Kultur im Lockdown: Die Spaßmacher haben nichts zu lachen

Kultur im Lockdown (Teil 4): Für die Kleinkunstszene ist das Jahr 2020 eine echte Katastrophe. Das bestätigt auch Gerhard Gamp. Der künstlerische Leiter der "Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" und Agenturchef hat derzeit fast nur noch mit Absagen zu tun.

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    Gerhard Gamp sitzt auf der Bühne im Alten Amtsgericht: In dem kleinen Theater ist es in letzter Zeit still geworden Foto: Eibner/Juergen Biniasch

Artikel vom 29. November 2020 - 20:00

Von Jenny Schwartz

BÖBLINGEN. Fast alle Veranstaltungen wurden abgesagt oder auf das kommende Jahr verschoben, was nicht nur für eine finanzielle Krise sorgt, sondern auch enorm auf die Psyche schlägt. Als Theaterleiter im Alten Amtsgericht und Inhaber einer Künstleragentur muss Gerhard Gamp seit Monaten nahezu täglich unerfreuliche Telefonate führen. "Das Problem sieht folgendermaßen aus: Die meisten Veranstaltungen, die für dieses Jahr geplant waren, wurden auf 2021 oder 2022 verschoben", verdeutlicht Gamp.

"Aber das bedeutet auch, dass alle ursprünglichen Pläne für 2021 über den Haufen geworfen wurden." Die geplanten Künstler für 2021 kommen also nicht zum Zug. "Und das ist gerade für Newcomer ein großes Problem." Auch die internationale Kulturbörse in Frankfurt, wo Veranstalter normalerweise die Künstlerprogramme für das kommende Jahr buchen, findet 2021 nicht statt. "Durch all diese Aspekte bekommen junge Leute kein Bein in die Kleinkunstszene", bedauert der Böblinger. "Da werden in Sachen Nachwuchs noch einige Schwierigkeiten auf uns zukommen."

Bekannte Größen wie Chris Tall, Mario Barth oder Michael Mittermeier sind von den Corona-Problemen natürlich weniger betroffen. "Die spielen quasi in der Championsleague und werden regelmäßig vom Fernsehen gebucht", erklärt der 68-Jährige. "Aber der Rest, und das ist die breite Masse, leidet unter der Situation." Und das nicht nur finanziell: "Die Menschen leben für die Bühne und üben ihren Beruf aus Leidenschaft aus", weiß Gerhard Gamp. "Da ist der Applaus fast wichtiger als das Honorar."

Viele fallen in ein kreatives Loch

Diesen engen Kontakt mit dem Publikum können auch Formate wie YouTube-Videos oder Live-Streams nicht ersetzen. Zwar haben diese Ersatzprogramme anfangs gut funktioniert, doch viele Künstler und Kleinkunstbühnen stellen mittlerweile fest, dass das Interesse daran allmählich abebbt. Letztendlich ist es nämlich die Interaktion mit dem Publikum, von der das Kabarett lebt. Kein Wunder also, dass viele Kleinkünstler inzwischen in ein kreatives Loch gefallen sind. "Momentan bin ich weniger Kulturagent als Psychologe", sagt Gamp. "Gerade geht es nicht mehr um Tourplanungen, sondern um seelischen Beistand."

Auch von Kleinkunstbühnen erhält der Kabarett-Experte inzwischen immer häufiger die Nachricht, dass der letzte Vorhang gefallen ist. Die Pacht und Erhaltung der Institutionen ist finanziell vielerorts nicht mehr zu stemmen. Das Alte Amtsgericht auf dem Böblinger Schlossberg sei von dem Bühnensterben aber glücklicherweise nicht betroffen. "Wir sind in der glücklichen Lage, ein komplett ehrenamtlicher Verein zu sein, der von der Stadt die Location und Zuschüsse bekommt", erläutert Gamp. "Unsere Fixkosten sind dadurch gedeckt, deshalb herrscht bei uns keine finanzielle Not." Auch die Mitgliederbeiträge der 240 Mitglieder tragen zum Erhalt des Vereins bei.

Trotzdem sind Absagen von Großveranstaltungen wie beispielsweise dem Comedy-Festival für die "Kultourmacher" eine traurige Geschichte. Zumal der "Mechthild"-Preis bereits 2019 nicht verliehen werden konnte, weil das Festival auch damals wegen Umbauarbeiten in der Böblinger Kongresshalle abgesagt werden musste.

Die "Kultourmacher" möchten ihre Künstler aber dennoch unterstützen und bieten jenen, die in diesem Jahr aufgetreten wären, eine Abschlagszahlung von 50 Prozent der Garantiegage an. "Das ist unser sozialer Beitrag", meint Gamp, der früher mit der Gruppe Streusalz über viele Jahre selbst als Kabarettist auf der Bühne stand. Zwar wurden die Auftritte der Künstler auch im Alten Amtsgericht einfach um ein Jahr verschoben. "Aber das ändert ja nichts daran, dass ihnen jetzt das Geld fehlt."

Die "Kultourmacher" sind außerdem bemüht, sich mit dem Alten Amtsgericht weiterhin präsent zu zeigen. Mit Plakaten in den leeren Schaukästen der Stadt Böblingen oder durch Weihnachtsgrußkarten erinnern sie daran, dass die Zwangspause nicht für immer anhalten wird. "Wir werden auch unser Restprogramm im Amtsblatt veröffentlichen, mit dem Vermerk, dass die Veranstaltungen auf das nächste Jahr verschoben wurden", verrät der ehemalige Lehrer und Fachberater für Personalentwicklung am Regierungspräsidium.

So können sich die Zuschauer zum einen auf das kommende Jahr freuen. Zum anderen regen die "Kultourmacher" dazu an, doch mal in YouTube-Videos oder Livestreams hineinzuschauen. "Einfach, um die Vorfreude zu steigern", meint Gamp.

Bei manchen Livestreams hätten die Zuschauer sogar die Möglichkeit, Spenden für die Künstler zu überweisen und so ihre Unterstützung zu zeigen. Andere Akteure bieten dagegen DVDs oder CDs mit ihren Programmen auf der eigenen Website zum Kauf an. "Zu empfehlen wäre auch beispielsweise das neue Buch von Roberto Capitoni", rät Gamp. Der schwäbisch-italienische Comedian, der schon mehrfach im Alten Amtsgericht zu Gast war, habe die spiellose Zeit genutzt, um eine Comedy-Biografie zu schreiben.

Lesen, Golfen und Klavierspielen

Auch Gerhard Gamp hat durch die vielen Ausfälle jetzt deutlich mehr Zeit. Doch der pensionierte Studiendirektor weiß genau, wie er diese nutzen kann. "Momentan habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, die Bücher nochmal zu lesen, die schon seit Jahren bei mir im Regal stehen." Der Böblinger hat da nämlich ein ganz bestimmtes System: In jedes Buch schreibt er vorne das Datum des ersten Lesens sowie ein Schlagwort, was zu dieser Zeit so bei ihm los war. "Das ist hochinteressant, an viele der Bücher habe ich mich gar nicht mehr erinnert", meint der geborene Südschwarzwälder.

Auch seine Passion für das Golfspielen könne er weiterhin ausüben. "Und ich setze mich zur Zeit wieder ans Klavier", verrät er. "Das habe ich seit fast 40 Jahren nicht mehr gemacht." Wenn Gerhard Gamp einen Rat an die Leser hat, dann, dass sie der Corona-Passivität unbedingt entgegenwirken sollen, um in kein Loch zu fallen. Und kommendes Jahr sorgen die Kleinkunst-Veranstaltungen im Alten Amtsgericht dann hoffentlich wieder für einige Highlights.

Infos zu ausgefallenen beziehungsweise verschobenen Terminen finden sich unter
http://www.diekultourmacher.de im Netz.
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