Rührende Geste: Hauskonzert zum 90. Geburtstag

Corona-Not macht erfinderisch: Zu Jürgen Wüstenhagens 90. Geburtstag schenkt seine Familie ihm das Gastspiel einer Profi-Solistin.

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    Das Wohnzimmer wird zum Konzertsaal: Jürgen Wüstenhagen genießt zusammen mit Ehefrau Ilse das Hauskonzert zu Ehren seines 90. Geburtstags
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    Swantje Asche-Tauscher Fotos: privat

Artikel vom 12. Juli 2020 - 12:00

BÖBLINGEN (red/edi). Jürgen Wüstenhagen ist das Oberhaupt einer musikalischen Familie. Der Böblinger hat gemeinsam mit Peter Gnoth jahrzehntelang die Orchestervereinigung Sindelfingen geleitet und spielte dort 50 Jahre lang Cello. Das Cellisten-Gen hat er offenbar an seinen Sohn Rainer ebenso weitervererbt wie an seinen Enkelsohn Matthias. Rainer Wüstenhagen zieht ebenfalls bei einem großen Ensemble im Hintergrund die Fäden: Er ist der Vorsitzende des Orchestervereins Stuttgart. Auch Enkelsohn Matthias Wüstenhagen liebt die Musik, beruflich griff er jedoch buchstäblich nach den Sternen: Er arbeitet beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beim Institut für Systemdynamik und Regelungstechnik.

Vor einiger Zeit feierte Jürgen Wüstenhagen seinen 90. Geburtstag. Zu diesem Ehrentag wollten ihm seine Kinder eine besondere Freude machen: ein Beethoven-Konzert bei den Schlossfestspielen in Schwetzingen. "Über dieses Geschenk hatte er sich überschwänglich gefreut", erzählt Schwiegertochter Gabriele Laupp-Wüstenhagen. Doch dann kam Covid-19 und das Konzert wurde abgesagt. "Welche Enttäuschung!", erinnert sich die Schwiegertochter, die ihrerseits Geige spielt.

Eine Alternative musste her. Die Corona-Not machte Enkelsohn Matthias erfinderisch: Seine Freundin Silja Tauscher hat mit Swantje Asche-Tauscher eine sehr begabte Geigerin zur Schwester. Diese hat als 2. Konzertmeisterin einen Zeitvertrag am Tiroler Sinfonieorchester in Innsbruck für die Saison 19/20 inne. Die Pandemie zwang sie, Österreich zu verlassen und in ihre Heimatstadt Stuttgart zurückzukehren - nur mit kleinem Köfferchen und Geige unterm Arm. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit, ihren Abschluss am Mozarteum zu machen, geschweige denn geplante Vorspiele anzutreten.

Matthias Wüstenhagen schlug ihr vor, für seinen Opa und dessen Frau Ilse ein Hauskonzert zu geben - natürlich unter strikter Einhaltung der Corona-Regeln. Festlich gekleidet wie sonst im Meisterkonzert im Beethovensaal - denn diese Konzertreihe hat das Ehepaar seit Jahrzehnten abonniert - saßen die Beschenkten gemütlich in ihrem Wohnzimmer und genossen den "Musikalischen Hausarrest". So nannte der Enkel das Konzert, für das er mit viel Liebe und Humor ein eigenes Programmblatt gestaltet hatte.

Die Solistin spielte Suiten von Bach und Reger für Bratsche sowie nach der Pause, in der es Häppchen und Getränke gab, für Violine die berühmten Klassiker Thais-Meditation von Massenet, "Après un rêve" von Fauré und das Ständchen von Schubert. "Natürlich war die Begeisterung groß und es wurde eine Zugabe eingefordert", berichtet die Schwiegertochter. Diese spielte Swantje Asche-Tauscher auf einem besonderen Insttrument: Es handelte sich um die altehrwürdige Geige, die ihr Schwiegervater von seinem Vater geerbt hatte. Wegen der geschwungenen Form nannte er sie "Schaukelpferd".

Das Ehepaar war so entzückt über diese willkommene Abwechslung, dass es der Familie eine Dankes-Mail schrieb: "Das war ein außergewöhnliches Erlebnis: Nie ist man einer Künstlerin trotz gebührenden Abstands so nah und erlebt ihre persönliche Begeisterung für die Musik direkt mit", schwärmten die beiden musikbegeisterten Senioren.

Die junge Künstlerin konnte inzwischen übrigens ihren Abschluss in Instrumentalpädagogik auf der Bratsche am Mozarteum in Salzburg mit Auszeichnung machen und ist seit wenigen Tagen zurück im Ländle. Vergangenen Samstag gab sie als Dank für die großzügige Gönnerin, die ihr in Corona-Zeiten eine Bratsche zur Vorbereitung geliehen hatte, ein Konzert des Dankes.

Das "Hauskonzert" als Konzertform bietet die Stipendiatin der Stiftung "Live Music Now" nach dem denkwürdigen Auftritt im Böblinger Wüstenhagen-Wohnzimmer nun auf ihrer Homepage an, um allen Liebhabern klassischen Musik, diesen besonderen und intimen Kunstgenuss zu ermöglichen.

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