal geändert werden, damit wieder das Heilen und nicht die Profitmaximierung das Handeln der Ärzte bestimme. Ein Buch für alle, die ahnen, dass sich am deutschen Gesundheitswesen einiges ändern muss.

Dr. med. Umes Arunagirinathan: "Der verlorene Patient". Verlag Rowohlt, 2020.
Sie stammt aus dem Banat. Daher ist es naheliegend, dass Iris Wolffs Geschichten vor allem dort spielen. In der "Unschärfe der Welt" erzählt sie von einer deutschstämmigen Familie, die all das erleiden muss, was Rumänien in den letzten hundert Jahren an Unheil widerfahren ist: Faschismus, Zweiter Weltkrieg, kommunistische Diktatur und deren Überwindung. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sind viele Siebenbürger Sachsen in die BRD ausgewandert. Die Autorin erzählt chronologisch. In jedem Kapitel stellt sie eine oder mehrere Personen als Repräsentanten einer Generation vor. Mit der Zeit wird dem Leser klar, wie sie miteinander zusammenhängen. Er erlebt sie als Kinder, als junge Frauen oder Männer, als Alternde. Die Frauen leiden besonders unter den Verhältnissen, aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Es ist wie in vielen Familien: über manches wird nicht oder nur in Andeutungen gesprochen, über Homosexualität zum Beispiel. Wir erfahren viel über die Mühen des Banater Alltags, die subtile und brutale Unterdrückung durch die Machthaber. Traditionelle Feste bedeuten hier kleine Auszeiten aus dem öden Einerlei der Tage. Samuel ist ein schwieriges Kind, ein Schweiger, er ist der Erste, der aus Rumänien flieht und in Westdeutschland das Ende der Ceausecu-Ära abwartet. Das Kapitel über den Diktator und seine Frau ist eine gelungene Politsatire. Wolff erzählt in einer einfachen und doch einprägsamen Sprache, ohne Anklagen, unaufgeregt, mit spürbarer Liebe zu ihren Personen. Am Ende leben sie im Westen, Alte und Junge, in einer anderen Welt. Die Zeit im Banat ist nur noch eine "unscharfe" Erinnerung. Dieser Roman wurde zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt". Verlag Klett-Cotta, 2020.
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