Marktplatz-Sommer: Böblingen lässt sich was entgehen

Seit einer Woche treten beim Marktplatz-Sommer bekannte und hochkarätige Künstler auf der Freilichtbühne vor dem Rathaus auf. Die Bevölkerung nimmt von dem vielfältigen Angebot kaum Notiz. Bei den Auftritten von Lisa Fitz und Topas bleiben viele Plätze leer.

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    Ob die Hand am Ende wieder dran ist? Zaubershow mit Topas. Foto: edi
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    Kabarett mit Biss und Köpfchen: Lisa Fitz Foto: Eibner/Roger Buerke
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    Maskenpflicht auf der Bühne: Topas (r.) mit Zuschauer Klaus Blank

Artikel vom 13. August 2020 - 17:00

Von Jenny Schwartz und Eddie Langner

BÖBLINGEN. Kritisch, intelligent und provokant - so kennt man Lisa Fitz. Und so gibt sich die Kabarettistin aus Niederbayern am Dienstagabend auch bei ihrem Auftritt beim Böblinger Marktplatz-Sommer. "Flüsterwitz" heißt das Programm der ehemaligen Moderatorin. Warum, verrät sie auch ohne Umschweife. Einen Flüsterwitz erzählt man nämlich hinter vorgehaltener Hand. Aber nicht, weil es sich dabei um einen ungehörigen Scherz handelt, sondern weil der Begriff ursprünglich aus den Diktaturen stammt. Und dort darf man seine Meinung bekanntermaßen nicht unbedingt frei äußern.

Lisa Fitz hält mit ihren Ansichten dagegen grundsätzlich nicht hinter den Berg. Als Kabarettist müsse man sich zwar oft fragen, was man sagen darf und was nicht. "Aber ich sage: Freie Rede, solange es noch geht", ruft die Bayerin und bekommt dafür einen tosenden Applaus aus dem nur etwa zur Hälfte gefüllten Zuschauerbereich.

Frei Reden, das tut sie. Vor allem die Regierung bekommt ganz schön ihr Fett weg, denn in den Augen der Künstlerin sollten Politiker "unter sechs Bier nicht öffentlich sprechen dürfen". Von Mutti Merkels post-heroischer Regierungsweise bis zum Ärger über "Flinten-Uschi" (gemeint ist die Ex-Verteidigungsministerin und heutige EU-Präsidentin Ursula von der Leyen) - jeder bekommt von Fitz sein Fett ab.

"Die größten Comedians sitzen in der Regierung", ist die 68-Jährige überzeugt und erntet dafür zustimmendes Nicken. Doch trotz allem Zynismus muss auch Fitz einräumen, dass die politischen Ereignisse ihr manchmal Angst machen. "Aber Mut heißt, sich seinen Ängsten zu stellen." Denn Ängste und Phobien gibt es viele. Es gebe Ängste vor Meinungen und Ängste vor Gedanken überhaupt - wovon in den Augen der Kabarettistin einige Bürger betroffen scheinen.

Bildung, Politik und Frauenrechte sind die drei großen Themen, die Lisa Fitz in ihrer Solo-Show beschäftigen. Dazwischen bringt die Sängerin immer wieder kleinere Musikeinlagen, von Rock bis Rap. Das Publikum dabei still sitzen und zuhören zu lassen, kommt für die Tochter der Fitz-Dynastie aber nicht infrage. Immer wieder werden Zuschauer angesprochen und nach ihrer Meinung gefragt, denn Mut beweisen sei in dieser Welt das oberste Gebot.

Vor allem, wenn es um das Thema Frauenrechte geht, für das sich Lisa Fitz bereits seit Jahren einsetzt. "Früher gab es für Frauen die drei K's: Kinder, Küche, Kirche", erinnert sie sich, um zum verbalen Schlag auszuholen: "Heute gibt es die vier F's: Find him, Follow him, F**k him, Forget him." Früher sei der Zutritt zum Parlament Frauen, Kindern und Schwachsinnigen verboten gewesen. "Heute sind alle drei erlaubt", schmunzelt Lisa Fitz.

Beim allem Humor schwingt bei der Satirikerin auch stets ein gewisser Ernst mit. Obwohl Lisa Fitz vermutet, dass Politiker in der Zukunft keine Parteien, sondern Youtube-Kanäle besitzen werden, regt ihr Schlussmonolog doch zum Nachdenken an. "Die Welt ist im Ausnahmezustand", betont sie. "Und wenn die Welt explodiert, merken wir, dass man Geld nicht Essen kann."

"Die Leute trauen sich nicht"

Einen Tag später geht der Marktplatz-Sommer weiter. Es ist Mittwochabend, kurz nach 18 Uhr. Als der Schönaicher Klaus Blank mit Ehefrau Margit und seinen Kindern Max und Mara am Marktplatz ankommt, ist er ziemlich erstaunt: Es herrscht gähnende Leere. Dabei soll hier doch schon gleich Topas auftreten. Der Zauberkünstler aus Ostfildern ist zweimaliger Weltmeister der Manipulation, wurde in Hollywood zum "Magier des Jahres 2010" gekürt und tritt - wenn nicht gerade eine weltweite Pandemie das öffentliche Leben lahmlegt - in Stuttgart regelmäßig in der Rosenau, im Varieté Friedrichsbau, oder im Theaterhaus und im Renitenztheater auf.

Bei seinem Auftritt auf dem Böblinger Marktplatz am Mittwochabend spielt Topas vor nur rund 110 Zuschauern. Ein Großteil der Plätze bleibt leer. Gemäß der derzeit gültigen Corona-Vorgaben für Freilichtveranstaltungen ist die Fläche für 499 Personen bestuhlt. "Die Leute trauen sich anscheinend noch nicht", sagt ein Mitarbeiter an der Kasse. Veranstalter Sanoj Abraham bestätigt diese Einschätzung. An die zur Kostendeckung nötige Mindestauslastung von 40 Prozent komme er bisher nur an wenigen Abenden heran. Nur bei Helge Schneider und voraussichtlich auch Milow rechnet der Chef der Stuttgarter Riksha-Agentur mit ausverkauften Reihen. "Das wird für uns ein finanzielles Desaster", prophezeit Abraham. "Aber diese Erfahrung machen Künstler und Veranstalter gerade überall", stellt er fest: "Die Leute haben Angst."

Dabei gelten hier strenge Infektions-Schutzmaßnahmen: Jeder Gast wird namentlich registriert, bei den Sitzreihen gilt Mindestabstand und wer sich ohne Maske über das Gelände bewegt, wird freundlich, aber bestimmt von einem Security-Mitarbeiter dazu aufgefordert, eine aufzuziehen.

Sogar auf der Bühne herrscht Maskenpflicht. Das erfährt Klaus Blank an diesem Abend am eigenen Leib. Zufällig fällt die Wahl auf ihn, als Topas einen Assistenten für einen Zaubertrick sucht. Der Schönaicher spielt bei der witzigen Nummer brav mit und bekommt als Abschiedsgeschenk aus einem zuvor verschlossenen Koffer ein T-Shirt geschenkt. Zur allgemeinen Verblüffung sind sein Name und Wohnort darauf gedruckt.

Topas unterhält sein Publikum mit schier unglaublicher Fingerfertigkeit, perfekt auf Musik und Ton abgestimmten Showeinlagen und charmantem Witz. Hinzu kommt die sympathische Eigenschaft, über sich selbst lachen zu können. So macht er sich an einer Stelle genüsslich über seinen bürgerlichen Namen lustig. Der lautet Thomas Fröschle und wäre wohl - wie der Entertainer mit ein paar gespielten Ansagen auf Französisch und Englisch demonstriert - für eine internationale Karriere eher hinderlich gewesen.

Die Magie passiert bei Topas beinahe beiläufig: Zum Beispiel mit einem Butterkeks, den er erst frech "verschwinden" lässt, indem er ein Stück davon abbeißt - nur um einen Wimpernschlag später wieder einen ganzen Keks in seiner Hand zu präsentieren. Apropos Hand: In einer herrlich selbstironischen Nummer präsentiert er die Evolution eines Zaubertricks - von der tollpatschigen Probenphase, über die völlig überkandidelte Premiere bis hin zur 1083ten Wiederholung, bei der die vermeintlich vom Arm abgetrennte Hand dem Zauberer nur noch ein lustloses "Aua" entlockt.

Am Ende gibt es begeisterten Beifall - und vielleicht auch ein paar Gäste, die jetzt andere darauf aufmerksam machen, was sie sich hier gerade entgehen lassen.

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