Fulminanter Theaterabend in Weil im Schönbuch

Kulturkreis präsentiert Kreislers Ein-Frauen-Musical "Heute Abend: Lola Blau"

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    Agnes Decker und Klaus Hügl begeisterten das Publikum im Bürgersaal Foto: Kittelberger

Artikel vom 18. November 2019 - 19:06

Von Susanne Kittelberger

WEIL IM SCHÖNBUCH. Das Musical für ein Frau und einen Pianisten "Heute Abend: Lola Blau" sollte den Schlusspunkt im Jahresprogramm des Kulturkreises Weil im Schönbuch setzen. Tatsächlich erlebte das Publikum am Samstag einen fulminanten Theaterabend, bei dem Georg Kreislers mitreißende Kabarettsongs und die junge Schauspielerin Agnes Decker im Mittelpunkt standen. Der Schönaicher Pianist Klaus Hügl präsentierte sich am Flügel wieder einmal als souveräner Begleitmusiker.

Gerd Kaufholz, Vorsitzender des Kulturkreises Weil im Schönbuch, blickte zufrieden in die Runde: Mit über 80 Besuchern war der Bürgersaal im Weilemer Rathaus am fast bis auf den letzten Platz besetzt.

"Heute Abend: Lola Blau" ist Georg Kreislers bekanntestes Bühnenwerk. Der Wiener Altmeister des schwarzen Humors hatte es ursprünglich für seine damalige Frau Topsy Küppers geschrieben. 1971 feierte es in Wien seine Uraufführung.

Das Musical erzählt die fiktive Geschichte der jungen jüdischen Schauspielerin Lola Blau, die sich überhaupt nicht um Politik kümmert und einer Theaterkarriere entgegenfiebert. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland muss sie 1938 Wien verlassen und kann gerade noch rechtzeitig über die Schweiz in die USA emigrieren. Dort macht sie Karriere als Revuestar.

Auf der Suche nach ihrem Geliebten kehrt sie in der Nachkriegszeit nach Wien zurück und sieht sich erneut mit den Geistern der Vergangenheit und der Verlogenheit der Menschen konfrontiert. Das Stück weist deutliche Parallelen zu Kreislers eigener Biografie auf und ist - ganz nebenbei - eine Abrechnung mit dem Showgeschäft und eine bissige Satire auf die Wiener.

Dass sich das Musical gerade für kleine Bühnen sehr gut eignet, zeigte sich auch im Bürgersaal in Weil im Schönbuch. Der umfangreiche Text des Einpersonenstücks und die vielen Gesangs- und Tanzeinlagen macht es allerdings für jede Darstellerin zu einer Herausforderung.

In schlichtem schwarzen Kleid gab Agnes Decker die Lola sehr natürlich und auch ein wenig zerbrechlich. Glaubhaft verkörperte sie die anfangs naive Frau, deren Träume nach und nach zerplatzen und die schließlich auf den Brettern, die ihr einst die Welt bedeuteten, ausgebrannt und desillusioniert zurückbleibt.

Von Anfang an gelang es ihr, einen engen Kontakt zum Publikum aufzubauen. Sie wirbelte über die Bühne, schlüpfte in mehrere Rollen, sang und tanzte, imitierte das Schreien der Möwen und den Hauch des Windes, wechselte unentwegt die Schuhe, räkelt sich auf dem Flügel und legte einen pantomimischen Striptease hin. Dazu interpretierte sie Georg Kreislers Lieder, die mal frivol, mal sarkastisch, mal poetisch und auch mal sehr melancholisch rüber kamen.

Wer die zierliche dunkelhaarige Darstellerin am Samstagabend erlebt hat, kann nachvollziehen, dass sie in diesem Jahr beim 40. Filmfestival Max-Ophüls-Preis in der Kategorie "Bester Schauspielnachwuchs" nominiert war. Mittlerweile hat sie ein festes Engagement am Schwäbischen Theater in Memmingen.

Angnes Decker und Klaus Hügl bilden ein eingespieltes Team

Mit Klaus Hügl am Flügel stand ihr ein virtuoser und einfühlsamer Begleiter zur Seite. Die beiden bilden ein eingespieltes Team. An die 50-mal haben sie das Stück in der Inszenierung von Axel Krauße schon auf die Bühne gebracht, seitdem es 2015 am Tübinger Zimmertheater Premiere feierte. Allerdings mussten sie erst nach Weil im Schönbuch kommen, um für ihren Auftritt einen richtigen Flügel zur Verfügung zu haben. Nach der überzeugenden Vorstellung am Samstagabend wird man die beiden dort sicher gerne wieder einladen. Das Publikum im Weiler Rathaus quittierte die Aufführung jedenfalls mit Bravo-Rufen und begeistertem Applaus.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, dass Georg Kreislers Bühnenstück seit seiner Entstehung nichts an Aktualität eingebüßt hat: Themen wie Antisemitismus, Emigration und sexuelle Übergriffe gegen Frauen im Showbusiness sind heute mindestens so aktuell wie im Jahr 1971.

Wer jetzt Lust auf Lola Blau bekommen hat: Am 22. November spielen Agnes Decker und Klaus Hügl das Stück noch einmal - allerdings muss man dann nach Landshut fahren . . .

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