Kunstvereine im Kreis Böblingen stellen die Sinnfrage

Kuriose Corona-Regel: Ausstellungsverbot für Museen und Ehrenamtliche - Verkaufsgalerien bleiben offen.

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    Veranstaltungen wie diese im Rathaus Schönaich geplante Ausstellung sind derzeit untersagt. Für Privatgalerien gelten dagegen andere Regeln. Plakatmotiv: Förderkreis

Artikel vom 04. Dezember 2020 - 08:00

Von Eddie Langner

KREIS BÖBLINGEN. Seit 2. November gilt im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie-Verordnung ein Ausstellungsverbot für Museen, öffentliche Galerien und Kunstvereine. Private Galerien dürfen dagegen geöffnet bleiben. Eine Regelung, die bei Künstlern und Ehrenamtlichen auf Unverständnis stößt - auch hier im Landkreis Böblingen.

"Abgesagt wegen Covid-19" steht auf dem Plakat zur Ausstellung "Handfest" mit Arbeiten von Christoph Traub und Helmut Anton Zirkelbach. Die Bilder und Skulpturen der beiden Künstler sollten vom 8. bis 29. November im Rathaus Schönaich ausgestellt werden. Das Hygienekonzept war mit der Gemeinde abgestimmt, die Plakate gedruckt, die Einladungen verschickt. Dann aber hat das Virus dem Förderkreis Kunst Schönaich einen dicken roten Strich durch die Rechnung gemacht - zum wiederholten Male in diesem Jahr.

"Für uns und die Künstler war das eine Riesenenttäuschung", sagt die Vorsitzende Sigrid Stopper. Zumal die Vorbereitung einer Ausstellung den Verein auch finanziell stark belaste. Zum Glück sei die Kreissparkasse als Sponsor und die Kunstförderung des Landes Baden-Württemberg eingesprungen. Sonst wäre der Förderkreis wohl auf den Kosten sitzen geblieben.

Während die Förderkreismitglieder damit beschäftig waren, bereits angeschriebene Kunstfreunde anzurufen und über die kurzfristige Absage zu informieren, blieben Privatgalerien weiterhin geöffnet. "Ich neide das den Galerien nicht", stellt Stopper klar. Dennoch hält sich ihr Verständnis für die ungleiche Behandlung eher in Grenzen.

Petra Bäuerle stand vor ein paar Wochen kurz davor, die Gewerbezulassung für ihre Ausstellungsräume in der Böblinger Stadtgrabenstraße wieder aufzugeben. Die freie Künstlerin und Innenarchitektin aus Altdorf hat dort Anfang Oktober unter dem Namen "pb-art" eine eigene Galerie eröffnet. "Weil ich mich hier den Regelungen für den Einzelhandel unterwerfen muss, darf ich sonntags nicht öffnen", erklärt sie. Da Kunstinteressierte aber gerade Sonntage gerne für Ausstellungsbesuche nutzen, hatte Bäuerle ernsthaft überlegt, ihre Gewerbeanmeldung wieder zurückzuziehen.

"Diese Überlegungen sind dann aber genau in den erneuten Shutdown gefallen", ist sie nun froh, dass ihre Räume weiterhin geöffnet bleiben dürfen. Seit Mittwoch präsentiert sie dort eine neue Ausstellung - unter anderem mit Werken von Ingrid Zerfaß. Frust und Enttäuschung mache sich gerade unter den Künstlern breit. "Viele fragen mich, ob sie bei mir ausstellen können", berichtet Petra Bäuerle.

"Für mich stellt sich da die Frage nach der Sinnhaftigkeit", sagt Vera Reschke. Die Vorsitzende des Böblinger Kunstvereins kritisiert die aus ihrer Sicht widersprüchliche Regelung im Infektionsschutzgesetz. Reschke hat von anderen Kunstvereinen in der Region erfahren, die von ihren Städten eine Einstufung als Einzelhändler bekommen haben.

Eine entsprechende Anfrage hat sie nun an die Böblinger Stadtverwaltung geschickt. Schließlich würden bei den Ausstellungen im Alten Amtsgericht ja auch Bilder verkauft - genau wie in privaten Galerien. "Und die Pandemie-Auflagen mit Abstand und begrenzten Personenzahlen wären für uns sehr leicht erfüllbar", betont Reschke, die selbst Fotografin und Objektkünstlerin ist.

Auf Nachfrage der Kreiszeitung bestätigt Böblingens Kulturamtsleiter Peter Conzelmann Reschkes Anfrage. Die Entscheidungsgewalt liege hier jedoch beim Ordnungsamt, erklärt Conzelmann. Er sichert dem Kunstverein aber Unterstützung zu, falls die Kollegen vom Ordnungsamt für ihre Entscheidung noch weitere Informationen benötigen sollten.

Zwischen oder besser gesagt gleich auf zwei Stühlen sitzt Günter Baumann. Als Kurator der Galerie Schlichtenmaier mit Ausstellungsräumen im Schloss Dätzingen und in Stuttgart ist er derzeit gut beschäftigt. In beiden Häusern stehen Ausstellungseröffnungen an - in Dätzingen schon am Samstag, in Stuttgart eine Woche später (siehe Ankündigung in der Randspalte).

Baumann ist auch Ausstellungsleiter des Böblinger Kunstvereins. Die Galerieräume im Alten Amtsgericht sind derzeit für Besucher geschlossen. "Dabei könnte man die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln gerade in Museen und bei Ausstellungen doch wunderbar regeln", meint der Kunsthistoriker. Zumal bei der Kunst ja meist nicht unbedingt mit riesigen Publikumsandrang zu rechnen sei - sieht man von Massen-Events wie zuletzt der Rembrand-Sonderausstellung in Köln mit mehr als 160 000 Besuchern in vier Monaten einmal ab.

Ein großer Vorteil entstehe der Galerie Schlichtenmaier durch die bevorzugte Behandlung allerdings nicht, betont Baumann. Gerade im vergleichsweise abgelegenen Grafenau sei so ein Galeriebesuch oft eine touristische Unternehmung. "Wenn man von außerhalb kommt, geht man danach gerne noch etwas essen. Aber das geht momentan ja auch nicht", verweist er auf die geschlossenen Gaststätten.

Beim Kunstverein Böblingen hat die Corona-Pandemie die Planung mittlerweile sogar bis ins übernächste Jahr durcheinandergewürfelt. Da in diesem Jahr fast alle Ausstellungen ausgefallen sind und der Verein im nächsten Jahr sein 60-jähriges Bestehen feiert, habe man alle Gastkünstler auf 2022 geschoben. Das kommende Jahr soll ausschließlich Mitgliedern des Kunstvereins vorbehalten sein. "Das werden lauter Heimspiele. Da können wir auch flexibler reagieren", sagt Günter Baumann mit Blick auf die nach wie vor unsichere Planungslage.

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