Böblinger Kleinkunst-Verein sendet Lebenszeichen

Der Böblinger Verein "Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" musste wegen Corona sein restliches Jahresprogramm komplett absagen. Ein deutsch-französischer Chansonabend im Paladion-Zelt ermöglicht ein herzliches Wiedersehen mit den Zuschauern.

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    Mit Freude bei der Sache: Chanson-Künstler Marcel Adam bei seinem Auftritt in Böblingen Fotos: Stefanie Schlecht/Thomas Bischof/Archiv

Artikel vom 18. September 2020 - 17:00

BÖBLINGEN (red/edi). Ein bisschen Normalität in schwierigen Zeiten und zugleich ein Dankeschön ans Publikum - das wollten "Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" mit einem deutsch-französischen Chansonabend erreichen, zu dem der Verein am Donnerstagabend in das Gastro-Zelt der Paladion-Gaststätte im Böblinger Silberweg eingeladen hatte. Den Ort hatten die Veranstalter als Alternative zum Alten Amtsgericht gewählt, weil die Raumsituation auf dem Schlossberg zu beengt gewesen wäre.

Marcel Adam ist seit 35 Jahren als Liedermacher nicht nur in Frankreich, sondern auch auf Tourneen in ganz Deutschland unterwegs. Der Sänger war schon einige Male im Alten Amtsgericht zu Gast. Er gab zusammen mit dem Akkordeonisten Christian Di Fantauzzi deutsche und französische Klassiker zum Besten. Einige erwiesen sich als sehr passend zur derzeitigen Situation, darunter die hoffnungsvolle Nena-Ballade "Wunder geschehen" und Adams traditionelles Schlusslied: eine Vertonung von Dietrich Bonhoeffers Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen".

Der Eintritt zu der Veranstaltung war frei. "Das war als eine Art Give-Away an unsere Gäste gedacht", erklärt der Vereinsvorsitzende Michael "Maigg" Wieczorek. Wobei die Zuschauer ihrerseits offenbar ebenso das Bedürfnis hatten, sich erkenntlich zu zeigen. "Unsere Spendenkasse war am Ende gut gefüllt", freut sich Wieczorek.

Die Veranstaltung war gut besucht, sämtliche Plätze waren besetzt. Kein Wunder: Man hat sich schließlich lange nicht mehr gesehen. Die Corona-Krise hat die "Kultourmacher" seit Inkrafttreten der strengen Pandemie-Maßnahmen Mitte März zur Absage sämtlicher Veranstaltungen gezwungen.

Zuletzt musste der Verein wegen der unsicheren Planung und des hohen finanziellen Risikos auch das Comedy-Festival absagen - zum zweiten Mal in Folge. Vergangenes Jahr musste die Verleihung der "Böblinger Mechthild" wegen Renovierungsarbeiten in der Kongresshalle ausfallen.

Doppel-Session als Test für neue Kabarett-Saison

Und wie geht es jetzt weiter im Alten Amtsgericht? "Wir haben entschieden, dass wir dieses Jahr nichts mehr machen", sagt Maigg Wieczorek. Man habe deshalb alle Termine ins nächste Jahr verschoben. Dass der Betrieb in dem normalerweise für 90 Zuschauer ausgelegten Theater ab Januar aber wieder so wie vor Corona anlaufen kann, erscheint derzeit eher zweifelhaft.

"Wir wollen deshalb noch in diesem Herbst einen Versuchsballon starten", erklärt der Vereinschef. Ähnlich wie dies derzeit zum Beispiel gerade bei Konzerten wie der Orgelmusik in der Sindelfinger Martinskiche geschieht, wollen die Kleinkunst-Veranstalter es mit zwei direkt aufeinanderfolgenden Kurzauftritten mit jeweils demselben Programm probieren. So könnten nach Wieczoreks Schätzung in dem kleinen Theatersaal zweimal hintereinander je 30 Zuschauer Platz finden. Diese "Doppel-Sessions", wie Wieczorek das angedachte Format nennt, wären jeweils etwa 30 bis 45 Minuten lang. "Ein Auftritt könnte dann zum Beispiel um 19.30 Uhr anfangen und der andere um 21 Uhr", erklärt er. "Zwischen den Auftritten würden wir dann den Raum durchlüften und die Kontaktflächen desinfizieren." Eine "Einbahnstraßen-Regelung" mit getrenntem Ein- und Ausgang würde unnötige Engpässe vermeiden. Auf diese Weise könnte man alle nötigen Abstands- und Hygienregeln einhalten.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wann und mit welchem Künstler beziehungsweise welcher Künstlerin man diesen "Versuchsballon" starten soll. Angedacht ist ein Termin Ende Oktober, Anfang November. "Anfragen liegen uns schon etliche vor", sagt Wieczorek. Allerdings müsse man noch einen passenden Termin finden. Außerdem sollte es schon ein bekannter Name sein, findet der Böblinger. "Arnulf Rating wäre super", meint Maigg Wieczorek.

Der Polit-Kabarettist Arnulf Rating steht ganz oben auf der Wunschliste

Ein Auftritt des unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichneten Polit-Kabarettisten war ohnehin für November geplant. Sollte die Doppel-Session funktionieren und vom Publikum gut angenommen werden, sehen die "Kultourmacher" eine realistische Chance für die Kleinkunst-Saison 2021 im Alten Amtsgericht.

Und bis dahin ruht der Betrieb in den Künstlerhaus auf dem Schlossberg? Nicht ganz: Wie schon berichtet, nutzt die Böblinger Musikschule seit Juni und wohl noch bis zum Jahresende die Räume der "Kultourmacher" für den Unterricht. Und auch der Böblinger Kunstverein ist wieder aktiv. Zuletzt eröffnete im "Kabinett" im ersten Stockwerk die Ausstellung des jungen Stipendiaten Ivan Zozulya.

Die Kultur bleibt also weiter lebendig im Alten Amtsgericht.

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