Innenansichten eines Monsters

Buch-Tipp

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Artikel vom 20. November 2020 - 16:00

Von Roland Häcker

Dass jemand mehr als 20 junge Menschen tötet, sie zerstückelt und in einem See "entsorgt", ist schwer vorstellbar. Aber es ist geschehen, vor etwa 100 Jahren, zwischen 1918 und 1924, in Hannover. Der Journalist Dirk Kurbjuweit, Jahrgang 1962, unternimmt den Versuch, den Massenmörder Fritz Haarmann zu verstehen und sein entsetzliches Handeln aus dem Dunkel des Unbegreiflichen zu holen.

Dazu greift Kurbjuweit auf zeitgenössische Quellen zurück. Er denkt sich hinein in den Täter und versucht sogar dessen Gedanken zu formulieren: In jedem Kapitel kommt Haarmann selbst zu Wort. In diesen Monologen ist ihm zwar sehr wohl bewusst, was er tut, aber es fehlt ihm jedes Schuldgefühl. Kurbjuweit erfindet einen Ermittler, der lange erfolglos nach dem Mörder sucht. Kommissar Lahnstein ist selbst ein gebrochener Mann, ein Anhänger der Sozialdemokraten. Er duzt den Genossen Noske, den umstrittenen Sicherheitsminister. Lahnstein war Pilot im Ersten Weltkrieg und hat seine Frau und den gemeinsamen Sohn durch die Spanische Grippe verloren. Man schickt ihn nach Hannover, weil die dortige Polizei mit der Suche nach dem Massenmörder überfordert zu sein scheint. Haarmann wurde offenbar von ihr gedeckt, weil er Informationen aus dem Milieu der Homosexuellen lieferte. Der Paragraf 175 war damals noch in Kraft. Als man Haarmann schließlich verhaftet, leugnet er lange seine Taten. Es wird zu einer schwierigen Aufgabe, ihn zu einem Geständnis zu bewegen.

Ein Roman, der anschaulich macht, was eigentlich jenseits unserer Vorstellungskraft liegt.

Dirk Kurbjuweit: "Haarmann". Erschienen beim Verlag Penguin, 2020.