Erdrückende Sittenstrenge

Buch-Tipp

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Artikel vom 29. November 2020 - 18:36

Von Roland Häcker

Der irakische Kurde Bachtyar Ali war in den 1980er Jahren ein aktiver Gegner Saddam Husseins. Bei einer Demonstration gegen das Regime erlitt er Verletzungen. Er verließ in den 90er Jahren den Irak und emigrierte nach Deutschland. Von Ali liegen bereits mehrere Romane vor. In "Perwanas Abend" lässt er die jüngere Schwester der lebensfrohen Perwana deren Geschichte erzählen.

Perwana verlässt eines Tages in Begleitung eines jungen Mannes ihr Elternhaus. Zusammen mit anderen Paaren verstecken sie sich in einem abgeschiedenen Tal. Dort wollen sie ein freies und der Liebe gewidmetes Leben führen. Das ist im sittenstrengen kurdischen Islam nicht möglich. Die religiöse Führung verlangt die Einhaltung strenger Scharia-Regeln. Weicht ein Mädchen davon ab, wird es "schuldig". Ihre Familie muss dafür büßen. Die Erzählerin wird unter der Obhut sittenstrenger Frauen in einem abgeschiedenen Heim "umerzogen". Dabei scheuen diese Fanatikerinnen auch vor brutalen Mitteln nicht zurück. Das "Gesetz Gottes" verlange von den Frauen die Unterdrückung jeder Lebensfreude. Tägliche Buße und ständige Koranlektüre sollen in den Mädchen jegliches "unzüchtige" Denken und Fühlen unterdrücken und sie vor dem Schicksal der "gefallenen" Schwestern bewahren. Radikale religiöse Führer wiegeln die Massen gegen die Abweichler im "Tal der Liebe" auf. Die müssen fliehen. Perwana und ihre Freundin werden gefasst und öffentlich hingerichtet.

Das Wort "Abend" im Titel ist eine harmlose Umschreibung ihres grausamen Todes. Perwanas Schwester erzählt dieses schreckliche Geschehen in einer ausdrucksstarken und bilderreichen Sprache. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit in einer von orthodoxer Strenge geprägten Gesellschaft, das ist das Thema des eindrucksvollen Romans.

Bachtyar Ali: "Perwanas Abend". Erschienen beim Verlag Union, 2019.