Dramen unter der Glaskuppel

Buch-Tipp

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Artikel vom 03. Juli 2020 - 16:12

Von Roland Häcker

Dieses Buch erzählt von einer zweijährigen Quarantäne. Eigentlich handelt es sich um ein naturwissenschaftliches Experiment, das so ähnlich vor einigen Jahren tatsächlich stattgefunden hat: Wie kann man, abgeschottet von der übrigen Menschheit, überleben? Vier Frauen und vier Männer werden unter einem Glasgewölbe "eingesperrt". Zur Außenwelt besteht optischer und telefonischer Kontakt. Sie leben in einer künstlichen Biosphäre mit Wald, See, einer Art Wüste, Affen, Schweinen, Ziegen, Fischen. Die Temperatur liegt konstant bei 28 Grad; dafür sorgen Maschinen im Untergrund. Das Pflanzenwachstum und der CO2-Gehalt der Luft innen hängen vom Wetter außen ab. Ist es lange trübe, entsteht lebensgefährlicher Sauerstoffmangel. Zur Not könnte man die Schleuse zur Außenwelt öffnen, aber das wird strikt ausgeschlossen; es würde das Experiment gefährden.

Gefahr für das Projekt geht auch von den acht Eingeschlossenen aus. Sie müssen miteinander auskommen, Rücksicht nehmen, diszipliniert ihre täglichen Aufgaben erfüllen. Aber dann geschieht, was nicht hätte geschehen dürfen: eine Frau wird schwanger. Die Projektleitung verlangt, dass sie abtreibt - mit Hilfe des Arztes im Team. Auch die Mitbewohner wollen es. Aber sie will das Kind behalten. Die beiden "Übeltäter" heiraten sogar. Das erhöht zwar die Publicity des Unternehmens und motiviert die Sponsoren, aber ihre Entscheidung isoliert die Schwangere.

In Boyles Roman geht es dramatisch zu. Auch wenn dem Leser reichlich naturwissenschaftliche Erklärungen zum Funktionieren dieser künstlichen Welt geliefert werden, das Interesse des Autors liegt mehr bei den eingesperrten Menschen. Er fragt, ob ein gedeihliches Zusammenleben in solcher Abgeschlossenheit auf Dauer gelingen kann, und gibt die Antwort: nicht ohne Probleme.

T. C. Boyle: "Die Terranauten". Erschienen im Jahr 2016 beim Verlag Hanser.