Kultur und Pandemie: Die Branche hängt am Beatmungsgerät

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    Ingo Sika (r.) im Gespräch mit Andreas Kienzle (l.) und Tom Koperek

Artikel vom 11. Juli 2020 - 14:00

Von Ann-Cathrin Lörcher und Eddie Langner

SINDELFINGEN. Seit Mitte März sendet Ingo Sika live aus seinem Wohnzimmer. "Kultur in Quarantäne" heißt der professionell präsentierte Live-Stream, in dem der Leiter der Jungen Bühne Sindelfingen sich Künstler und Kulturschaffende aufs Sofa holt, um auf deren zum Teil prekäre Situation in der Corona-Krise aufmerksam zu machen.

Das gilt derzeit insbesondere für den Berufszweig der Veranstalter. "Diese Branche steht praktisch vor dem Aus", sagte Sika zur Einleitung seiner letzten Sendung am Mittwochabend. Die Lage sei mehr als dramatisch, betonte er. Schließlich handle es sich auf den Umsatz bezogen um den sechstgrößten Industriezweig Deutschlands. Mehr als eine Million Arbeitsplätze seien betroffen. "Schon seit März gibt es hier keine Umsätze mehr und da wird auch in naher Zukunft nicht viel passieren", meinte Sika.

Darum hatte die Branche in der Nacht vom 22. auf 23. Juni mit der "Night of Light" ein Zeichen gesetzt und deutschlandweit mehr als 8000 Spielstätten mit rotem Licht angestrahlt. Initiator dieser Aktion ist Tom Koperek. Der Vorsitzende der auf Live- und Markenkommunikation spezialisierten Essener LK-AG war via Video-Chat zugeschaltet. Die Farbe Rot habe er aus verschiedenen Gründen gewählt. "Weil wir brennen für das, was wir tun", erklärte er. Gemeint sei aber auch die Alarmstufe Rot und die sprichwörtliche rote Laterne - ". . . weil wir die letzten sind, die wieder in Betrieb gehen dürfen". Wer dem Marketing-Chef länger zuhört, sieht selbst schon bald nicht mehr rot, sondern schwarz: "Rund 50 Prozent der Unternehmen werden in den nächsten drei Monaten insolvenzreif sein", sieht er eine düstere Zukunft für die Branche voraus.

Die Hilfspakete der Regierung seien da wenig hilfreich - im Gegenteil: Sich darauf einzulassen, sei "wie das Überleben an einem Beatmungsgerät", findet Koperek drastische Worte. Mit dem Kreditangebot des Staats würden die von der Krise schwer gebeutelten Unternehmen das Problem lediglich nach hinten verschieben und am Ende wieder überschuldet und zahlungsunfähig dastehen. Statt dieses "sinnlosen Verbrennens von Geld", fordert Koperek deshalb dringend einen Dialog mit der Politik, um hier entscheidend nachzubessern.

Vielen Menschen sei nicht klar, was es für sie bedeutet, sollte die Branche sterben. "Events, Festivals, Veranstaltungen. Alles, was damit nur im Ansatz zu tun hat, Theater und jede andere Form von Kultur geraten in Gefahr", betonte Moderator Ingo Sika. Zudem sei eine riesige Zahl an Arbeitslosen zu befürchten. Die Krise könnte ein "riesengroßes Vakuum" oder gar "ein schwarzes Loch" in unserer kulturelle Landschaft reißen, meint Tom Koperek. "Und was passiert, wenn es keine Veranstaltungsangebote mehr gibt, dass haben wir vor rund drei Wochen in Stuttgart gesehen", mahnt er.

Andreas Kienzle stimmte dem nickend zu. Der Veranstaltungstechniker saß als "Live-Gast" auf dem Sofa. Als einer von drei Geschäftsführern der Herrenberger Firma EMT wurde auch er vom Virus kalt erwischt. "Unser Auftragsbuch war voll, dann kamen Mitte März innerhalb weniger Tage 80 Absagen", erzählt er. "Wir sind ein recht junges und dynamisches Team, wir schauen einfach immer, ob wir eine Lösung finden", so Kienzle, der selbst Musiker ist und, wie er sagt, ebenso "für das Live-Erlebnis brennt". So kam das Trio auf die Idee, "Kultur im Auto" zu starten und damit Konzerte, Zauberei und Comedy unter Einhaltung aller Pandemie-Vorschriften im Autokino-Format zu präsentieren. "Finanziell hat sich das natürlich nicht rentiert, aber es hat das Team gestärkt und wir konnten den Zuschauern und Künstlern einen netten Abend bescheren", meinte Kienzle. Im Zuge der weiteren Lockerungsmaßnahmen weitet EMT sein Angebot aus und bietet jetzt in Holzgerlingen und Nebringen "Kultur im Freien" an (siehe unten).

Es gibt Förderprogramme, die solche Events fördern wollen. Allerdings, so Kienzle, gingen diese sicherlich gut gemeinten Maßnahmen oft an der Realität vorbei. Beim "Kultursommer 2020" der Landesregierung seien die Rahmenbedingungen so gestrickt, dass man die Hilfen gar nicht vernünftig abgreifen könne, ärgert er sich.

Info: "Kultur im Freien"

Am Freitag startete das neue Veranstaltungsangebot der Firma EMT Event-Media-Tec GmbH in Holzgerlingen und Nebringen jeweils mit Filmvorführungen. Am heutigen Samstag, 11. Juli, präsentieren die Herrenberger Veranstaltungstechniker auf der Wiese gegenüber Wanners Vis-à-Vis in Holzgerlingen ein Konzert der Gospelband Frugbaah, im Außenbereich des Aramis-Hotels in Nebringen tritt der Zauberer Arnd Röhm auf. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am Sonntag, 12. Juli, laufen in Nebringen nachmittags "Asterix & Obelix-Mission Kleopatra" (14 Uhr) und "Angry Birds 2" (17 Uhr), am Abend "Shakespeare in Love" (20 Uhr). In Holzgerlingen werden zeitlich parallel dazu erst "Pippi Langstrumpf" und "Die Schlümpfe" gezeigt, für Erwachsene gibt es das Sportdrama "Blindside". Weitere Infos und Vorverkauf unter http://www.kulturimfreien.de im Netz.

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