Zum Gedenken an NS-Opfer: Ensembles der Sindelfinger Martinskiche im Hospitalhof

Das Interview: Sindelfinger Ensembles präsentieren in Stuttgart interreligiöses Oratorien-Projekt

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    Bereits im November präsentierte Bezirkskantor Daniel Tepper (Mitte) mit Sindelfinger Ensembles Bernsteins Chichester Psalms und weitere Oratorien in der Martinskirche Foto: Epple/Archiv

Artikel vom 27. Januar 2020 - 17:42

STUTTGART/SINDELFINGEN (edi). Am vergangenen Sonntag haben der Kinder- und Jugendchor Sindelfingen, der Konzertchor Cappella Nuova Sindelfingen und das Interkulturelles Sinfonisches Orchester unter der Leitung von Bezirkskantor Daniel Tepper ihr bereits im November zweimal in Sindelfingen aufgeführtes interreligiöses Oratorien-Projekt nochmals im Stuttgarter Hospitalhof präsentiert. Das Konzert fand auf Einladung der Evangelischen Landeskirche in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) statt. Im KRZ-Interview spricht Bezirkskantor Tepper über das Projekt.

Hallo Herr Tepper, wie kam es zu dem Sindelfinger Gastspiel vor 500 Zuhörern im Stuttgarter Hospitalhof?

Erste Gedanken zu einem christlich-jüdischen Konzertprojekt gab es in Gesprächen mit der IRGW, der Israelitischen Religionsgmeinschaft Württemberg. Die IRGW veranstaltet jedes Jahr die jüdischen Kulturwochen in Stuttgart. In diesem Rahmen war jedoch ein Konzertprojekt dieser Größe nicht möglich. Schließlich hat sich dann die evangelische Landeskirche Württemberg entschieden, am Vorabend des 75. Gedenktags der Befreiung des KZ Auschwitz die Idee umzusetzen und die Aufführung im Stuttgarter Hospitalhof als Auftakt zu weiteren Gedenkveranstaltungen im Laufe des Jahres festzusetzen.

Wie haben Sie gemeinsam mit den Mitwirkenden die Neuauflage des Konzerts in

diesem größeren Zusammenhang erlebt?

Für die Musizierenden war es eine große Freude, die drei anspruchsvollen und zugleich gänzlich unterschiedlichen Werke ein drittes Mal aufführen zu können. Die intensive Arbeit im Herbst und die beiden gelungenen Aufführungen im November 2019 in Sindelfingen konnten nun durch eine Wiederaufnahme abgerundet werden. Ich hatte das Gefühl, dass alle Mitwirkenden die Werke über Weihnachten verinnerlicht und die Musik noch stärker durchdrungen hatten. So war es möglich, mit einer intensiven Generalprobe die Werke auf hohem Niveau dem Stuttgarter Publikum nahezubringen.

Ansprachen gab es bei dem Konzert unter anderem von Landesbischof Frank Otfried July sowie von IRGW-Sprecherin Barbara Traub. Welche Botschaften haben die Redner dem Publikum mit auf den Weg gegeben?

Ein solches Gedenkkonzert soll nicht der Schuldbewältigung dienen, sondern ein tolerantes Miteinander der Generationen in Gegenwart und Zukunft fördern. Barbara Traub sagte deshalb zum Beispiel, dass wir in Anbetracht des zunehmenden Fehlens von Zeitzeugen heute nach anderen Wegen des Gedenkens suchen müssten. Sie meinte, dass die Musik - ganz ähnlich wie Berichte von Zeitzeugen - ebenfalls unmittelbar auf die Seele einwirken könne.

Ein Blick in die Nachrichten zeigt, wie schmerzlich aktuell die Botschaft dieses Projekts nach wie vor ist. Planen Sie deshalb weitere Konzerte an anderen Orten?

Weitere Konzerte mit diesem Programm sind vorerst nicht geplant. Die Werke bedürfen einer intensiven und aufwendigen Probenarbeit, zudem sind die Aufführungen mit einem hohen logistischen und finanziellen Aufwand verbunden. Die Ensembles des Martinskantorats konzentrieren sich nun auf die anstehenden Passionskonzerte am 4. und 5. April, bei denen neben dem berühmten Werk "Die 7 letzen Worte Jesu am Kreuz" von César Franck das große Oratorium "Via Crucis" des polnischen Katholiken Pawe ukaszewski erklingt. Diese Komposition wurde bisher lediglich einmal in Deutschland aufgeführt und bedeutet für die Ensemblemitglieder eine neue, spannende und exklusive Herausforderung.

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