Sindelfingen: Die Kultur sendet aus der Quarantäne

Wohnzimmer wird zum TV-Studio: Die Junge Bühne Sindelfingen startet Live-Streaming-Angebot - Spendenaufruf für Künstler

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    Zur Premiere ihres Livestreams haben Ingo Sika (l.) und Leonie Rothacker den Musiker Oliver Palotai (M.) zu Gast. Per Facetime zugeschaltet sind Johannes Held und seine Frau Lucy Fotos: S. Schlecht

"Hallo und herzlich willkommen in meinem Wohnzimmer." Mit diesen Worten begrüßt Ingo Sika die Zuschauer der ersten Ausgabe von"Kultur in Quarantäne". Der Leiter der Jungen Bühne Sindelfingen will mit dem in Eigenregie produzierten Streaming-Angebot die lokale Kulturszene in der Corona-Krise am Leben halten.

Artikel vom 21. März 2020 - 11:30

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Drei, zwei, eins, los!" Mit den Fingern zählt Marc Hugger lautlos den Countdown für die Premiere von "Kultur in Quarantäne" herunter. Der gelernte Medienkaufmann sitzt hinter Bildschirmen, Kameras und Scheinwerfern im Küchenbereich von Ingo Sikas Wohnung in der Sindelfinger Wurmbergstraße. In dem Wohnhaus an der Ecke zur Grabenstraße leben mit Ingo Sika, Sven Holder, Marc Hugger und seiner Freundin Leonie Rothacker gleich mehrere Mitglieder der Jungen Bühne Sindelfingen. Gemeinsam kamen die in Veranstaltungs- und Videotechnik bewanderten Hausbewohner auf die Idee, Know-How und technische Ausrüstung zusammenzubringen und ein Kulturangebot im Internet zu schaffen.

Am diesem Mittwochabend ist die Premiere. Als Gast hat sich Ingo Sika den Aidlinger Profi-Musiker und Musiklehrer Oliver Palotai eingeladen. Per Facetime sind zudem der Opernsänger Johannes Held und seine Frau, die Tänzerin und Autorin Lucy van Cleef, zugeschaltet. Die beiden sind derzeit gemeinsam mit ihrem erst wenige Monate alten Sohn Demian auf einer Hütte in der Nähe von Zell am See in Österreich. Die Fragen stellt Leonie Rothacker, die dafür - ganz wie die Illners und Maischbergers im Fernsehen - Moderationskärtchen vorbereitet hat und jeden Gast kenntnisreich vorstellt.

Technische Umsetzung und Präsentation wirken genauso professionell, wie man das von vorherigen Projekten der Jungen Bühne wie etwa der Musical-Gala vor drei Wochen gewohnt ist. Dennoch wirkt das binnen weniger Tage aus dem Boden gestampfte Sendeformat auf charmante Weise auch ein wenig improvisiert und spontan. So kommt es dann auch, dass der Berichterstatter von der Kreiszeitung sich unversehens als Interviewgast auf der Couch wiederfindet und über seine Sicht auf die lokale Kultur in Zeiten von Corona plaudern darf.

Beherrschendes Thema der ersten Sendung ist die Frage, wie Künstler mit der aktuellen Situation umgehen und welche Auswirkungen die Stillegung des Veranstaltungs- und Kulturbetriebs für die gesamte Gesellschaft hat.

Für Oliver Palotai haben die Maßnahmen zum Schutz vor der Ausbreitung des Virus bereits spürbare Folgen. Der Frontmann der Metalband Kamelot ist im Musikgeschäft sehr vielseitig tätig. Ursprünglich hätte Ende dieser Woche seine Deutschlandtournee mit der "Highland Saga Show" begonnen. Daraus wird nun erst einmal nichts. Die Konzerte sind in den November verschoben. "Und gerade erst vor einer Stunde habe ich erfahren, dass meine für Mai geplante Südamerika-Tour mit Kamelot verschoben ist", erzählt Palotai, der einen Tag zuvor seinen 46. Geburtstag gefeiert hat. Was er jetzt tun wird? "Ich werde mich in mein Studio verkriechen und einige Projekte vorziehen", erklärt der Familienvater mit Wohnsitz in seinem Heimatort Aidlingen. Als Musikproduzent, Komponist und Musiklehrer sei er zum Glück recht breit aufgestellt.

Palotai: "Ihr seid die ersten, die unter die Räder kommen"

Anders gehe es da seine Kollegen, die ausschließlich von der Livemusik leben. "Die sind nochmal eine ganze Ecke schlechter dran", sagt Palotai. "Ihr seid die ersten, die unter die Räder kommen", mahne er deshalb stets, wenn seine Schüler vor der Entscheidung stehen, ob sie eine Profi-Karriere einschlagen wollen.

Von seinen Auftritten lebt auch Johannes Held, der auf einem Bildschirm hinter den Talkgästen zugeschaltet ist. Der in Maichingen aufgewachsene Opernsänger wohnt mit Frau und Kind mittlerweile in Berlin. Da momentan sämtliche Auftritte gestrichen sind, verbringen die beiden ein paar Tage in der Abgeschiedenheit des Salzburger Berglands. Einige der abgesagten Termine sind Passionskonzerte zu Ostern. "Die kann man auch nicht mehr nachholen. Das sind Jobs, die einfach wegfallen. Dieses Geld gibt dir keiner mehr zurück", berichtet der Organisator des Sindelfinger Kunstliedfestivals "Der Zwerg".

Hinzu kommt für ihn als international tätigen Künstler, dass die Virus-Krise praktisch allgegenwärtig ist. "Du kannst also nicht davor weglaufen", sagt Held im Video-Interview. "Aussichtslosigkeit" ist deshalb das Wort, mit dem er und seine Frau die Lage beschreiben. Im Hintergrund meldet sich ihr Baby mit lautstarkem Quengeln und erinnert daran, dass hier mehr als nur zwei Existenzen auf dem Spiel stehen.

Als Ingo Sika das Wort ergreift, bricht er eine Lanze für die Kultur- und Unterhaltungsindustrie. "Dieser Wirtschaftszweig ist größer als die deutsche Energiewirtschaft", betont er, dass die Bedeutung der Kultur und aller Berufe, die daran hängen, von vielen unterschätzt werde. Insbesondere das wirtschaftliche Überleben privater Künstler sieht er in Gefahr. "Wenn wir da jetzt nicht reagieren, gibt das einen irreparablen Schaden", fürchtet Sika, der hauptberuflich als Zahnarzt tätig ist.

Aus diesem Grund ruft die Junge Bühne Sindelfingen über ihre Streaming-Seite zu Spenden auf. Das Geld soll unter den Künstlern verteilt werden, die in den kommenden Tagen und Wochen bei "Kultur in Quarantäne" auftreten. Bereits während der Sendung, die von ein paar Dutzend Zuschauern live auf Facebook angeschaut wird, laufen neben "Likes" und lobenden Kommentaren auch schon die ersten Spenden ein.

Um die bitterernste Thematik der Debüt-Sendung ein wenig aufzulockern, liest Sika am Ende ein humorvolles Gedicht vor, auf das er im Internet gestoßen ist. Angelehnt an den "Erlkönig" bekommen hier Hamsterkäufer und Klopapier-Horter ihr Fett weg.

Im Falle einer Ausgangssperre habe man übrigens noch ein paar Ideen in der Hinterhand, erklärt der Gastgeber. "Schlimmstenfalls lese ich hier Märchen vor", witzelt er am Ende der rund halbstündigen Sendung.

 

  Weiter ging es mit "Kultur in Quarantäne" bereits am gestrigen Freitag. An diesem Abend war Musiker und Junge-Bühne-Mitglied Immanuel Grau zu Gast. Die nächste Sendung ist für morgen um 14 Uhr geplant. Für Mittwoch, 25. März, um 19 Uhr haben sich die Comedians von Des Duo angekündigt. Sendetermine sind voraussichtlich jeweils mittwochs und freitags um 19 Uhr sowie sonntags um 14 Uhr. Livestream und Infos gibt es unter http://www.junge-buehne-sindelfingen.de oder http://www.kultur-in-quarantaene.de im Netz.
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