Leer ist das neue Voll: Probetag im Böblinger Bärenkino

Mit "Paw Patrol" und dem Met Opera Sommer-Opernfestival öffnet das Böblinger Filmzentrum Bären erstmals seit Mitte März wieder seine Pforten. Für Besucher und Mitarbeiter ein besonderer Tag: Denn das Kino wird von allen gleichermaßen vermisst.

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    Ausverkauft - und doch nur zu 30 Prozent voll
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    Mit Cola und Popcorn ist die Pandemie-Tristesse für ein paar Stunden vergessen Fotos: Stefanie Schlecht

Artikel vom 14. Juli 2020 - 08:00

Von Jennifer Schwartz und Eddie Langner

Schon zehn Minuten vor Einlass stehen die ersten Familien an diesem Sonntagnachmittag vor dem Eingang des Filmzentrums Bären Schlange. Die Kids tragen "Paw Patrol"-Fan-T-Shirts und zappeln aufgeregt an den Händen der Eltern. Die Erwachsenen halten ihren Mundschutz parat. Denn Gebäude gilt für alle Personen ab sechs Jahren Mundschutzpflicht; erst auf den Sitzplätzen darf die Maske abgenommen werden. "Wann geht es los?", hört man die Sprösslinge quengeln. Da öffnet Kino-Chef Andreas Zienteck wie auf Kommando die Türen.

Im Foyer ist alles wie immer - und dann wieder doch nicht: Der Duft von Popcorn liegt in der Luft. Plakate kündigen Filme an, die bald erscheinen sollten, vermutlich aber um Monate nach hinten verschoben werden. Vor der Kasse ist ein Desinfektionsmittel-Spender aufgebaut, die Kasse ist mit Plexiglas geschützt. Ebenso wie die Theke, hinter der die Mundschutz tragenden Mitarbeiter Softdrinks und Süßigkeiten verkaufen.

Die Angestellten lassen sich davon die Freude nicht verderben. Im Gegenteil: Hier freut man sich, endlich wieder im Kino arbeiten zu dürfen. "Ich liebe es", schwärmt beispielsweise Meda Schultheis, die seit drei Jahren fest angestellt ist. In den vergangenen Wochen habe sie im Autokino gearbeitet. "Das macht genauso viel Spaß, aber es ist auch irgendwie anders", meint sie. "Ich liebe meinen Job und habe hier alles vermisst."

Auch für Oliver Schwarz ist es ein tolles Gefühl, wieder hier zu sein. Elektronisch scannt er die Karten der Besucher vor dem Eingang des Kinosaals ab und wünscht den Familien viel Spaß beim Film. "Zurück im weltbesten Kino", freut sich ein Besucher, als er Oliver Schwarz seine Karte auf dem Smartphone zeigt. Ein großes Lob fürs ganze Team. "Ich habe es sehr vermisst, hier zu stehen", meint Oliver Schwarz. "Vor allem meine Kollegen fehlen mir sehr." Seit 25 Jahren arbeite er nebenberuflich hier im Kino, doch so eine lange Pause habe er noch nie erlebt. "Wir hatten vielleicht mal am 24. oder 31. 12. geschlossen", schüttelt er den Kopf. "Aber noch nie über mehrere Monate."

Ganz ungetrübt ist die Freude über diesen "Probetag" allerdings nicht: "Es ist gerade einfach nicht das Kino-Feeling, das ich kenne", meint Schwarz. Ein Blick in den Kinosaal zeigt, was er damit meint. Die meisten Sitze sind leer, obwohl die "Paw Patrol"-Vorstellung so ausgebucht ist, dass sogar ein zweiter Saal aufgemacht werden musste. Die Gäste verteilen sich in ihren Grüppchen im ganzen Raum, damit genügend Abstand gewährleistet ist. Insgesamt sind 30 Prozent des Saals besetzt - was unter Corona-Bedingungen als ausverkauft gilt. "Leer ist das neue voll", witzelt Zieneck, doch dann schüttelt er langsam den Kopf. "Für uns Kinobetreiber ist dieser Anblick natürlich echt deprimierend." Trotzdem sei das nun eben die neue Normalität und die hohe Nachfrage der Gäste beweise, wie sehr die Menschen das Kino vermissen.

So zum Beispiel Katrin König, die die Vorstellung mit ihrem dreieinhalbjährigen Sohn und einer Freundin mit deren Tochter besucht. "Die Kinder sind ganz aufgeregt", schmunzelt die Gärtringerin. "Seit einer Woche freut sich der Kleine schon darauf." Veranstaltungen wie diese hätten ihnen sehr gefehlt - vor allem dem Sohnemann. Ähnlich geht es Jessica Trippel, deren Söhne bereits ungeduldig vor dem Eingang des Filmzentrums herumturnen. "Eigentlich sind wir gar nicht so die Kinogänger", räumt die Ehningerin ein. "Aber es ist schön, dass für die Kinder wieder etwas angeboten wird, Kindertheater und so was fiel ja in letzter Zeit auch aus." Für Melanie Gilz ist es ebenfalls das erste Mal seit langem, dass sie sich mit ihrem achtjährigen Sohn wieder ein bisschen Bespaßung außerhalb der eigenen vier Wände gönnt. "Es ist seltsam, aber schön", findet die Herrenbergerin. Seit die Kinder älter seien, würden sie und ihr Ehemann öfter ins Kino gehen und hätten die Besuche zuletzt durchaus vermisst. "Die Corona-Maßnahmen sind hier gut gelöst worden", lobt sie.

Die Familie Gilz hat ihre Kinokarten, wie auch die anderen Besucher, online gekauft. Ein System, für das Zieneck momentan sehr dankbar ist, denn die Online-Reservierungen sparen eine Menge logistische Arbeit. "Das System sperrt automatisch die Plätze, die um eine Reservierung herum liegen", erklärt er. "Außerdem müssen sich die Leute dort registrieren, deshalb müssen wir hier vor Ort nicht nochmal ihre Kontaktdaten einsammeln."

Für die Opern-Veranstaltung am späten Nachmittag sei es aber auch möglich, die Karten vor Ort zu kaufen, da manche der älteren Herrschaften mit dem Online-System vielleicht nicht so bewandert seien, sagt der Geschäftsführer.

Plötzlich tippt Meda Schultheis mahnend auf ihre Armbanduhr. Die Vorstellung fängt an, pünktlich und ausnahmsweise ohne Vorschau. Wegen der Ungewissheit steht momentan nämlich noch nicht fest, wann das Filmzentrum welche Filme zeigen kann. Die Hoffnungen liegen auf Disneys Realverfilmung des Zeichentrickfilms "Mulan" und auf "Tenet", dem mit Spannung erwarteten neuen Film von "Batman"-Regisseur Christopher Nolan. Diese beiden Titel haben das Potenzial, eine Menge Zuschauer anzuziehen. "Aber der Haupt-Kinomarkt läuft eben in den USA und in China", erklärt Andreas Zienteck. "Und bis dort der Kinobetrieb wieder losgeht, kann es noch eine Weile dauern."

Deshalb bleiben Einzelveranstaltungen wie an diesem Sonntag auch vorerst die Ausnahme. Für die Bären-Mitarbeiter sind die Vorstellungen aber immerhin eine Möglichkeit, sich an die Corona-Vorgaben zu gewöhnen. "Auch wenn wir alle hoffen, dass die Normalität bald wieder wirklich normal aussieht", seufzt Andreas Zienteck.

Eine neue Normalität herrscht auch bei der Opern-Vorstellung im Anschluss an den Kinderfilm. Da in der New Yorker Metropolitan Opera (MET) der Betrieb derzeit ruht, gibt es statt einer Live-Übertragungen eine "Carmen"-Aufzeichnung aus dem Jahr 2010 zu sehen. Die Besucher habe das nicht gestört, wird Andreas Zienteck später berichten. Die meisten seien Stammgäste, mit denen man über das Jahr verteilt viel Zeit verbringe. "Es geht um das Zwischenmenschliche", freut sich der Kinoleiter über das Wiedersehen - und sieht deshalb auch gerne über den Widerspruch hinweg, eine praktisch ausverkaufte Vorstellung in einem nicht einmal zur Hälfte gefüllten Kinosaal gehabt zu haben.

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