IG Kultur und Blaues Haus: Hand in Hand in Pandemie-Zeiten

Das Kulturnetzwerk Blaues Haus in Böblingen und die IG Kultur Sindelfingen machen gemeinsame Sache: Weil der Kulturbetrieb seit Monaten stillsteht, veranstalten die Vereine jetzt unter dem Motto "Cooltur" ein Open-Air mit je zwei Events in beiden Städten.

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    Kulturvereine von Böblingen und Sindelfingen kooperieren Symbolbild: B. Balogovi/Unsplash

Artikel vom 02. August 2020 - 09:00

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Die Krise als Chance begreifen" - das klingt nach Klischee und birgt dennoch sehr viel Wahrheit. Aktuelles Beispiel: die Zusammenarbeit von IG Kultur in Sindelfingen und dem Kulturnetzwerk Blaues Haus in Böblingen. "Cooltur" nennen die Ehrenamtlichen ihr gemeinsames Sommerprogramm, mit dem sie vom 22. August bis zum 12. September das wegen Corona lange brachliegende Kulturleben beleben wollen.

 

Wann sind die einzelnen Termine und wo finden die Veranstaltungen statt?
Geplant sind vier Open-Air-Events plus ein Termin, der außerhalb der Reihe stattfindet. Veranstaltungsorte sind das Böblinger Brauereigelände sowie der so genannte "Grüne Platz" (ehemaliges Volksbankgelände) in Sindelfingen. Eröffnet wird die "Cooltur"-Reihe am 22. August in Böblingen mit einem Konzert der Band Stammwürze. Am 29. August singt die Leipziger A-Cappella-Formation Quintense in Sindelfingen. Am 5. September kommt Roland Baisch zu einem Talk- und Konzertabend nach Böblingen. Bevor die Songpoetin Christina Lux am 12. September die Reihe in Sindelfingen beschließt, präsentieren IG Kultur und Wirtschaftsförderung am 11. September im Rahmen des Sindelfinger "Feuerabends" das Song-Lyrik-Format Poems on the Rocks.

 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
"Den Gedanken hatte ich schon seit den letzen drei, vier Jahren", erklärt IG-Kultur-Chef Ingo Liedtke, "aber irgendwie waren wir immer zu sehr eingespannt mit unserer eigenen Programmplanung." Die Corona-Krise beschleunigt jetzt den kulturellen Brückenbau über die Autobahn. Auf beiden Seiten sehen die Beteiligten viele Vorteile: "Gemeinsam können wir Projekte finanziell besser stemmen und es gibt eine bessere Resonanz, wenn wir mit einer Stimme sprechen", erklärt Gabi Branz, Vorsitzende des Kulturnetzwerks Blaues Haus. Alle sind sich einig, dass aus der "Cooltur"-Reihe eine dauerhafte Kooperation entstehen soll. Schon jetzt ist geplant, ab dem Herbst Veranstaltungen vom Blauen Haus in den Pavillon zu verlegen, da dort nach derzeitigen Vorgaben immerhin bis zu 35 Besucher zugelassen wären - im Blauen Haus sind es nur zwölf.

 

Wie laufen die Veranstaltungen ab?
In Böblingen ist die Teilnehmerzahl wegen der Hygiene- und Abstandsregeln auf 100 Personen begrenzt. Für Sindelfingen gibt es noch keine genauen Angaben, allerdings werde man auch hier eher auf eine überschaubare Besucherzahl setzen. Mit Blick auf den juristischen Streit um "Sindelfingen rockt" hat die IG Kultur zudem Künstler und Formate ausgewählt, bei denen nicht mit großer Lautstärke zu rechnen ist. Aber auch in Böblingen droht laut Gabi Branz keine Rock-Dröhnung - zumal die Veranstaltungen jeweils um 22 Uhr zu Ende sein sollen.

 

Wer unterstützt das Projekt?
Nachdem Branz und Liedtke im Mai erstmals Kontakt aufgenommen haben, holten sie Mitte Juni die Kulturamtsleiter von Böblingen und Sindelfingen an einen Tisch. Diese sicherten logistische Unterstützung zu. Eine finanzielle Förderung von Seiten der Städte gibt es jedoch nicht.

 

Bei welchen Punkten gibt es Kritik?
Auch vom Land gibt es kein Geld. Man habe sich mit dem Projekt für das Impulsprogramm „Kultur Sommer 2020“ beworben, sei aber nicht berücksichtigt worden, berichtet Albrecht Barth. Das IG-Kultur-Vorstandsmitglied übte in einem Pressegespräch in diesem Zusammenhang Kritik. „Verwundert“ habe ihn zum Beispiel, dass der Verein „Jazzin? Herrenberg“ mit einem Förderbetrag von 24 000 Euro schon frühzeitig auf der Liste der gesponserten Projekte aufgetaucht sei – noch bevor man in Sindelfingen überhaupt von dem Programm gehört habe. Auch vom Sindelfinger Kulturamt hätte man sich laut Barth mehr Unterstützung gewünscht.

 

Welche Rolle spielt die CCBS?
Ingo Liedtke verweist indes nach Heilbronn. Dort habe Oberbürgermeister Harry Mergel Kultur zur Chefsache gemacht und eigens ein Sommerprogramm auf den Weg gebracht. Ähnliches würde der Vereinschef sich auch für Böblingen und Sindelfingen wünschen - zum Beispiel über eine kostenlose beziehungsweise vergünstigte Bespielung von Kongresshalle und Stadthalle durch lokale Vereine. Beide städtischen Veranstaltungsstätten sind seit Monaten ungenutzt und die Mitarbeiter waren zwischenzeitlich in Kurzarbeit. Georg Sommer, Geschäftsführer der Hallengesellschaft CCBS, verweist auf Nachfrage darauf, dass ihm bereits Buchungen für die Hallen vorliegen. Auch eine vergünstigte oder kostenlose Nutzung für Vereine sei nicht so einfach machbar. Die Städte müssten dafür zusätzliches Geld in die Hand nehmen. "Aber dafür ist die Finanzlage derzeit einfach zu angespannt", sagt Sommer.

 

Welche Auswirkungen hat der Böblinger Marktplatz-Sommer?
"Wir wollen etwas für die Künstler tun. Die leben davon", betont Ingo Liedtke. Gabi Branz stimmt ihm zu. Deshalb begrüßen es die beiden, dass derzeit in gleich mehreren Städten und Gemeinden das Kulturleben mit pandemiekonformen Open-Air-Veranstaltungen wieder belebt wird. Irritiert waren die "Cooltur"-Macher jedoch, als sie erst vor wenigen Tagen mitbekamen, dass vom 7. bis 23. August in Böblingen der "Marktplatz-Sommer" mit einigen namhaften Künstlern (darunter Helge Schneider und Lisa Fitz) stattfindet. Die Info kam dabei allerdings nicht vom Kulturamt. "Erfahren habe ich davon, weil Sanoj Abraham mich angerufen hat", erzählt Gabi Branz. Der Organisator des Marktplatz-Sommers hatte bei ihr angefragt, ob er die im Blauen Haus beheimatete Bluefonuqe-Band für sein Festival buchen könne. Die Planung für die "Cooltur"-Reihe von IG Kultur und Kulturnetzwerk Blaues Haus war damit futsch: Das für 19. September als großes Finale angedachte Doppelkonzert mit Bluefonque und der Band Fatcat wäre so kurz nach dem Böblinger Marktplatz-Open-Air wenig sinnvoll gewesen. Deshalb findet dieses Konzert jetzt erst am 12. Dezember statt - voraussichtlich in der Stadthalle Sindelfingen.

 

  Weitere Infos unter http://www.igkultur.de und kulturbh.de im Internet.
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