Meinung: Ein Plädoyer für Kunst und Musik

Ein Meinungsbeitrag von KRZ-Mitarbeiter Matthias Haug, Mitglied der Bow-Tie-Bigband und der Theatergruppe D'Rankbachel.

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    Konzerte und andere Kulturerlebnisse werden derzeit schmerzlich vermisst Foto: Unsplash

Artikel vom 21. November 2020 - 10:00

RENNINGEN/KREIS BÖBLINGEN. Wir schreiben das Jahr 2020 und führen ernsthafte Diskussionen über die Relevanz von Kunst. Von nicht wenigen auch als Unterhaltung, Freizeitaktivität, Hobby oder gar als Luxus bezeichnet. Kaum jemand redet von der Bedeutung, die Kunst im Laufe der Zeit und in allen für uns geschichtlich greifbaren Epochen eingenommen hat.

Auf die einzelnen Facetten der Kunst einzugehen, sprengt den Rahmen dieser Zeilen. Handwerkliche Kunst, bildende Kunst, abstrakte Kunst - es spielt für diese Betrachtung keine Rolle. Was ich meine, wird am besten deutlich mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe. Viele kennen ihn vielleicht von einem Abrisskalender, den sie von der Oma zu Weihnachten geschenkt bekommen haben. Er hat in seiner "Freizeit" so ein paar Texte geschrieben. Dem war bestimmt arg langweilig. Er sagte: "Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."

Der Stellenwert von Kunst und Kultur ist nicht allein eine Geschmacksfrage, sondern sagt einiges über uns Menschen aus. Ich möchte nicht sagen, dass Leute, die keine Musik mögen oder nichts lesen oder sich nicht an Kleinigkeiten erfreuen können, dumme Menschen sind. Aber sie sind eher nicht mit der Gabe ausgestattet, Feinfühligkeit, Empathie und Toleranz zu entwickeln.

Ich möchte mich hier auf die Musik konzentrieren. Musik. Mit den Ohren wahrnehmbarer Gefühlsausdruck. Bei Musik geht es nicht in erster Linie um handwerkliche Fähigkeiten bei der Beherrschung von Instrumenten, sondern um das Gefühl des Menschen, der diese betätigt. Bei der Musik geht es nicht um Noten, sondern um das Gefühl, mit dem diese gespielt werden. Wenn ein Mensch ein Instrument beherrscht, ist er fraglos am ehesten dazu in der Lage. Doch Musik ist die schönste Form der Kommunikation, die schönste Form, seine Gefühle auszudrücken. Vor allem, wenn einem die Worte fehlen.

Umgekehrt empfindet man als Zuhörer dieses Gefühl. Es macht etwas mit einem. Es geht durch unser Gehör, bahnt sich den Weg in unser Hirn (sofern vorhanden) und in unser Herz (sofern nicht versteinert). Musik löst - so wie jede Kunstform - Gefühle aus.

Musik wirkt auf uns. Immer. Es gibt keine Menschen, die nicht empfänglich sind für Musik. Musik ersetzt nicht unser Leben, aber es macht es erträglicher. Sowohl im Falle von Niedergeschlagenheit also auch in glücklichen Momenten.

Musik sozialisiert. Durch die Musik selbst, zudem durch ihre Künstler. Natürlich ist es "erlaubt", dass Künstler persönliche, gesellschaftliche und politische Botschaften senden. Auch das wird dieser Tage immer wieder in Frage gestellt. "Die sollen doch Musik machen und mich nicht politisch belehren", heißt es dann. Imagine all the people living life in peace, sang John Lennon. Ja, was für eine "grausame" Vorstellung . . .

Beistand für den Fußball hätte man sich auch für die Kunst gewünscht

Künstler haben es aktuell schwer. Ich meine nicht die Bruce Springsteens, Mariah Careys oder Die Ärzte. Die, die nicht durch ihre Kunst (überwiegend zurecht) reich wurden, sondern davon (weiterhin) leben wollen. Das ist ein gewaltiger Unterschied - und die überwältigende Mehrheit. Dazu die Arbeiter, die das Ausführen der Kunst ermöglichen. Techniker, Roadies, Fahrer, Konzertveranstalter, Musikclubs, Gastwirte.

Die Selbstverständlichkeit, mit welcher die Ausübung professionellen Sports (vor allem Fußball) ermöglicht wurde, hätte man sich auch für den Erhalt der Kunst gewünscht. Klar können aktuell keine Massenveranstaltungen stattfinden. Aber Hygienekonzepte für Kulturveranstaltungen mit 100 bis 500 Besuchern gibt es. Und wenn schon die Schotten dicht gemacht werden, haben diese Künstler auch ein Recht darauf, nicht nur Übergangsgeld, sondern auch eine Perspektive aufgezeigt zu bekommen.

Ohne eine solche Perspektive wird es still. Kein Konzertabend im Club, kein Theaterabend auf kleinen Bühnen, kein Kabarett um die Ecke. Nur noch Netflix und Chill. Auf Dauer eher nicht so prickelnd. Dazu die inflationär produzierten Schund-TV-Sendungen, in denen durcheinander gepoppt, wirres Zeug geredet und asoziale Attitüden verbreitet werden.

Das Kernproblem ist letztlich, dass immer mehr verwöhnte Ärsche in unseren hedonistisch geprägten Zeiten keinen Sinn mehr für feinfühlig ersonnene Künste haben und sich niemals an den Rat von Herrn von Goethe halten würden. Zumindest an den letzten Teilsatz. Wäre es anders, hätten wir eine größere Chance, dass unsere Gesellschaft nicht nur dem Zweck des eigenen Vorteils hinterherhechelt, sondern Sinn für andere Menschen, andere Kulturen und Facetten des Zusammenlebens entwickelt.

Das ist nämlich die größte Errungenschaft der Kunst, dass sie dies leisten kann. Die Kunst wiederum ist die größte Errungenschaft des Menschen, weil sie zu kleinen und großen, zumeist guten Taten anspornt. Weil sie Grenzen sprengt und Menschen zusammenbringt. Weil sie uns von den Menschen unterscheidet, die mit Ängsten spielen statt mit Hoffnungen. Und von denen, die unsere Gesellschaft spalten wollen.

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