Aus dem Jägerhaus klingts swingend raus

Tilman Jäger setzte am Donnerstag seine Wohnzimmerkonzerte fort. Zu erleben war der Auftritt mit einem Tag Verspätung.

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    Reizvolles Wohnzimmerkonzert: Vater und Sohn an Flügel und Bass mit Vibraphonist Foto: Youtube

Artikel vom 29. November 2020 - 18:30

Von Bernd Epple

BÖBLINGEN/MÜNCHEN. Mit "Cello & more" war das am 27. November geplante Konzert der Böblinger Jazztime-Reihe übertitelt. Aus bekannten Gründen wurden seit Anfang des Monats jedoch jegliche Kulturveranstaltungen eingestellt. Die beliebte Jazz-Reihe konnte also nicht wie üblich in der Böblinger Kongresshalle stattfinden. Schon im Frühjahr hatte der musikalische Leiter Tilman Jäger aber die Idee, Livestreams aus seinem Haus in München zu senden.

Kontrabassist und Sohn Jakob war bei diesem Format "JazzTime@home" als Bassist gesetzt, ein weiterer Musiker war aufgrund von Jägers Kontakten ebenfalls aufzutreiben. Also durfte am Donnerstag der chilenische Vibraphonist Carlos Vera Lurrucea ran. Ein Ersatzspieler? Nein! In seinem Heimatland ist der Virtuose ein prominenter Musiker. Vor vielen Jahren verschlug es ihn nach Deutschland, wo er an der Münchner Musikhochschule sein Master Degree erlangte. In der Salsa Band der Hochschule lernte ihn Jäger kennen: "Als Vera eines Tages dort anklopfte, spielte der so gut, da hat es uns allen die Socken ausgezogen!" schmunzelte Jäger beim Livestream, der eigentlich gar keiner war.

Ein technisches Problem sorgte nämlich dafür, dass keine Liveübertragung zustande kam. Die Jazzfreunde, die via Newsletter über die Veranstaltung informiert waren, warteten zunächst also vergeblich auf die Übertragung. Erfreulicherweise wurde am Freitag ein neuer Link versandt, sodass man mit eintägiger Verzögerung doch noch zum Musikgenuss gelangen konnte.

Wie schon bei den vorangegangenen Livestreams aus dem Jägerhaus, bat die Dame des Hauses, Eva-Maria Jäger, den Kameramann ins Wohnzimmer, wo bereits ein paar Takte des Trios zu hören waren. Mit John Lewis "Afternoon in Paris" begann das Programm, das auch diesem Pianisten und Komponisten gewidmet war. "John Lewis & more" war den drei Musikern auf den Leib geschneidert. War es doch, mit Ausnahme des fehlenden Schlagzeugers, dieselbe Besetzung wie die des legendären "Modern Jazz Quartet", das in den 50er, 60er und 70er Jahren für Furore gesorgt hatte.

John Lewis war Pianist, Komponist und Arrangeur dieser Besetzung. Unter Lewis Regie hatte sich die Formation ihre eigene Nische geschnitzt, indem sie sich auf elegante, zurückhaltende Musik spezialisierte und einen raffinierten Kontrapunkt verwendete. Von der Barockmusik inspiriert, bewahrte sich die Combo dennoch ein starkes Bluesgefühl. Im "Livestream" aus dem Jägerhaus gab es neben Swing, Blues und Jazzballaden also auch Barockanklänge aus Lewis Feder zu hören.

Neben der bekannten Klasse von Vater und Sohn Jäger überraschte Carlos Vera mit einem überragenden Vibraphon-Spiel, das dem von Milt Jackson (Modern Jazz Quartet) in nichts nachstand; zumindest nicht wahrnehmbar für einen Nicht-Vibraphonisten. Besonders beim "Blues in C Minor" tanzten seine Schlägel - zeitweise vier an der Zahl - über die Metall-Platten seines Instruments, dass es eine wahre Freude war zu erleben, wie Vera in diese Musik eintauchte.

Auch Johann Sebastian Bach ist als Jazzversion zu hören

Neben Lewis-Kompositionen war auch der große Meister des Barocks, Johann Sebastian Bach, selbst an der Reihe. "Jesu meine Freude" erhielt einen frischen Jazz-Trio-Anstrich, bei dem spannende harmonische Abweichungen vom Original für eine interessante und durchaus wohltuende Abwechslung sorgten. Eine Thelonious Monk-Komposition, die Jäger einmal für Bigband arrangiert hatte, erlebte schließlich noch seine Premiere in Trio-Besetzung. Ergebnis: Äußerst gelungen! In der darin eingestreuten Salsa blühte Veras Latin Groove-Herz in aller (Klang)-Farbenpracht auf. Milt Jacksons "Bags' Groove" und Jägers Lewis-Lieblingsstück "Skating in Central Park" setzten die Schlussakkorde des gut einstündigen Konzertes, das man sich in ähnlicher Form bald wieder "live" herbeisehnt.

Das Online-Konzert findet man auf Youtube unter JazzTime@home.

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