Schön schräg: Neue Ausstellungen im Böblinger Fleischermuseum

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    Premiere im Fleischermuseum: Anna McCarthy spielt mit ihrer Band Moon not War inmitten ihrer Ausstellung "Bloodless Boutique" Foto: S. Schlecht

Das "schrägste Haus der Stadt", nennt Christian Baudisch mit einiger Selbstironie das von ihm geleitete Fleischermuseum. Passend dazu gibt es dort zwei neue und ganz schön schräge Ausstellungen: Anna McCarthy hat am Donnerstag ihre "Bloodless Boutique" mit einem Rockkonzert eröffnet und ab Samstag heißt es "Sechs im Museum".

Artikel vom 15. November 2019 - 11:06

BÖBLINGEN. Als Kulturredakteur erlebt man schon so manche Merkwürdigkeit: Von abgedrehten Theaterinszenierungen über geltungsbedürftige Möchtegern-Bestseller-Autoren bis hin zu talentfreien Musikern mit verzerrter Selbstwahrnehmung. Die skurrilsten Erlebnisse hält aber immer noch der Kunstbetrieb bereit - so wie zuletzt der Presserundgang durchs Deutsche Fleichermuseum am Böblinger Marktplatz, wo Anna McCarthy am Donnerstagabend ihre Ausstellung "Bloodless Boutique" mit einem Konzert ihrer Psychedelic-Post-Punk-Band Moon not War eröffnet hat.

Eine "Leute-killende-Pizza-Maschine", ein Kurzfilm über eine sprechende Handtasche und ein mit Krimskrams und Megafon beladener Rollator werden wohl so manchen Besucher ratlos, vielleicht aber auch mit neuen Einsichten oder zumindest einem amüsierten Lächeln zurücklassen.

Auf eine ähnlich Wirkung setzt die Ausstellung mit dem doppeldeutig klingenden Namen "Sechs im Museum", die am Samstag um 18 Uhr im Rahmen der Langen Nacht der Museen eröffnet wird. Hier zeigen das Deutsche Klingenmuseum Solingen, das Deutsche Weihnachtsmuseum Rothenburg, das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt, das Schwäbische Schnapsmuseum Bönningheim, das Brezelmuseum Erdmannhausen und das Museum der Alltagskultur Waldenbuch Exponate, die bisher (womöglichen aus guten Gründen) ein Kellerdasein fristeten oder sonstwie aus dem Rahmen fallen.

Wenn es nach Christian Baudisch geht, darf es im Fleischermuseum gerne ein bisschen schräg zugehen. Seit der 45-jährige Stuttgarter vor zwei Jahren die Leitung des Fachwerkbaus am Böblinger Marktplatz übernommen hat, setzt er mit abseitig-humorvollen Ausstellungen Akzente. Von Schallplatten-Covers mit "fleischigen" Motiven bis hin zu einer Schau mit Wolpertingern und anderen Fabelwesen spielt er augenzwinkernd gegen das spießig-rustikale Image an, das dem Museum alleine schon seines Namens wegen anhaftet.

Mit ihrer multimedialen Ausstellung "Bloodless Boutique" passt die bayrische Britin Anna McCarthy da voll ins Konzept. Baudisch war über die Illustrierung zu einem Zeitungsartikel auf die Künstlerin gestoßen. Das Bild zeigte McCarthys "Meat Dealer Coat". In Anlehnung an den englischen Begriff "Street Dealer Coat" ist damit ein Mantel gemeint, den Straßenhändler tragen, um ihre Waren feilzubieten. Statt billiger Uhren oder Sonnenbrillen hängen hier aber Fleisch- und Wurstwaren in der Innenseite.

Die Neugierde des Museumsleiters war geweckt. Bald lernte Baudisch mehr über die Münchner Künstlerin, die mit britischem-bösem Humor kluge Konsum- und Sozialkritik übt, die sich mit einer frechen Kunstaktion mit dem Discounter Lidl anlegt, oder im Münchner Olympiapark eine skurrile Protestaktion inszeniert, bei der ein mit allerhand Zeugs beladender Rollator mit Megafon und ein klappriges Holzkreuz eine Rolle spielen. McCarthys Kunst gehört zum ständigen Inventar des Valentin-Karlstadt-Musäums in München, sie hat bereits in Berlin, Los Angeles, Amsterdam, Santiago de Chile und Reykjavík ausgestellt.

Für das Fleischermuseum hat sie eine Präsentation mit früheren, aber auch eigens für Böblingen entstandenen Arbeiten konzipiert. Ihre "blutlose Boutique" spielt mit der Ästhetik von Edel-Boutiquen - in Vitrinen stehen Schaufensterpuppen, Kleidungsstücke hängen an den Wänden, auf einem übergroßen Schwarz-Weiß-Foto prangt das Coco-Chanel-Logo auf dem nackten Po einer Frau, auf Flachbildschirmen laufen Videoclips.

So weit, so gewohnt. Aber hier ist alles anders: Eine Puppe trägt ein schäbig-schrilles Outfit, eine andere eine Art Kettenhemd auf der nackten Plastikhaut. Bei letzterem Utensil handelt es sich um eine von Metzgern getragene Stechschutzschürze aus dem Museumsbestand. "Ich arbeite gerne mit Materialien, die ich am Ausstellungsort vorfinde und improvisiere damit", erklärt McCarthy.

Ausstellung spielt mit der Ästhetik von Edel-Boutiquen

An rosafarbenen Miedern, die an den Wänden hängen, sind Etiketten angenäht, auf denen eine schwarze Hand einer weißen Frau zwischen die Beine greift. Darunter steht das "Eine Armlänge Abstand"-Zitat von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. "Das ist nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015 entstanden", sagt die Künstlerin. Sie bezieht sich damit vor allem auf die Zeichnung mit der schwarzen Hand, die damals als Titelbild der Süddeutschen Zeitung erschienen war. Das habe die Künstlerin sehr verärgert. "Schließlich sind es nicht nur schwarze Männer, die Frauen belästigen", betont sie.

Das ikonische Chanel-Logo findet sich auch an einer anderen Wand auf einem weißen Stück Textil wieder - entstanden ist es durch Kontakt des nackten, mit Farbe beschmierten Damengesäßes mit dem Stoff. "Es hat aber ein paar Versuche gebraucht, bis es geklappt hat", erzählt die Künstlerin, ohne auch nur einen Mundwinkel zu verziehen.

Ihr vierminütiger Filmclip, der in Endlosschleife über den Bildschirm läuft, ist nicht weniger wunderlich: Er handelt von einer Kundin, die sich über die "problematische Aura" ihrer Lederhandtasche bei einer Verkäuferin beschwert. Daraufhin kommuniziert diese wie ein Medium mit der Tasche und erfährt dabei, unter welchen quälerischen Bedingungen das Tier getötet und seine Haut zu Leder verarbeitet wurde.

Ein Privileg der Presse ist es, bei solchen Vorab-Führungen auch die Geschichte hinter den absonderlichen Gerätschaften, Bildern und Plastiken erklärt zu bekommen. Bei dem Raum, in dem McCarthy ihre "People Killing Pizza Machine" präsentiert, ist das besonders hilfreich. Auch mit viel Phantasie ist nämlich nicht erkennbar, dass die Künstlerin hier eine schräge Kindheitserinnerung verarbeitet hat: In der Grundschule sollten die Kinder eine "Pizza-Maschine" zeichnen. Weil sie als Achtjährige aber gerade Jungs total doof fand, zeichnete sie lieber eine "Boy killing machine", also eine Jungs-Tötungs-Maschine. "Daraufhin wurden meine Eltern zum Rektor einbestellt", erzählt sie - wieder ohne auch nur den Anflug eines Lächelns.

Ihr Humor spiegelt sich dann aber in der Erklärung ihres Kunstwerks wider: Zu der völlig nutzlosen Maschine läuft über Lautsprecher die Aufzeichnung einer Unterhaltung zwischen Anna McCarthy und ihrem Vater. Die beiden sprechen darüber, wie man so eine Maschine wohl bauen würde.

Wie eingangs schon gesagt: Als Kulturredakteur erlebt man so manche Merkwürdigkeit. Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dazu jeweils mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags von 13 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr die Gelegenheit. Im Rahmen der Langen Nacht der Museen am kommenden Samstag, 16. November, ist das Fleischermuseum von 18 bis 24 Uhr geöffnet.

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