Sindelfinger Stadtführung mit Gruselfaktor

Bei der Gruseltour durch die Altstadt werden Hexen und Gespenster wieder lebendig

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    Vor dem Kirchturm beginnt die einstündige Gruseltour Foto: Gaetano Di Rosa

Artikel vom 23. Oktober 2019

SINDELFINGEN. Ein kräftiger Wind weht durch die leeren Straßen Sindelfingens und lässt die herbstlichen Baumkronen erzittern. Das einsame Lichtlein einer Laterne zieht durch die schmalen Gassen der Altstadt. Ihrem Licht folgt ein Mann in roter Mönchskutte. In der einen Hand hält er einen mannshohen Stock, an dem die Laterne bei jedem Schritt mitschwingt. In der anderen Hand hält er ein goldverziertes Buch. Es ist ein Buch voller Gruselgeschichten von Mördern, Hexen, Gespenstern und magischen Wesen, die in der Heimat einst ihr Unwesen trieben. Der Glockenturm der Martinskirche ragt wie ein leuchtender Schutzturm gen Himmel. Vor ihm steht voller Erwartung eine Gruppe von rund 50 Menschen, die sich unterhalten. Dann schlägt die Turmuhr acht und die Gespräche verstummen. Der Mann in Rot stellt sich vor die Gruppe. Er schlägt sein Buch auf und beginnt zu erzählen.

Verkleidet als Mönch erzählt Michael Weber gruselige Geschichten

Bei der "Ghost Stories Sindelfingen"-Tour am Sonntagabend werden alten Stadtgeschichten neues Leben eingehaucht. Michael Weber ist kein Mönch aus dem Mittelalter. Die moderne Brille verrät es. Der Historiker nimmt die Interessierten in dieser Nacht auf eine ganz besondere Führung durch die Stadt mit. Für die Gruselführung hat Weber allerlei Archivmaterial, Bücher und Zeitungen durchforstet, um die schaurigsten und gruseligsten Geschichten in und um Sindelfingen zusammenzutragen. Seit sechs Jahren führt er durch die Stadt und organisiert jetzt auch Gruselführungen. Einige der Erzählungen trägt er in mittelhochdeutscher Sprache vor. Mit den Worten "Lassen Sie sich einfach berieseln", beginnt dann die Tour vor der Kulisse der Martinskirche.

Mit dem Blick auf den angeleuchteten Kirchturm lauschen die Zuhörer der Sage über die Entstehung der Kirche. Die Martinskirche wurde auf ehemaligem Burggrund errichtet und Steine der Burgmauer für den Bau der Kirche wiederbenutzt. Sagenumwobenes Recycling, schon damals im 11. Jahrhundert.

Mit dem verkleideten Historiker voraus, bewegt sich die Gruppe zur nächsten Station der Tour: dem Armesünderfriedhof. Wer den nicht kennt - kein Wunder. Heute erinnert nur noch eine leuchtende Stele an den einstigen Friedhof, nicht weit vom Klostersee entfernt. Hier wurden Mörder und Selbstmörder ohne Grabstein beerdigt. Die Geschichte Sindelfingens hat einiges an Mordfällen aufzuweisen und Michael Weber hat sich gut daran gemacht, die schaurigsten Fälle herauszusuchen. In einer der Geschichten kommt auch der Klostersee vor. Damals hatte der See noch juristische Funktion. Kindsmörder wurden zur Strafe dort ertränkt und anschließend auf dem Armesünderfriedhof begraben.

Auch die Pest wütet in Sindelfingen

Auch die Pest war eine alte Bekannte in Sindelfingen und hatte während der Zeit des 30-jährigen Krieges mehrere hundert Tote zur Folge. Durch die fleißige Schreibarbeit der Pfarrer konnte dieses Wissen überliefert werden.

Auf dem Weg zur nächsten Station der Tour, stößt eine Gruppe aus drei Leuten zur Gruselführung hinzu. Das Trio bahnt sich einen Weg durch die Menge und eine Frau kommentiert die nächtliche Szene: "Das wirklich Gruselige sind eigentlich die Lebenden, nicht die Toten." Wie recht die Frau behält, wusste zu dem Zeitpunkt noch niemand. Nicht wenig später steht die Gruppe in einem kleinen Hinterhof, alle um den Mann in der roten Kutte versammelt, der mit Handbewegungen ein Licht über sich zu beschwören versucht. Irgendwann geht dann doch das widerspenstige Bewegungslicht über dem Haus an und der verkleidete Historiker nimmt sein Buch erneut zur Hand. Es folgt eine kleine Einführungsstunde in schwarze Magie und Flüche: wie man den Ruf eines Konkurrenten vernichtet, ihm Tod und Verderben wünscht oder so manche Dämonen heraufbeschwört.

Für Naturkatastrophen müssen Frauen büßen

Unter einer weitaus belichtungsfreundlicheren Laterne an der Turmgasse öffnet der Gruseltourführer erneut das allwissende Büchlein. Erzählungen über die berüchtigten Sindelfinger Hexen finden an diesem Ort Gehör. Zu einer Zeit, als sich die Menschen Naturkatastrophen, starke Niederschläge und Krankheiten einfach nicht anders erklären konnten, schoben sie das Chaos Frauen mit besonderen Fähigkeiten, wie Lesen und Schreiben, unter.

Weitere Stationen der Führung sind das alte Rathaus und der Marktplatz, alle wichtigen Orte des bürgerlichen Lebens im Mittelalter. Die Führung endet vor dem alten Friedhof. Während im Nacken der Zuhörer die Dunkelheit des Friedhofs sitzt und der Wind die Äste der Tannen über ihnen zum Knacken bringt, werden Geschichten von Untoten, Geistern, und Irrlichtern ausgepackt. Die Gruppe bedankt sich mit Applaus bei Weber für die Führung, dann verschwinden die Zuhörer in die Dunkelheit.

Ob einige nach dieser Führung schnell nach Hause in die sicheren vier Wände eilen? Denn nach Michael Webers Tour ist Sindelfingen bei Nacht nicht einfach nur ein schlafendes Städtlein. Wer neugierig und mutig ist, der folgt dem Licht der Laterne, das bei Nacht durch die Altstadt zieht. Denn dann ist wieder Gruselstunde mit dem Mönch in roter Kutte angesagt.

Info:

Die nächsten Führungen findet am 31. Oktober um 20 und 21.30 Uhr statt. Die Führungen beginnen jeweils an der Martinskirche, Stiftstraße in Sindelfingen und dauern zirka eine Stunde. Der Eintritt kostet 5 Euro pro Person. Für alle ab 12 Jahren, die wagemutig genug sind, sich auf diese Reise einzulassen. Die Bezahlung erfolgt vor Ort. Es gibt ein Halloween-Special: Für jeden, der in Verkleidung kommt, gibt es ein kleines Trick & Treat Präsent zur Karte dazu.

► Hier geht's zum Kommentar von Simone Mücke

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