Bluefonque-Band begeistert bei Böblinger Marktplatz-Sommer

Die im Blauen Haus beheimatete Bluefonque-Band ist durchweg mit herausragenden Profi-Musikern besetzt. Der Auftritt der Formation beim Böblinger Marktplatz-Sommer am Donnerstagabend zeigt, was der lokalen Kulturszene derzeit fehlt.

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    Hoch hinaus: Kolinda hat einen Stimmumfang von vier Oktaven. Links im Bild: Basser Alwin Mills, am Keyboard: Rainer Scheithauer Foto: edi

Artikel vom 14. August 2020 - 18:00

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. Das Blaue Haus auf dem Böblinger Brauereigelände ist längst kein Geheimtipp mehr. Was das Kulturnetzwerk das Jahr über in rund 90 Veranstaltungen an Programm bietet, hat sich weit über die Kreisgrenzen herumgesprochen. Das hat sich am Donnerstagabend auch beim Böblinger Marktplatz-Sommer gezeigt. Das Gastspiel der im Blauen Haus beheimateten Bluefonque-Band hat mit knapp 200 Zuschauern sogar mehr Leute angelockt als am Abend zuvor der zweifache Zauber-Weltmeister Topas. Und trotz angezogener Corona-Bremse in Form von Mitsing- und Tanzverbot herrschte beste Stimmung.

Die allmonatliche Jam-Session von Bluefonque gehört zu den Highlights im Blauen Haus. Die Band rekrutiert sich durchweg aus Profi-Musikern: Der Böblinger Bassist Alvin Mills stand unter anderem schon mit Shaggy, En Vogue und Chaka Khan auf der Bühne; Rainer Scheithauer spielt Keyboard bei Herbert Grönemeyer und wäre - wenn es Corona nicht gäbe - im Frühjahr mit Michael Bolton auf große Asien-Tour gegangen; Drummer Stephan Schuchardt hat unter anderem bei The Wright Thing und Purple Schulz gespielt; Schramberger Jazz-Saxofonist Arno Haas hat von Al Jarreau über Helene Fischer bis Richard Clayderman und Tom Novy schon zahllose Musikgrößen aus unterschiedlichsten Genres als Gastsolist unterstützt.

Diese Musiker allein sind schon Grund genug, warum die Gastspiele von Bluefonque im Blauen Haus Kultstatus haben. Was die intimen Clubkonzerte aber noch reizvoller macht, sind die hochkarätigen Gastmusiker, die sich die allesamt bestens vernetzten Profis zu ihren regelmäßigen Montags-Gigs einladen. Mit Kolinda Brozovic und Alex Auer hat sich die Gruppe zwei besonders herausragende Künstler für ihren Auftritt beim Marktplatz-Sommer ausgewählt.

Gitarrist Alex Auer hat unter anderem mit Laith Aldeen, Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims zusammengearbeitet. Was dieser Mann aus seinen sechs Saiten herausholt, ist eine Wucht. Für seine Soli bei Rock-Krachern wie "Are you gonna go my Way" oder lässigen Hip-Hop-Covers wie der G-Funk-Nummer "Regulate" von Warren G. oder "Gangsta's Paradise" von Coolio erntete er immer wieder begeisterten Zwischenapplaus. Bei diesen Stücken zeigte er auch, über welche Bandbreite seine Stimme verfügt: von Blues über Reibeisen-Rock bis hin zur funkigen Kopfstimme wie bei Prince.

Action-Painting mit E-Gitarre

Für ein beinahe orgiastisches Klangerlebnis sorgte Auer zusammen mit Basser Alvin Mills, als er in der zweiten Konzerthälfte für eine "Slide-Guitar"-Einlage sein Instrument auf die Beine legte und mit Jimi Hendrix' "Voodoo Child" den Rahmen für ein ungestümes Rockgemälde steckte. Wie bei einem Action-Painting warfen Auer und der wie immer vor Ideen sprühende Mills einen Rockklassiker nach dem anderen auf die musikalische Leinwand. So landeten die beiden von Hendrix' Wah-Wah-Effektzauber über Led Zeppelins "Whole Lotta Love" schließlich bei dem zornigen Anti-Rassismus-Song "Killing in the Name" von Rage against the Machine. Wären da nicht die Corona-Regeln gewesen, hätte es zu diesem Zeitpunkt wohl kein Zuschauer mehr auf seinem Klappstuhl ausgehalten.

Mit Kolinda Brozovic hatte die Band darüber hinaus eine Künstlerin am Start, bei der die inflationär gebrauchte Bezeichnung "Ausnahmesängerin" ausnahmsweise einmal nicht übertrieben ist. Die gebürtige Kroatin stand ebenfalls bereits mit vielen deutschen Musikgrößen von Xavier Naidoo bis Sascha auf der Bühne. Mit einem Stimmumfang von vier Oktaven, mitreißender Energie und einer charmanten Bühnenpräsenz bringt die Frankfurterin alles mit, was einen Popstar ausmacht. Diesen Status hat sie bisher zwar noch nicht erreicht hat, aber dafür wurde sie in Böblingen wie einer gefeiert.

Kein Wunder: Schon ihr erster Song war eine echte Ansage: "I'm Every Woman" - im Original aus dem Jahr 1978 von Chaka Khan gesungen, durch Whitney Houston im Soundtrack zum Film "Bodyguard" 15 Jahre später noch einmal zum Hit geworden. An der verstorbenen Soul-Diva hat sich schon manche Sängerin verhoben. Nicht Kolinda Brozovic. Bei diesem und weiteren Disco- und Soul-Klassikern von "Lady Marmelade" über Jessy J's "Domino" bis "Don't start me now" von Dua Lipa schraubte sie ihr Organ immer wieder in schwindelerregende Höhen.

Zum "Auswärtsspiel" von Bluefonque waren viele Blaues-Haus-Stammgäste gekommen. Diese freuten sich gemeinsam mit den Musikern, endlich wieder ihre lange vermisste Funk-Soul-Party feiern können - wenn auch nur im Sitzen. Dafür wurde aber insbesondere in den vorderen Reihen heftig mit den Stühlen gewackelt.

Katrin Schmidt, die stellvertretende Vorsitzende des Kulturnetzwerks zeigte sich rundum zufrieden mit dem Abend. Dass das Bluefonque-Konzert eigentlich zum Abschluss der vom Blauen Haus und der Sindelfinger IG Kultur gestarteten Kooperations-Reihe "Cooltur" am 19. September angedacht war, spielt für sie keine Rolle mehr. Marktplatz-Sommer-Veranstalter Sanoj Abraham hatte beim Blauen Haus angefragt, ob er die Band für sein Festival buchen kann (wir berichteten). Diesem Wunsch sind die Böblinger Kulturnetzwerker gerne nachgekommen. Wie der Abend gezeigt hat, war das eine wirklich gute Idee.

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