Ein im wahrsten Sinne des Wortes revolutionäres Album

CD-Tipp: "Bread and Roses" von Jo Ambros

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    Jo Ambros bei der Präsentation seiner aktuellen CD im Rahmen der Eröffnung der neuen Ausstellung "5 vor!" im Böblinger Bauernkriegsmuseum Anfang Oktober Foto: Stefanie Schlecht
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Artikel vom 23. November 2020 - 16:54

Von Bernd Epple

Jo Ambros entstammt der Talentschmiede des Böblinger Albert-Einstein-Gymnasiums. In den frühen 90er-Jahren war er Weggefährte von Joachim Staudt (Saxophon), Jogi Weiß (Schlagzeug) oder Martin Simon (Kontrabass) in der relativ neu gegründeten AEG-Bigband, von der ihr Leiter Tilmann Jäger noch heute schwärmt: "Nie wieder hatten wir so viele starke Solisten zusammen!"

Die exemplarisch erwähnten Bigband-Kollegen blieben der Musik treu und machten sie zum Beruf, wie auch Jo Ambros. Der 47-jährige Wahlberliner ist republikweit längst ein gefragter Sideman oder Studiomusiker, spielte unter anderem mit dem US-Pianisten Les McCann, der US-Sängerin Helen Schneider, dem Chansonnier Tim Fischer oder war unter vielen anderen mit Cat Stevens im Studio.

Im Frühsommer 2020 überraschte er nun mit einem interessanten Soloprojekt, das seinen Anfang bereits 2007 im Böblinger Bauernkriegsmuseum nahm. Der Künstler Gérard Krimmel stellte damals seine "Werke zu Bauernkrieg & Revolution" aus. Dazu gab es eine Musikperformance von Martin Johnson (Piano), Jogi Nestel (Percussion) und Jo Ambros. Das Thema ließ den Gitarristen seither nicht mehr los: Nach über zehn Jahren fand er nun Zeit und Muße, mit "Bread and Roses" seine Ideen zum Thema "Politisches Lied" umzusetzen.

Auf die Frage, warum er dieses Thema aufgreift, sagt Jo Ambros: "Ich frage mich seit Längerem, warum in diesen politisch bewegten Zeiten so wenig politischer Inhalt aus der Popkultur kommt." Er müsse sich deswegen als Musiker und öffentliche Person auch selbst fragen, ob und wie er sich äußere. "Musik ist mein Medium, aber ob Klang an sich politisch ist, oder das Musizieren selbst, weiß ich noch nicht. Lieder zu spielen, die politisch und geschichtlich eine Bedeutung haben, bietet mir die Möglichkeit, sowohl zu musizieren, als auch mich mit Geschichte und Inhalt auseinanderzusetzen, und den Hörern sowohl ästhetisch als auch intellektuell etwas zu bieten".

Bedient hat sich der Gitarrist aus der großen Schatztruhe der Streik-, Kampf- und Revolutionslieder. Doch die Interpretation hat sehr wenig mit dem zu tun, was man landläufig von Liedern wie "Die Moorsoldaten", "Hasta siempre, comandante", "We Shall Overcome" oder "Die Internationale" erwarten würde. Musikalisch sind die instrumental gehaltenen Titel "Ambros durch und durch".

Mit seiner gitarristischen Vielfältigkeit geht er genreübergreifend und mit eigenwilliger Interpretation in die Stimmungen der jeweiligen Stücke. Ambros spielt mit dem Material und lenkt so die Aufmerksamkeit auf die Melodien. "Bread and Roses" (der Titeltrack) und "Foggy Dew" sind als Balladen angelegt, die Melodien eingebettet in breite Harmonien. Die Hauptstimme von "Ah! Ca ira" und der "Internationalen" spielt Ambros knochentrocken.

Manche Songs bürstet er gegen den Strich: So wird die "Internationale" zum Reggae und das friedfertig-hoffnungsvolle "We Shall Overcome" ist der aggressivste Song. Wir würden die Lieder heute kaum kennen, wenn sie nicht auch musikalisch stark wären. So kann in diesem Fall auch mal auf die dazugehörigen Texte verzichtet werden. Die Sprache der Musik lässt zudem einen gewissen eigenen Interpretationsspielraum.

Ohne seine beiden Mitstreiter auf dieser CD, Dieter Fischer am Bass und Johann Polzer am Schlagzeug, dürften diesen spannenden Arrangements jedoch etwas fehlen. Deren Kraft und Einfühlungsvermögen sublimieren die jeweiligen Stimmungen und tragen zur Klarheit der musikalischen Aussagen bei. Ambros ist ein Soundfreak, der es hervorragend versteht, die Regler seines Gitarrenequipments so einzustellen, dass die passende atmosphärische Wirkung entsteht.

"Die Auseinandersetzung mit politischen Themen dauert schon länger an", betont Ambros. Allerdings sei momentan die Frage "Wie wollen wir leben?" noch präsenter und prägnanter als sonst. "Es ist wirklich gerade für alle Menschen eine schwierige Zeit. Vielleicht kann Musik in solchen Zeiten ja sogar einen positiven Beitrag leisten", meint er.

Wer ein offenes Ohr für Neuinterpretation und feine Gitarrenklänge hat, macht mit dem Kauf dieser CD gewiss nichts falsch.

Das Album "Bread and Roses" ist zu beziehen über die Website von Jo Ambros: http://www.joambros.net oder direkt per Email (Adresse: post@joambros.net).
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