Humor: Völlig von der Rolle - eine Kindheit mit filmverrücktem Papa

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    Foto: Denise Jans/Unsplash

Artikel vom 02. Januar 2021 - 09:37

KREIS BÖBLINGEN (edi). Kinder von filmverrückten Eltern haben es mitunter schwer. Mangels entsprechender Vorbildung läuft da so mancher Spruch ins Leere. Wenn zum Beispiel der Vater beim Abholen im Kindergarten dem Sohn fest in die Augen schaut und dabei mit tiefer Stimme „ICH BIN DEIN VATER“ sagt, dann denkt sich der kleine Racker vermutlich einfach nur: „Yip, auf Jeden, Alter!“ – er begreift aber noch nicht notwendigerweise, dass der Papa hier gerade die berühmte „Star Wars“-Szene mit Darth Vader und Luke Skywalker beim Duell auf dem Todesstern zitiert.
Oder wie ist das, wenn der Vater sich in der Spielstraße vor ein heranfahrendes Auto stellt, die Fahrradpumpe drohend nach oben hält und mit donnernder Stimme „DU KANNST NICHT VORBEI“! brüllt? Für alle, die gesehen haben, wie der Zauberer Gandalf sich mit eben diesen Worten im ersten Teil von „Herr der Ringe“ in den Minen von Moria einem Balrog-Dämon entgegenstellt, ist die Referenz natürlich sonnenklar. Auf alle anderen – inklusive dem fragend dreinschauenden Sohnemann – wirkt das nerdige Schauspiel aber doch eher ein bissschen peinlich. Umso wichtiger, dass der Nachwuchs – sobald die jeweilige Altersempfehlung das zulässt – in Sachen Filmklassiker auf den selben Wissensstand gebracht wird wie der kinoverrückte Papa. „Star Wars“, „Spider-Man“, „Ghost Busters“, „Zurück in die Zukunft“ – die Liste ist lang.
Kompliziert wird es, wenn die Mama sich in die filmische Erziehung einschaltet. Dann wird der arme Junge an Schmacht-Schwelgereien wie „Twilight“, „Dirty Dancing“ oder „Sissi“ herangeführt. Der Vater sagt an solchen Abenden lieber „Hasta la Vista, Baby“, zieht sich mit Bier und Tablet zurück in seine Männerhöhle und schaut „Terminator“.
Soll sich die ganze Familie fürs edukative Filmerlebnis vor dem Fernseher einfinden, muss ein Kompromiss her. Die Wahl fällt auf „Titanic“. Regisseur ist der Actionfilm-Spezialist James Cameron. Deshalb ist auch Daddy mit an Bord. Bis auf einen kurzen Aussetzer, als er zum Bier holen auf den Balkon geht und „ICH BIN DER KÖNIG DER WELT!“ herunter grölt, verläuft der Filmabend doch recht vorhersehbar getreu der Formel Titanic + Eisberg = Blubb. Eine dicke Überraschung gibt es am Ende trotzdem: Als das Schiff nach gut drei Stunden endlich auf den Meeresgrund gesunken ist und die greise Rose im Traum zu ihrem toten Jack heimkehrt, liegen sich Vater und Sohn heulend in den Armen – zum Amüsement der Mutter, die mit verstohlenem Lächeln zu den beiden herüberschielt.

Ein Beitrag aus unserer Samstags-Humorkolumne ("Bonbons")