Buch-Tipps: Seuchen-Literatur in Corona-Zeiten

Buch-Tipps Der Böblinger Hobby-Literat Helmut Possiel empfiehlt sechs Titel von der Renaissance bis in die Gegenwart

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    Helmut Possiel Foto: STS/Archiv

Artikel vom 06. Juli 2020 - 17:48

Das Dekameron

Giovanni Boccaccio (1313-1375) überlebte 1348 die Pestepidemie in Florenz. Die Flucht vor der Pest bildet denn auch die Rahmenhandlung der Novellen, die er zwischen 1349 und 1353 schrieb. Sieben Frauen und drei Männer, allesamt jung und zur begüterten Oberschicht gehörend, deren Leben durch Luxus und Amüsement gekennzeichnet ist, begeben sich auf einen komfortablen Landsitz in freiwillige Quarantäne. Im Laufe von zehn Tagen (deka=zehn) erzählen alle Protagonisten täglich (hemera=Tag) eine Geschichte. Es sind 100 Geschichten über Reisen und über Streiche, erotische und frivole Abenteuer und Ehegeschichten aus allen Schichten der Bevölkerung, naturalistisch, bunt, derb und grotesk.

Erschienen bei Anaconda 2013.

Ich rede von der Cholera

Am 20. April 1832 erscheint in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" des Verlegers Johann Friedrich Cotta ein erschütternder Bericht über die Cholera in Paris. Verfasser dieses schonungslosen und beklemmenden Berichts ist der Paris-Korrespondent Heinrich Heine. In Paris fielen der Seuche 20 000 Menschen zum Opfer (Heine geht von noch höheren Opferzahlen aus), allein am 10. April 1832 sollen es 2000 gewesen sein. Leichen liegen in den Straßen, Gerüchte und Fake News kursieren. Paris ist wie ausgestorben. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs sind, tragen ein Tuch vor dem Mund. Eine frappierende Ähnlichkeit der Verhaltensweisen mit der Corona-Pandemie.

Nachzulesen im Artikel VI des Bandes "Französische Zustände" von Heinrich Heine oder in dem schmalen Bändchen "Ich rede von der Cholera" erschienen bei Hoffmann und Campe, Hamburg 2020.

Die Pest zu London

Zur Zeit der Pest in London war Daniel Defoe, der Autor von "Robinson Crusoe" gerade mal fünf Jahre alt. Ein Augenzeuge? Mitnichten. 1723 schildert er die Pest im London des Jahres 1665 aus der Rückschau. Er folgt einem fiktiven Erlebnisbericht seines Erzählers, der die verheerende Seuche hautnah miterlebt hat; die hohe Gefahr der Ansteckung; wie London zur Geisterstadt wird; das menschliche Leiden und wie Quacksalber die Gunst der Stunde nutzen. Es sind schreckliche Geschichten, die sich stellenweise wie ein Krimi lesen.

Der Übersetzer des Pestbuches, Heinrich Steinitzer, schreibt 1925, "Defoe besaß in allerhöchstem Maße die Gabe, die man Wirklichkeitsphantasie nennen könnte, also die Fähigkeit, sich in eine erdichtete und bloß vorgestellte Umwelt ganz und gar hineinzuversetzen und so völlig in ihr aufzugehen, als ob er tatsächlich darin zu leben und sich ihr anzupassen hätte."

Eine besonders schöne Ausgabe mit zahlreichen zeitgenössischen Illustrationen ist im Verlag Books on Demand, Norderstedt 2020 erschienen.

Die Pest

Albert Camus Klassiker ist eine fiktionale Chronik, die realistisch die Agonie der nordafrikanischen Stadt Oran schildert, die von der Pest heimgesucht wird. Zuerst sterben die Tiere (Ratten), dann sterben die Menschen. Die Stadt wird hermetisch abgeriegelt, die Bewohner in Angst und Isolation gefangen gehalten. Dr. Rieux glaubt an die menschlichen Fähigkeiten und den Sieg der Medizin; Pater Paneloux dagegen sieht die Pest als eine Form der Bestrafung und glaubt an übermenschliche Hilfe und Moral. Der Kampf gegen die Pest symbolisiert den Kampf des von Gott losgelösten Menschen. Ein höhere Moral gibt es nicht. In all seinen Werken setzt der Literatur-Nobelpreisträger von 1957, Albert Camus, auf Solidarität und den Kampf um menschliche Würde.

Erschienen bei Rowohlt 2015.

Die Scharlachpest

Jack London, der Schöpfer des Abenteuerromans "Wolfsblut", schildert in seiner 1912 erschienenen Science-Fiction-Novelle wie Howard Smith, Professor für englische Literatur, eine im Jahr 2013 ausgebrochene Pandemie übersteht. "Die Zivilisation war am Zerbröckeln, und jeder war auf sich allein gestellt." Als einer der wenigen Überlebenden versucht er in dieser postapokalyptischen Welt das Wissen der Vergangenheit vor dem vollständigen Untergang zu retten.

Die Scharlachpest von Jack London, Die Pest von Bergamo des Dänen Jens Peter Jacobsen (1881), Die Maske des roten Todes von Edgar Allan Poe (1842) - erschienen in einem Band im Verlag Books on Demand, Norderstedt 2020.

Die Liebe in Zeiten der Cholera

Es ist die schönste Liebesgeschichte der Welt, die der kolumbianische Literaturnobelpreisträger von 1982, Gabriel Garcia Márquez, geschrieben hat.

51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartet Florentino Ariza auf Fermina Daza. Schon als 18-Jähriger hat er sich unsterblich in sie verliebt und um sie in poetischen Briefen geworben - und sie dann doch an Doktor Juvenal Urbino verloren. Nachdem der Gatte gestorben ist, vollendet sich Florentinos Jugendliebe. Beide unternehmen eine nicht enden wollende verspätete Hochzeitsreise auf einem Flussdampfer. Auf dem Schiff lassen sie die Choleraflagge hissen, es bleibt nur die Wahl zwischen Quarantäne und endloser Weiterfahrt "ein ganzes Leben lang bis zum Happy-End". In Zeiten der Cholera ist die Liebe die Konstante.

Erschienen bei Fischer 2009.

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