Literaturtage: Kai Wieland stellt Debütroman in Böblingen vor

Der junge Autor Kai Wieland präsentiert seinen Debütroman im Rahmen der Literaturtage in der Böblinger Buchhandlung Vogel

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    Spannende Einblicke in die Autorenwerkstatt: Kai Wieland in der Buchhandlung Vogel Foto: sim

Diese Woche schauen viele Literaturfans nach Frankfurt, wo derzeit die Buchmesse stattfindet. Im Rahmen der Literaturtage Böblingen/Sindelfingen war Kai Wieland am Donnerstag zu Gast in der Buchhandlung Vogel. Dort las er aus seinem Debütroman "Amerika" vor und nahm sich viel Zeit für Zuschauerfragen.

Artikel vom 19. Oktober 2019

Von Simone Mücke

BÖBLINGEN. Ganz unprätentiös, in Jeans und T-Shirt, sitzt Wieland vor der kleinen Zuhörerrunde, hinter ihm die Regale der Spannung- und Belletristikabteilung. "Es ist nach wie vor ein etwas nervöser Moment vor so einem Termin", sagt der Autor lächelnd. Er wird aber schnell warm mit dem Publikum, als er von seinem Buch zu erzählen beginnt.

Sein Debütroman "Amerika" erschien im August 2018 bei Klett-Cotta. Es ist ein schwäbischer Heimatroman, wie man ihn bislang nicht kannte. Die Grundthematik des Buches beschreibt die Kluft zwischen persönlicher Erinnerung und der faktischen Geschichtsschreibung. Die Bilder, die man von Filmen, Büchern oder aus dem Geschichtsunterricht kennt, decken sich nämlich nicht immer mit den Erinnerungen der Zeitzeugen.

Hauptberuflich arbeitet Wieland in einem Literaturbüro in Stuttgart. Der gebürtige Backnanger hat in Heilbronn seinen Abschluss als Medienkaufmann gemacht und dann Buchwissenschaft in München studiert. "Die Literatur hat immer an mir gezerrt", so der Autor. Sein Interesse an Büchern fand er in der Oberstufe wieder und las viele amerikanische Autoren des frühen 20. Jahrhunderts wie Fitzgerald, Greene oder Hemingway. Sein Erfolg als Autor ist aber noch ein eher seltsames Gefühl für ihn: "Ich lektoriere Texte, während meine Texte lektoriert werden", sagt er lachend. Für "Amerika" erhielt Wieland den Thaddäus-Troll-Preis 2018.

Sein Erfolg als Autor kommt ihm noch immer seltsam vor

Angefangen hat alles mit dem ersten Kapitel seines Buches: Mit dem hat er sich - nachdem ihn einige Verlage abgelehnt hatten - vor zwei Jahren beim Literaturwettbewerb "Blockbuster" angemeldet. Dieser Wettbewerb wird von Literatur-Bloggern organisiert. Die Verlage gehen so über Wettbewerbe oder Agenturen auf die Autoren zu, nicht andersherum. Die Idee des "Blockbuster"-Wettbewerbs ist es, neue Talente der Gegenwartsliteratur zu finden - einer davon war Wieland, der es bis ins Finale schaffte. Der erste Preis versprach eine Veröffentlichung unter Klett-Cotta. Thorsten Seifert gewann den Preis, aber rückblickend sagt Wieland: "Ich war eigentlich sogar glücklich, nicht gewonnen zu haben. Dadurch hatte ich mehr Zeit, mein Buch fertig zu schreiben."

Aus dem schicksalhaften ersten Kapitel des Buchs liest Wieland an diesem Abend vor. "Der Anfang ist quasi der einzige Punkt mit rotem Faden, weil der Rest sehr anekdotisch gehalten ist", erklärt er, weswegen sich das Einstiegskapitel gut für eine Lesung eigne. "Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt." So fängt das Buch an und entführt in das kleine fiktive Dorf "Rillingsbach". Der Ort ist so klein, dass er nur zwei Straßen hat, eine davon eine Sackgasse. Nur in dem einzigen Wirtshaus namens "Schippen" kommen die wenigen verbliebenen Bewohner zusammen. Dorthin zieht es einen Chronisten, einen Stadtfremden, der etwas über die Geschichten und Geheimnisse des verlassenen Dorfes erfahren will.

Im ersten Kapitel begegnet der Chronist den Charakteren, die ihm im weiteren Verlauf des Buches ihre Geschichten erzählen. Da gibt es Martha, die alte Boizerin. Sie lebt und arbeitet im "Schippen" und hält das Dorf zusammen. Dann gibt es noch Hilde "die Wilde", den streitfreudigen Frieder und Alfred, der eine seltsame Leidenschaft für tote amerikanische Persönlichkeiten hat. "Jeder könnte hier etwas über den anderen sagen und tut es auch, an diesem Ort, an dem jeder jeden kennt, niemand kommt und keiner jemals geht", heißt es im Buch.

Der Chronist mischt sich unter die Stammgäste. Nach anfänglichem Misstrauen erzählen diese ihm dann längst vergrabene Geschichten. Erinnerungen an alte Zeiten werden lebendig. "Amerika" ist eine Reise in die Vergangenheit der alten Dorfbewohner Das Buch ist sehr anekdotisch ausgelegt. Jeder Protagonist hat einen Auftritt als Erzähler und der Rest der Tischrunde ergänzt die Geschichte oder stellt falsche Erinnerung richtig. Und der Chronist? Der sitzt mit am Tisch und notiert, was notiert werden muss.

Der Chronist war am Anfang noch ein Ich-Erzähler, aber das war dem Autor nach eigenen Angaben "zu nah". Also kam er auf die Idee mit dem namenlosen Chronisten. Wieland verrät, dass der Chronist an einigen Stellen selbst Teil der Geschichte wird und dadurch nicht immer frei von Wertung ist.

Die Frage nach dem Buchtitel interessiert die Zuhörer brennend

Eine Frage brennt den Zuhörern nach der ersten Leseprobe auf der Zunge: "Wieso Amerika?" Oder schwäbisch: "Ameehrikah, wie der Titel am Anfang noch hieß, aber für alle Nicht-Schwaben abgeändert wurde. "In jedem Kapitel gibt es einen Moment, in dem Amerika ins Dorf kommt", erzählt Wieland. Dadurch ergibt sich ein Rahmen, in dem die Geschichte erzählt wird. "Es bildet den Kontrast zu dem kleinen Dorf und dem Einfluss der großen weiten Welt", erklärt der Autor weiter. Der Amerikabezug ist nicht so deutlich, wie man es angesichts des Titels erahnen könnte. Im vierten Kapitel, das der Autor zum Schluss vorliest, geht es allerdings um eine Amerikareise, die USA-Fan Alfred mit seiner Frau unternimmt. An verschiedenen Orten, an denen prominente Personen wie Kennedy oder Martin Luther King ermordet wurden, macht das Paar Rast und Alfred lässt sich mit einem Zeitungsartikel des historischen Ereignis fotografieren.

Wieland selbst war bislang nicht in Amerika, würde aber gerne an die Westküste reisen. Das Kapitel hat er stattdessen ganz einfach mit Hilfe von Google Maps geschrieben. Sich selbst sieht der Autor auch als Großstadtsucher. "Ich bin ein Mensch, der sehr gut in der Region, in der er wohnt, aufgehoben ist", sagt er. Vielleicht ist auch deswegen das kleine Dörflein "Rillingsbach" im Buch ein so überzeugend und charmant beschriebener Handlungsort geworden.

Zurzeit schreibt Kai Wieland schon an seinem nächsten Buch. Dieses löse sich "aus dem schwäbischen Setting" und soll in der ersten Jahreshälfte 2020 erscheinen, verrät Wieland dem Publikum. Mehr könne er hier aber noch nicht erzählen.

Mehr Infos zu den Literaturtagen Böblingen/Sindelfingen im Programmheft. Dieses liegt an vielen öffentlichen Stellen aus und kann unter http://www.boeblingen.de heruntergeladen werden.
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