Verlorenes Jahr für viele junge Talente

Wegen Corona: Landes- und Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert" ersatzlos gestrichen - Videoformat würdigt lokale Sieger

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    Annique Göttler gibt im Rahmen des Formats "Jugend musiziert #ZUHAUSE" der Kreissparkasse Böblingen ein Internet-Konzert. Weitere solcher Streamings sind geplant Foto: KSK BB

An diesem Wochenende hätte in Freiburg der Bundesentscheid von "Jugend musiziert" stattgefunden. Wegen der Corona-Krise hatte der Deutsche Musikrat den Wettbewerb bereits im März komplett abgesagt. Diese Entscheidung trifft auch viele hoffnungsvolle Nachwuchsmusiker aus dem Kreis Böblingen hart.

Artikel vom 01. Juni 2020 - 10:00

Von Eddie Langner

KREIS BÖBLINGEN. Die ganze Mühe war nahezu umsonst: Nach ihrem Erfolg beim Regionalentscheid für "Jugend musiziert" Anfang Februar in Sindelfingen hatten sich zahlreiche junge Talente darauf gefreut, ihr Können beim Landeswettbewerb Ende März in Tuttlingen unter Beweis zu stellen und vielleicht sogar eine Weiterleitung zum Bundesentscheid zu erreichen. Vom 28. Mai bis zum 4. Juni hätten die Landessieger hier bei Wertungsspielen antreten dürfen.

Daraus wird nun nichts mehr. Die 57. Auflage von "Jugend musiziert" war zu Ende, bevor sie richtig angefangen hatte. An den rund 170 Regionalwettbewerben hatten sich beinahe 20 000 Kinder und Jugendliche beteiligt. Rund 7000 erfolgreiche Nachwuchsmusiker(innen) hatten einen 1. Preis mit Weiterleitung zu den Landeswettbewerben erhalten. Dann legte die Covid-19-Pandemie das öffentliche Leben lahm. "Aufgrund massiver Schließungen öffentlicher Gebäude und aus Fürsorgepflicht allen Teilnehmer(innen) und Gästen gegenüber mussten alle ab Mitte März geplanten Landeswettbewerbe abgesagt werden", heißt es in einer Pressemitteilung des Musikrats. Somit musste auch der diesjährige Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" ersatzlos gestrichen werden. Eine Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr war laut dem Deutschen Musikrat unmöglich - nicht zuletzt wegen der unabsehbaren Entwicklung der Pandemie. Aus organisatorischen Gründen entfielen auch alle weiteren Optionen wie etwa eine Wiederholung der in diesem Jahr geprüften Kategorien im kommenden Jahr.

Immerhin, so der Musikrat, habe es ja auf Regionalebene tausendfach musikalische Begegnung gegeben. "Auch wenn bedingt durch Covid-19 die Begegnungen auf Landes- und Bundesebene ausfallen mussten, haben mit der mehrmonatigen Vorbereitung der Teilnehmenden auf den Wettbewerb, den regionalen Wertungsspielen, Beratungsgesprächen und Preisträgerkonzerten wesentliche Elemente des Wettbewerbszyklus 2020 stattgefunden", heißt es in der Pressemitteilung. Bei "Jugend musiziert" gehe es ja schließlich nicht allein um den Wettbewerb.

Dennoch prüfen die Organisatoren derzeit, ob es zumindest möglich ist, das Wettbewerbsformat WESPE im September zu realisieren. Das Akronym steht für "Wettbewerbsfestival der Sonderpreise". Es geht um die Auseinandersetzung mit noch nicht aufgeführten, weniger bekannten oder besonders schwierig zu interpretierenden Werken.

Auf lokaler Ebene versuchen die Organisatoren von "Jugend musiziert", das Beste aus der Situation zu machen. "Es war schon eine Enttäuschung", sagt Gregor Daszko. Der Herrenberger Schlagzeuglehrer gehört mit seiner Frau Bettina zum Organisationsteam des Regionalwettbewerbs. "Die Kinder und Jugendlichen haben so viel Arbeit und Energie in den Wettbewerb gesteckt", bedauert er. Er macht jedoch niemand einen Vorwurf für die Absage: "Jeder hat verstanden, dass das einfach höhere Gewalt war. Niemand ist schuld daran. Aber traurig ist es dennoch."

Mit einer Mischung aus Enttäuschung und verständnisvoller Einsicht akzeptiert Fiona Ott aus Schönaich, dass ihr Traum vom Bundessieg in diesem Jahr frühzeitig enden musste. Die 16-Jährige hatte beim Regionalentscheid als Teil eines elfköpfigen Cello-Ensembles unter Leitung der Musiklehrerin Gabi Scheungraber aus Weil im Schönbuch in der Kategorie "Neue Musik" die Maximalpunktzahl von 25 erreicht. "Einerseits ist es schade, weil wir uns alle darauf gefreut haben und auch schon für den Landeswettbewerb geprobt hatten", sagt die bereits vielfach ausgezeichnete Cellistin. "Aber natürlich ist es auch logisch, dass man das nicht mehr durchziehen konnte. Ich verstehe das vollkommen", erklärt sie. Und auch wenn "Jugend musiziert" in diesem Jahr für sie gelaufen ist, so kann sie doch noch mindestens zwei weitere Male teilnehmen und hat so die Chance auf weitere Landes- und Bundessiege.

Die Kreissparkasse Böblingen bietet derzeit unter dem Motto "Jugend musiziert #ZUHAUSE" jeweils mittwochs um 19 Uhr im Internet eine Plattform für den ausgezeichneten Musiknachwuchs aus dem Kreis. Zum Auftakt gab es in dieser Woche ein Konzert mit der mehrfach prämierten Pianistin Annique Göttler. In vier weiteren Folgen präsentiert die Kreissparkasse weitere Talente. Die Videos sind nach der Ausstrahlung jeweils für eine Woche unter http://www.kskbb.de/youtube beziehungsweise unter http://www.kskbb.de/facebook abrufbar.
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