Umfrage: Viel Frust, aber noch mehr Verständnis

Das sagen Künstler und Anbieter von Kulturangeboten im Kreis Böblingen zur Corona-Krise

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    Alles abgesagt und abgeblasen: Das Kulturleben im Kreis steht derzeit weitgehend still Foto: Archiv
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    Der IG Kultur Sindelfingen geht es in ihrem Jubiläumsjahr wie allen anderen Veranstaltern im Kreis: Alles ist abgesagt.

Artikel vom 22. März 2020 - 18:00

KREIS BÖBLINGEN (edi/krü). Ob Veranstalter, Musiker, Schauspieler oder Kinobetreiber - die rasante Entwicklung der Corona-Krise hat sie alle eingeholt. Die Kulturredaktion hat sich unter Betroffenen umgehört und ist dabei trotz aller Enttäuschung auf überraschend viel Einsicht gestoßen.

Noch am 6. März hatte Gerhard Gamp von den "Kultourmachern vom Altern Amtsgericht" noch darüber gescherzt, dass in Sindelfingen für städtische Veranstaltungen eine strenge 50-Personen-Obergrenze verordnete wurde, während zeitgleich eine Erotikmesse mit 1000 erwarteten Besuchern stattfinden durfte. Nur wenige Tage später war ihm das Lachen vergangen: "Gesundheit geht vor und wir fühlen uns unserem Publikum verpflichtet, jegliches Risiko auszuschließen", mit diesen Worten hatten der Theaterleiter und seine Vereinsfreunde am 11. März die komplette restliche Frühjahrssaison im Böblinger Alten Amtsgericht abgesagt.

Auch Karsten Spitzer wollte und konnte den Ernst der Lage zuerst nicht wahrhaben. "Das war wie ein Tsunami - da steht man erst mal davor und begreift nicht, was da auf einen zurollt", sagt der Schauspieler und Regisseur, der ab 28. März im Sindelfinger Theaterkeller die Wiederaufführung seiner im letzten Jahr so erfolgreich gelaufenen Inszenierung von "Gut gegen Nordwind" präsentieren wollte. "Wir waren so gut wie fertig mit proben, es lief richtig gut, wir hatten uns wirklich darauf gefreut", erzählt er.

Daraus wird nun nichts mehr. "Das war schon ein Schlag", räumt der Weil der Städter ein - zumal er für diese Produktion mit Femi Morena und Sandra Willmann zwei Profi-Schauspieler verpflichtet hat, die auf die Einnahmen angewiesen sind. Nun hofft er auf finanzielle Unterstützung von Seiten des Kulturamts. Wobei Amateurbühnen wie seine Szene 03 noch vergleichsweise glimpflich davon kommen würden, wie Spitzer einräumt. Er mache sich vor allem Sorgen um freie Schauspieler. "Einige haben wirklich Überlebensängste", erzählt er.

Um eine ernüchternde Erfahrung reicher ist Sabine Duffner vom Theaterensemble Sindelfingen. Bei den Aufführungen des Drei-Personen-Stücks "Nach der Ruhe vor dem Sturm" hatte das Publikum bereits auf die Warnmeldungen reagiert: Nur rund ein Dutzend Zuschauer saß am 7. März, dem Tag nach der Premiere, im Theaterkeller. Zwei weitere Aufführungen gab es noch, die letzte sahen sogar die nach städtischer Auflage maximal möglichen 50 Zuschauer. Alle weiteren Vorstellungen wurden abgesagt. "Wir sind am Freitag darüber informiert worden", erzählt Duffner, die nun hofft, dass sie und ihre Bühnenkollegen die verbleibenden Aufführungen zu einem späteren Zeitpunkt nachholen können - zumal die Amateur-Truppe mit Axel Krauße einen Profi-Regisseur engagiert hat, der natürlich ein Anrecht auf sein Honorar habe.

"Anfangs hat man das unterschätzt"

Bei aller Enttäuschung sei es für sie aber keine Frage, dass die Absage mit Blick auf die Viren-Gefahr richtig war. "Anfangs hat man das unterschätzt", räumt sie ein. "Aber man muss da wirklich auf die Fachleute hören und sich solidarisch zeigen", findet sie. "Ich bin in jedem Fall gespannt, wie sich das gesellschaftlich auswirkt", blickt Sabine Duffner sorgenvoll in die Zukunft. "Schließlich ist Kultur nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Bildungsgut."

"Als hätte man in voller Fahrt auf die Notbremse gedrückt", so beschreibt Prisca Maier-Nieden ihre derzeitige Gefühlslage. Die Regisseurin und Leiterin der Böblinger DAT-Kunstschule wollte am 24. April Thomas Winterbergs "Das Fest" im Städtischen Feierraum aufführen. Es wäre die erste Produktion des so genannten DAT-Ensembles mit Mitgliedern der Leistungsförderung der Böblinger Kunstschule gewesen. Nun ist die Inszenierung zwar nicht aufgehoben, zumindest aber aufgeschoben, erklärt die Regisseurin. Im Gespräch mit der Kreiszeitung macht sie aber auch ganz deutlich, dass sie die Maßnahmen für "absolut angemessen" hält. Einen Nachholtermin gibt es noch nicht. "Entweder spät im Juni oder im Herbst", so Maier-Nieden. Alle anderen Produktionen müssten dann eben nach hinten rutschen.

Tanzunterricht per Video

Der Unterricht an der DAT-Kunstschule gehe indessen zum Teil digital weiter. Auf freiwilliger Basis könnten zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler der Tanzschule Übungen per Video nachtanzen. "Wir setzen uns jedenfalls nicht hin und sagen: Wir können nichts machen", stemmt die Schulleiterin sich gegen die Untätigkeit.

Bis zuletzt gehofft hat vor gut einer Woche noch Martin Hering. Der Organisator von Jazzin' Herrenberg war am 11. März noch felsenfest davon überzeugt gewesen, dass der Auftakt mit Judith Goldbach und dem Handglockenchor Glox am 13. März in der Spitalkirche stattfinden und die ganze Konzertreihe wie geplant über die Bühne gehen würde. Am Ende sollte nur die traditionelle Jamsession im Jugendhaus stattfinden, alle weiteren Konzerte bis Ende April sind abgesagt. "Als Verein trifft uns das schon", sagt Hering. Man habe schließlich viel Zeit und Geld investiert. "Andererseits muss ich gestehen, dass es uns existentiell natürlich nicht trifft. Wir leben ja nicht davon", räumt er ein.

Das gilt dagegen für viele der Musiker, die bei Jazzin' Herrenberg spielen sollten. "Da hängen wirklich Existenzen dran", betont Hering. An der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Absagen habe er mittlerweile allerdings keine Zweifel mehr. "Noch vor gut einer Woche habe ich das deutlich lockerer gesehen. Da dachte ich, das wäre alles ein bisschen übertrieben", gibt er zu. Mit den steigenden Fallzahlen habe sich seine Einschätzung von Tag zu Tag geändert. Dann sei ihm klar gewesen: Ein Festhalten am Festival war nicht mehr vertretbar. "Die Ansteckungsgefahr wäre einfach zu hoch gewesen."

Die Gesundheit der Gäste geht vor

Das Herrenberger Festival ist nur eins von vielen Events, die derzeit unter die Räder kommen. Auch die IG Kultur in Sindelfingen muss den Betrieb auf null herunterfahren. Das ist bitter für die ehrenamtlichen Akteure, die 2019 stolze 55 Veranstaltungen, zumeist im Pavillon, auf die Beine gestellt haben. Aber die Einsicht, dass die drastischen Maßnahmen notwendig sind, überstrahlt alles. "Wir können mit dem Verbot leben. Auch wenn es wehtut", so der Vorsitzende Ingo Liedtke, "aber die Gesundheit unserer Gäste und ehrenamtlichen Helfer geht vor."

Natürlich tun den Herzblut-Veranstaltern die Künstler besonders Leid, gerade die Profis, die am vergangenen Wochenende bei den Sindelfinger Jazztagen hätten auftreten sollen. "Sie sind alle Berufsmusiker und leben von ihren Konzertengagements, die nun flächendeckend abgesagt werden", sagt der stellvertretende Vorsitzende Hilmar Kallweit.

Die für 28. März geplante Böblinger Polarnacht fällt ebenfalls dem Virus zum Opfer. Ein herber Schlag für Konzertorganisator Jochen Knobel, der sich noch bis vor rund zwei Wochen ganz sicher war, dass er die Live-Musiknacht mit 23 Bands in 22 Kneipen würde durchziehen können.

Der Böblinger Musiklehrer Siegfried H. Pöllmann hat nicht für jede Entscheidung Verständnis. Als Organisator des Wettbewerbs "Jugend musiziert" bewege ihn am allermeisten die Absage des für Ende März in Tuttlingen geplanten Landeswettbewerbs. "Das hat mich schon sehr gewundert", sagt Pöllmann, "schließlich hätte man das ja auch ohne Publikum in einzelnen Konzerten machen können." Jetzt stelle sich die Frage, wie die Bundessieger ohne vorherigen Landesentscheid ermitteln werden sollen. Auch die Absage des Musikabiturs, das vergangene Woche stattfinden sollte, wäre doch mit einigen Vorkehrungen durchführbar gewesen, findet der Pädagoge. Aber mit der Schließung der Schulen waren auch diese praktischen Prüfungen gestrichen. "Ich finde das fast ein bisschen überzogen", sagt Pöllmann.

Der Geigenlehrer selbst versucht indes, das Beste aus der Situation zu machen "Meine Violinklasse unterrichte ich telefonisch und per Skype. Das geht ganz gut."

Für Andreas Zienteck ist die Kultur - genauer gesagt die Filmkultur - kein Hobby, sondern Beruf und Existenzgrundlage. Der Geschäftsführer der Böblinger Kinos durchlebt gerade seinen ganz persönlichen Horrorfilm. "Ich kann überhaupt keine konkreten Aussagen treffen, es ändert sich täglich was. Das ist das Hauptproblem." Man hört deutlich den Frust aus den Worten des sonst so positiv gestimmten Böblingers. Laut Verordnung der Landesregierung müsste das Bärenkino bis 19. April geschlossen bleiben, laut der Stadt Böblingen sogar bis 15. Juni. "Wir wollen Lösungen finden, um Arbeitsplätze zu erhalten", sagt Zienteck deshalb, "aber wie es langfristig weiter geht, dazu möchte und kann ich derzeit einfach nichts sagen."