Selbsttest: Plastikfrei für Anfänger

Von der Brille auf der Nase bis zum Kugelschreiber in der Hand. Plastik füllt beinahe alle Lebensbereiche. Ist es überhaupt noch möglich, ohne das umweltschädliche Material zu leben? Das käme wohl auf einen Versuch an. Gesagt, getan.

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Artikel vom 21. November 2019 - 10:00

KREIS BÖBLINGEN. Laut NABU landen mehr als sieben Millionen Tonnen Plastik pro Jahr in unseren Meeren. Mittlerweile werden pro Jahr weltweit 300 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Im Nordpazifik wabert ein Müllteppich - der "Great Pacific Garbage Patch" - der so groß ist wie Mitteleuropa. Das ist kein Wunder: Eine Plastiktüte benötigt zehn bis 20 Jahre, um sich zu zersetzen. Eine PET-Flasche schlappe 450 Jahre. Wenn also der bekannte Theologe Martin Luther kurz vor seinem Tod eine Plastikflasche ins Meer geworfen hätte, würden wahrscheinlich immer noch die letzten Überreste des haltbaren Materials in unseren Gewässern herumschippern. Darüber hinaus sind Plastikpartikel auch beispielsweise in vielen Kosmetika enthalten, die wir direkt über die Haut aufnehmen. Zusammengefasst: Wir haben ein Problem. Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen: Lassen wir einfach das Plastik weg. Was sich einfach anhört, hält jedoch die ein oder andere Tücke bereit.

Einkaufen im Hofladen

Trotzdem startet das Plastikfrei-Experiment mit einem strahlenden Gewinnerlächeln. Mit einem Jutebeutel im Gepäck geht es los zum Hofladen auf dem Hofgut Mauren. Frisches Gemüse, Obst, Joghurt und Eier sind dort schnell eingekauft - alles ohne Verpackung. Doch dann wird's schon komplizierter: Für Nudeln, Nüsse, Gewürze, Frühstücksflocken und Butter führt der Weg in den Unverpackt-Laden in Tübingen (bald gibt es einen solchen auch in Herrenberg und in Magstadt hat im Oktober einer eröffnet). Auf dem Rückweg klappern die Glasbehälter fröhlich im Rucksack - so weit, so gut.

Doch am frühen Morgen trifft die wagemutige Plastik-Abstinentlerin beinahe der Schlag. Denn jetzt geht's an die heißgeliebten Tupperboxen. Das Vesper für den Arbeitstag muss jetzt wohl eine andere Heimat finden. Abhilfe schaffen Glasbehälter und alte Papiertüten vom Bäcker. Essensreste werden nicht mehr mit Frischhaltefolie - der Feind eines jeden Grobmotorikers - abgedeckt, sondern mit einfach zu handhabenden Bienenwachstüchern des Unternehmens Bee Food Wraps aus Herrenberg. Nachdem diese Schwierigkeiten überwunden sind, geht's ins Badezimmer. Doch dort nimmt die Misere ihren Fortgang. Die Zahnbürste ist aus Plastik, die Tube Zahncreme ebenso. Von der Kosmetik ganz zu schweigen. Das heißt: Die nächsten Tage fällt die Farbe für das Gesicht unter den Tisch. Auf der Einkaufsliste stehen: Zahnbürste aus Bambus, eine Haar- und Körperseife sowie ein Stück Bienenwachs aus dem Unverpackt-Laden.

Zahncreme selbermachen mit Kokosöl und Natron

Dann geht es ab in die Hexenküche. Zuerst muss die Zahnhygiene abgehandelt werden. In einem Mörser aus Stein zerkleinert die selbst-erkorene Hexenküchen-Chefin Natron und mischt dieses in einem kleinen Glasdöschen mit warmem Kokosöl. Und schon ist die selbstgemachte Zahncreme fertig. Enthusiastisch angesichts des selbstgebrauten Pulvers, wird es auch direkt ausprobiert: Zugegeben - der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig, aber funktionieren tut's. Es bleibt keine Zeit zum Ausruhen, denn das nächste Projekt ruft bereits. Da alle Hautcremes in Plastikdosen aufbewahrt werden, muss auch hier Abhilfe geschafft werden. Zunächst werden Bienenwachs und Kokosöl in einem Töpfchen erwärmt, gemischt und abgefüllt. Dann fällt der Blick auf die Aloe Vera Pflanze, die in ihrer Eigenschaft als Wüstenpflanze hervorragend zum Gieß-Verhalten ihrer Besitzerin passt. Nun steigt sie jedoch nochmals einige Punkte auf der Sympathie-Skala. Denn Aloe Vera wird bevorzugt zur Hautpflege benutzt. Vor allem ihr kühlender Effekt ist bei von Sonnenbrand geplagter Haut besonders wohltuend. Im Handumdrehen wird einer der Äste gnadenlos abgesäbelt und die grüne Haut des Astes in nervenaufreibender Fiesel-Arbeit entfernt. Heraus kommt ein glibberiges, durchsichtiges Etwas, das im Mixer zu einem erfrischenden Gel verarbeitet wird. Im Kühlschrank aufbewahrt, ist es ein echtes Wundermittel gegen trockene Haut und davon abgesehen auch bitter notwendig: Denn nach einigen Tagen muss der selbstgemachten Creme abgeschworen werden. Die reichhaltige, aus Ölen und Wachs bestehende Hautpflege verursacht bei der Probandin nämlich einen Rückfall in die gefürchteten Teenager-Jahre - unter den vielen Pickeln ist kaum noch das Gesicht zu erkennen. Als Lippenbalm funktioniert das Gebräu jedoch einwandfrei.

Süßigkeiten ohne Plastik

Langsam stellt sich ein angenehmes Gefühl ein: Die Grundversorgung ohne Plastik ist größtenteils gesichert. Doch nach einigen Tagen der vorbildlichen Lebensweise kommen Luxus-Probleme auf. Wer nämlich einen süßen Zahn hat oder mal gern die eine oder andere Chipstüte vor dem Fernseher verdrückt, sieht sich vor einem Dilemma. Kekse sind noch schnell selber gebacken, aber Chips? Gummibärchen? Und jetzt das Ultimative Süßigkeiten-Horror-Szenario: Gibt es eigentlich Schokolade im Supermarkt, die nicht in Plastik verpackt ist? Nach erbitterter Suche fällt schließlich das Urteil: Da gibt's nix im Einkaufsregal. Die Notlösung: Bei Rittersport ist Bruchschokolade erhältlich, die in Papier verpackt ist.

Wer eine ungebrochene Disziplin an den Tag legt, hält wohl die Plastik-Abstinenz durch. Wer, wie die Szene-Redakteurin, einen unbändigen Heißhunger auf Süßes hat, tut sich in diesem Fall eher schwer. Eins ist klar: Wer sich die Mühe macht, kann seinen Plastik-Verbrauch bedeutend senken. Dazu braucht es allerdings Zeit und Mehraufwand - Fertigprodukte fallen beinahe vollständig weg. Wer sich ab und zu Süßigkeiten gönnt, kann dagegen Plastikabfall kaum vermeiden. Und trotzdem: Zwar ist weniger Müll nicht gar kein Müll, aber es ist immerhin ein Fortschritt - und darum geht's.

Gut zu wissen:

Beim Zerfall von Plastik werden Giftstoffe freigegeben. Darunter sind beispielsweise:
Phthalate: Werden als Kunststoff-Weichmacher eingesetzt. Laut Umweltbundesamt gelten sie als höchst gesundheitsgefährdend. Sie kommen vor allem in Lebensmittelverpackungen, Spielzeug, Kosmetika, Fußbodenbelägen und Insektiziden vor. Der Mensch nimmt sie zumeist über die Nahrung oder die Atemluft auf. Nach Forschungen des Umweltbundesamtes ist bei vielen Phthalaten die Beeinträchtigung der männlichen Fortpflanzung bewiesen. Unter anderem werden auch Schädigungen der Leber, Niere und des  Immunsystems darauf zurückgeführt.


Bisphenol A: Die Industriechemikalie ist laut Umweltbundesamt gesundheitsgefährdend. Man findet sie in Zahnmaterial, Kinderspielzeug, Kosmetika und in hoher Konzentration in der Beschichtung von Kassenzetteln. Bisphenol A wirkt vor allem auf den Hormonhaushalt ein. Im menschlichen Körper kann der Stoff wie das weibliche Hormon Östrogen wirken und kann deshalb auf die vermehrte Unfruchtbarkeit von Männer zurückgeführt werden. Ab dem Jahr 2020 darf sogenanntes Thermopapier (wie Kassenzettel), in dem Bisphenol A in Konzentrationen von 0,02 Gewichtsprozent und darüber enthalten ist, nicht mehr verkauft werden.

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