Göttlicher Funke geht auf Betrachter über

"Kunst@Home": Der Galerieverein Böblingen stellt Wilhelm Geyers bemerkenswerte Arbeit "Altar des Kirchenjahres" vor

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    Bereits in seinen Studienjahren schuf Wilhelm Geyer dieses Werk

Artikel vom 29. Mai 2020 - 16:24

Von Alexandra Krohmer

BÖBLINGEN. Eines der Hauptwerke in der Städtischen Galerie ist der "Altar des Kirchenjahres" von Wilhelm Geyer, einem Mitbegründer der "Stuttgarter Neue Sezession". Bei der Eröffnung der Galerie 1987 übergab Ministerpräsident Lothar Späth das Werk als Dauerleihgabe des Landes und als Dank dafür, "dass sie es als reiche Industriestadt übernehme, ein wichtiges Kapitel schwäbischer Kunst so repräsentativ darzustellen".

Dieser "Altar", den Geyer 1925/26 noch als Student malte, wurde damals wegen seiner wilden Farben und ungebändigten Formen als viel zu chaotisch abgelehnt. Kein Wunder, dass der Altar nie in einer Kirche aufgestellt wurde. Heute gilt Wilhelm Geyer mit seiner Art, die Botschaft der Bibel zu überbringen, als wichtigster Erneuerer kirchlicher Kunst im 20. Jahrhundert. Das zeigen auch die wunderbaren Kirchenfenster in der Kirche St. Maria in Böblingen.

In unserem Altar sind auf streng gegliederten Bildtafeln die vier wesentlichen Stationen des Christlichen Kirchenjahres dargestellt: Advent - Verkündigung, Weihnachten - Anbetung der Könige, Ostern - Passion, Pfingsten - Dreifaltigkeit. Auf dem Altarbild Pfingsten bestimmen zwei nahezu symmetrische Figuren in hellen Gewändern das mittlere Bildfeld - Jesus zur Rechten Gottes. Zu beiden Seiten bejubeln zwei Figuren mit lobpreisend erhobenen Armen die Vereinigung Christi mit dem Vater und dem Heiligen Geist, der als weißes Zeichen über beiden schwebt.

Die beiden Hauptfiguren sind von einem gemeinsamen roten Umhang wie von einem Feuer umschlossen, dem uralten Symbol des göttlichen Funkens. Das Licht ergießt sich auf sie aus dem weißen Fleck über ihren Köpfen und dringt zugleich aus ihnen selbst. Diese Gestalten, die erst oberhalb der Knie ins Bild ragen, sind keine fleischlichen Körper, sondern geistige Wesen; das linke in sich selbst hörend, das rechte in die Welt hinein blickend. Trotzdem sind beide als männliche Wesen zu erkennen, kraftvolle Gestalten, vereint in der Hingabe an die gemeinsame Sache - die Einheit der Gläubigen in einer Kirche.

Geyer strebt keine ästhetische Ausgestaltung des Bildes an. Wichtig ist ihm der Ausdruck in sich ruhender Größe und innerer Bereitschaft der Figuren. Die bildnerischen Mittel der Moderne wandte er kompromisslos auf die traditionsbeladenen biblischen Themen an. Er räumt der Farbe die absolut dominierende Rolle ein. Form und Linie hingegen empfand er als kühle Äußerlichkeiten. Die Farbe trägt er in breiten, kurzen, schnellen und pastosen Pinselstrichen auf dem Bildgrund auf. Dabei verbindet er die expressionistische Gewalt starker Farben mit der impressionistischen Aufspaltung einer Farbfläche in kleinteilige, vielfarbige Einzelwerte, die sich dem Auge erst auf einige Entfernung zu einer Gesamtheit verbinden. Man hat das Gefühl, Geyer hat eine unbändige Freude beim Arbeiten und seine impulsive Malweise lässt die Bilder ungeheuer lebendig wirken.

"KUNST@home" heißt das gemeinsame Projekt von Böblinger Galerieverein und Kreiszeitung. Im Zusammenhang mit den Corona-Einschränkungen wird hier auf der Kulturseite noch bis zum Abschluss der Reihe regelmäßig ein Bild aus dem Bestand der Städtischen Galerie und der Steisslinger-Sammlung vorgestellt.
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