Ein Chirurg für 100 000 Menschen

Artikel vom 26. November 2019 - 16:48

Zur personellen Situation im Sindelfinger Krankenhaus

Ein Chirurg für 100 000 Menschen? Solche Zahlen kennt man nur aus der Dritten Welt. Das ist aber auch bei uns Realität.

Ich hatte mir am Samstagabend eine Schnittwunde am Kopf zugezogen, die man nach menschlichem Ermessen nähen sollte. Im Sindelfinger Krankenhaus - dem einzigen in Böblingen und Sindelfingen mit notfallchirurgischer Abteilung im Umkreis - habe ich nach drei Stunden aufgegeben, vor mir noch vier Fälle mit deutlich schwereren Verletzungen. Auch sie warteten seit Stunden und hatten keine Aussicht, in den nächsten zwei Stunden behandelt zu werden. Der einzige verfügbare Chirurg war vollkommen überlastet.

Das ist Realität, mitten in Deutschland. Die Krankenhäuser sind unterbesetzt, zu wenig Personal. Gespart wird überall. Ist es da nicht paradox, dass für einen Neubau des Krankenhauses auf dem Flugfeld auf einmal Geld da ist? Und was nützt eine Klinik ohne Ärzte und Schwestern? Hier werden offensichtlich die falschen Prioritäten gesetzt. Beweist erst mal, dass ihr überhaupt einen anständigen Klinikbetrieb stemmen könnt, bevor das Geld für Beton verpulvert wird. Beton scheint wertvoller als Gesundheit zu sein. 550 Millionen Euro soll die neue Klinik kosten. Damit könnte man auch 100 Jahre lang 5,5 Millionen für zusätzliches Personal ausgeben. Jeder Patient würde sofort davon profitieren.

Wenn Sie am Samstagabend einen Oberschenkelhalsbruch erleiden, rate ich: Nehmen Sie einen dicken Kochlöffel, stabilisieren Sie Ihr Bein mit Gürtel und Mullbinden und legen Sie sich mit zwei Schmerztabletten ins Bett. Der Montagmorgen kommt bestimmt. Damit ist ihnen mehr geholfen als in jedem Krankenhaus, geschweige denn der Flugfeldklinik.

Jens Sundermann, Böblingen

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