Selbsttest: Zwei Wochen ohne Zusatzstoffe

Warum ich beinahe nichts essen konnte, mein Umfeld mitleiden musste und es trotzdem ein inspirierendes Experiment war

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    Den Überblick im Zusatzstoff-Dschungel zu behalten, ist schwerer, als man denkt: Der wöchentliche Einkauf wird zum Marathon. Montage: Zeiher

Artikel vom 16. Oktober 2019 - 17:12

BÖBLINGEN. Es war eine Schnapsidee. Ein spontaner Schnellschuss. Eine unüberlegte Entscheidung, als ich mir vorgenommen habe, für zwei Wochen auf alle Zusatzstoffe zu verzichten. Dieser "geniale" Einfall kam mir - Überraschung - beim Essen.

Gerade schob ich mir genüsslich meinen selbst belegten Salat-Tomaten-Schafskäse-Wrap in den Mund und dachte mir: "Isabelle, du ernährst dich heute richtig gesund!" Hätte ich einfach zu Ende gegessen, das Geschirr abgespült und mich gemütlich zu Bette gelegt, wäre diese Seite heute leer. Weil mein Unterbewusstsein wohl ahnte, dass leere Zeitungsseiten gar nicht gern gesehen werden, griff meine Hand stattdessen wie von selbst nach der leeren Wrap-Verpackung.

Mein Blick huschte zu den Zutaten: Weizenmehl, Wasser, Rapsöl. So weit, so gut. Dann aber fing es an, exotisch zu werden: Glycerin, Natriumcarbonate, Kaliumsorbat, Calciumpropionat und Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren. Was dem Ernährungsexperten locker über die Lippen geht, verursachte bei mir eher nervöses Stottern. Klar, dass sich Farbstoffe, Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker in meinem Essen tummeln, überraschte mich nicht. Unklar war mir jedoch, wie viel Chemie ich tagtäglich in mich hineinstopfe, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ab jetzt also ohne Zusatzstoffe . . .

Aussortieren: Bevor das Experiment losging, sortierte ich meine Lebensmittel. Schlechte Lebensmittel rechts, weiterhin essbare links und in der Mitte die Dinge, die ich nicht eindeutig zuordnen konnte. Was gilt als künstlicher und was als natürlicher Zusatzstoff? Auf was muss ich jetzt überhaupt verzichten? Und diese E-Ziffern bedeuten auch nichts Gutes, oder? Diese und andere Fragen huschten mir wild durch den Kopf. Eine App verschaffte etwas Klarheit im Zusatzstoff-Dschungel. Alle Stoffe oder E-Ziffern sind dort eingespeichert und gekennzeichnet: 1. Kannst du essen; 2. Nur in bestimmten Mengen genießen; 3. Finger weg davon. Erschreckend wie wenige Lebensmittel übrig blieben.

Einkaufen: Eher schockiert als glücklich sah mich mein Freund an, als ich ihm von meinem Plan erzählte. Der Gipfel seiner Entgeisterung war aber erreicht, als wir gemeinsam den wöchentlichen Einkaufsmarathon bestritten. Die sonst so routinierten Griffe liefen oftmals ins Leere, sobald die Zutatenliste im Blickfeld auftauchte. Beim konventionellen Essig: E150d (Ammonsulfit-Zuckerkulör), Kaliummetabisulfit. Beim köstlichen Frischkäse: Carrageen und Dextrose. Selbst die Landjäger an der Metzger-Theke im Supermarkt kommen nicht ohne Zusatzstoffe aus. Farbe, Form und Konsistenz müssen schließlich stimmen, sonst greift der Kunde gar nicht zu. Nicht nur mich überforderte die Frage nach den Zusatzstoffen, sondern auch die Fachkräfte hinter dem Tresen. "Sind in dem Hackfleisch irgendwelche Zusatzstoffe wie Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker oder Farbstoffe drin?" "Mh, es ist halt normales Hackfleisch." So oder so ähnlich liefen die Gespräche ab. Dabei merkte ich, wie unwohl ich mich fühlte, als ich nach den Stoffen fragte. Ich spürte, wie mir mein Gegenüber langsam und mit Druck den Stempel "Nervige Ökotante" in die Haut brannte. Am Ende des Einkaufstrips, rund 1,5 Stunden länger als sonst, hatte ich fast nur Bio-Produkte im Wagen liegen. In diesem Moment strömte der pure Stolz durch meinen Körper - ein gutes Gefühl, sich bewusst und gesund zu ernähren. Die Überraschung: Es blieb nur geringfügig mehr Geld als üblich an der Kasse liegen.

Essen bei der Arbeit: Die Mittagspause soll eigentlich der entspannende Teil des Arbeitstages sein. Ernährt man sich ohne Zusatzstoffe, ist es nicht ganz so leicht. Wer keine Kantine hat, muss außerhalb essen gehen oder sich etwas mitnehmen. Normalerweise pilgern meine Kollegen und ich zum Bäcker. Dort wurde ich nun allerdings an einen hundert Seiten dicken Ordner verwiesen, in dem alle Inhaltsstoffe minutiös aufgelistet sind. Bis ich die einzelnen Produkte und die zugehörigen Zusatzstoffe gefunden hatte, war die Mittagspause auch schon vorbei. Also habe ich abends nach der Arbeit Brot gebacken und mir meine eigene Butter geschlagen, die selbstgemacht übrigens am besten schmeckt. Während ich am nächsten Tag mein Butterbrot aß, schaute ich trotzdem verstohlen auf den dampfenden Leberkäswecken, den würzig riechenden Wrap oder auf die Salami-Pizza meiner Kollegen. Als ich abends mal keine Zeit zum Backen hatte, weil ich erst spät von der Arbeit kam, gab es am nächsten Tag rohes Obst und Gemüse - und erneut eifersüchtige Blicke in Richtung meiner Tischnachbarn.

Weggehen mit Freunden: Nicht nur ich hatte durch den Zusatzstoff-Verzicht ein komplizierteres Leben. Mein Umfeld musste zwangsläufig mitleiden. Einfach in irgendein Restaurant zum Essen gehen oder bei der Eisdiele am Wegesrand eine Abkühlung mitnehmen? Ist nicht! Die Spontaneität fällt weg. Ziele suchte ich ganz genau heraus. Mit einer Freundin ging ich beispielsweise in ein Bio-Restaurant in Stuttgart. Kleine Speisekarte, große Preise - dafür aber ohne Zusatzstoffe, mit hoher Qualität und leckeren Produkten aus der Region. Trotz des Mehraufwands ein kulinarisches Highlight in dieser Woche. In das Lokal werde ich jetzt öfter gehen.

Fazit: Es war nicht leicht. Für mich nicht und für mein Umfeld auch nicht. "Haute Cuisine" kochte ich nur selten. Um 12 Uhr nachts und in Hektik backt es sich nicht so gut. Trotzdem ein interessantes und inspirierendes Experiment. Obwohl ich nur zwei Wochen durchhielt, hat sich mein Hautbild verbessert. Außerdem fühlte ich mich gesund und ausgeglichen - und habe sogar etwas abgenommen. Ich denke, dass es mit der Zeit einfacher und routinierter geworden wäre. Leider ist es zu zeitaufwendig, diese Ernährungsweise konsequent im Alltag umzusetzen. In Zukunft möchte ich möglichst auf Zusatzstoffe verzichten - ohne mir dabei jede "ungesunde" Freude zu verbieten.