"Essen ist auch Heimat"

Das Interview: Warum Wolfgang Herles über Kultur und Seele der deutschen Küche schreibt

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    Der Autor Wolfgang Herles Foto: H. Scherhaufer

Artikel vom 18. Oktober 2019

Von Florian Ladenburger

Sie waren jahrelang im Bereich der politischen Berichterstattung unterwegs. Warum schreiben Sie jetzt übers Essen?

Guter Witz. Es gibt derzeit kaum etwas Politischeres als das Essen. Wir retten nur mit der aktuellen Verzichtsdebatte leider nicht einmal das Klima. Dabei ließe sich Deutschland im Zuge der notwendigen Agrarwende auch kulinarisch aufhelfen.

Wie ist es denn um die deutsche Esskultur bestellt? Im Vergleich zu Frankreich hinken wir ja, was die Ausgaben in diesem Bereich angeht, ziemlich hinterher.

Der Franzose ist, was er isst. Der Deutsche ist, worauf er verzichtet. Der Deutsche spaltet den Menschen in ein niedriges, sich ernährendes Wesen, und ein höheres Wesen geistiger Vernunft. Für den Franzosen ist Genießen immer auch ein geistiger Gewinn. Deshalb plädiere ich für Essen als Kultur.

Im Vergleich zu anderen Ländern, ist Deutschland recht klein. Trotzdem ist die Vielfalt an Speisen überraschend groß. Woher kommt das?

Es kommt daher, dass es kulinarisch keine deutsche Küche gibt, sondern nur unterschiedliche Regionen und Traditionen. Die Kelten - zu denen ja die Gallier gehörten - aßen besser als die Germanen. Die römisch besiedelten Gegenden speisten anders als die barbarischen, die Katholiken anders als die Protestanten und so weiter.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsgericht und warum?

Ein Liebhaber kennt kein Ranking. Auch das Einfachste kann köstlich sein, wenn es mit Sorgfalt gemacht ist. Zu meinen Favoriten zählen badische Hechtklöße ebenso wie schwäbische "Herrgottsbscheißerle", es kommt nur stark darauf an, was drin ist. Essen ist auch Heimat. Ich wuchs am Bodensee auf.

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