Der Pianist aus den Trümmern spielt in Sindelfingen

Der Syrer Aeham Ahmad ist im Rahmen der Literaturtage im Sindelfinger Pavillon zu Gast

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    Statt auf einer Bühne hat Aeham Ahmed über Jahre in den Trümmern seiner Heimatstadt, einem Vorort von Damaskus in Syrien gespielt Foto: Archiv

Der Pianist Aeham Ahmad spielte in den zerbombten Straßen eines Vorortes der syrischen Hauptstadt Damaskus, um den Bürgerkrieg auszuhalten und ein Zeichen des Friedens zu setzen. 2015 kam er nach Deutschland. Am Sonntag spielt er in Sindelfingen im Rahmen der Literaturtage.

Artikel vom 14. Oktober 2019 - 16:42

Von Mareike Andert

SINDELFINGEN. Keine Bühne, keine Scheinwerfer, keine Eintrittskarten. Stattdessen zerbombte Häuser, Staub und Schutt, fallende Bomben und Hunger. Dort wo Aeham Ahmad Klavier spielte, in Yarmouk einem Vorort von Damaskus, war Leid und Tod allgegenwärtig. 2012 fing er an, Akkordeon auf der Straße zu spielen. Ab 2013 bis 2015 dann Klavier. Jeden Tag stellte er sein Instrument auf die vom Krieg zerstörte Straße und musizierte. Stundenlang.

Zwischen Ruinen sang Ahmad von Hunger, Leid und Trauer. Auch Kinder- und Schlaflieder. Mozart oder Beethoven und orientalische Musik. "Die Menschen waren traurig, aber die Musik machte uns fröhlich. Die Musik half uns, Hunger, Durst und Bomben zu vergessen", erzählt der Musiker. Sie lebten und genossen den Moment.

Die Idee kam von seiner Frau, als sie gerade Plastikknöpfe verbrannten, weil kein Holz da war. "Stellen sie sich vor, wie das stinkt und qualmt", erinnert sich Ahmad. "Wir waren sehr niedergeschlagen." Seine Frau forderte ihn auf, Musik zu machen. Das brachte ihn dann dazu, auf der Straße Klavier zu spielen und zu singen. Durch die Konzerte scharte er junge Leute und Kinder um sich. "Ich versuchte, so etwas wie Frieden für uns zu schaffen, die Kinder mental zu unterstützen. Ich wollte eine Nachricht des Friedens und der Liebe von Yarmouk - von diesem zerstörten Ort - senden", erklärt der 31-Jährige. 2014 erfuhren europäische Medien vom "Pianist aus den Trümmern".

Angst hatte Ahmad dabei nicht, weil er nichts zu verlieren hatte. Eine Granate hatte zwei seiner Finger verletzt. Seit Jahren gab es keine Nachricht mehr von seinem Bruder. Er war verschwunden, verschleppt vom Geheimdienst, wie tausende andere. Ahmad wartete auf den Tod. Angst hatte er aber um die Kinder, die mit ihm sangen. Ein Mädchen wurde nicht weit vom Klavier erschossen. Von da an wollte er Yarmouk verlassen.

Der IS verbrannte sein Klavier, versuchte ihn zu töten

Ab dem Frühjahr 2015 kontrollierte der IS das Viertel. Die Terroristen verbrannten sein Klavier, versuchten ihn zu töten. Ahmad musste fliehen - wie so viele andere. Wäre er geblieben, hätte er wählen müssen, ob er für den IS oder die syrische Armee kämpft. Oder er wäre umgebracht worden.

Die Musik half Ahmad und vielen anderen, nicht nur den Krieg in Syrien durchzustehen, sondern auch, sich mit anderen Leuten zu verbinden. Diese halfen ihm, nach Deutschland zu kommen. 2015 floh er. Er lief 2500 Kilometer, setzte sich in ein Boot, um über das Wasser zu kommen. In Deutschland wurde er freundlich aufgenommen. Lange wohnte er in Wiesbaden, seit ein paar Monaten nun bei Kassel. Viel zuhause ist er nicht: London, Amsterdam, Berlin. Überall in Europa gibt er Konzerte, um "die Menschen aufzuwecken, sie aufmerksam zu machen". Schließlich ist es nicht nur "meine Geschichte, die ich erzähle und es ist keine Geschichte, sondern das Leben einer Person", macht Ahmad im Gespräch mit der Kreiszeitung klar.

Von diesem Leben erzählt er auf 350 Seiten in seiner Autobiografie "Und die Vögel werden singen": Ein kleiner Junge, geboren in einer palästinensischen Familie. Geboren als Flüchtling, wie viele im syrischen Viertel Yarmouk. Sein Vater ist blind. Er schreibt darüber, wie sein Vater ihm Musik und die Liebe zu ihr beibrachte. "Zuerst war ich nicht an Musik interessiert. Ich wollte Fußball spielen, statt Mozart und Tschaikowski." Letztlich konnte er ihn vom Klavier überzeugen. Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Klavier, bekam Unterricht in Damaskus, studierte Musikpädagogik.

Jetzt lebe er immer noch zwischen zwei Ländern, sagt er, und er leide immer noch. "In meinem Kopf bin ich manchmal noch in Syrien. Ich denke an meine Leute dort, meinen Vater, meine Mutter. Wie es wäre, zusammen zu leben in Deutschland." Seine Frau und seine Kinder leben mittlerweile in Deutschland. Seine Eltern wollen noch nachkommen. Darüber ist er unendlich dankbar. In Yarmouk lebt heute niemand mehr. "Die Stadt ist zu 100 Prozent zerstört. Nur Ruinen", beschreibt er die Lage dort.

In seiner neuen Heimat beobachtet er mit großer Sorge den Aufschwung rechter Stimmen und Parteien. "Das verletzt nicht nur Flüchtlinge, sondern die Demokratie." Er erinnert an die Nazizeit. "Das ist sehr gefährlich" und findet: "Deutschland profitiert auch von den Flüchtlingen, die hier zu arbeiten anfangen."

Hoffnungen legt er in seine Konzertauftritte: "Ich weiß, ich werde nicht die Welt verändern, aber zwei Leute im Konzert - das ist das, was ich versuche." Die Lösung sei: miteinander reden. Deutsche mit Deutschen. Deutsche mit Ausländern und Flüchtlingen. Am Sonntag tritt er dafür in Sindelfingen auf. Ohne Hunger und Durst. Ohne Schutt und Staub. Ohne Ruinen und Bomben im Hintergrund.

Aeham Ahmad spielt am Sonntag, 20. Oktober, um 19 Uhr im Pavillon in der Calwer Straße 36 in Sindelfingen. Reiner Weigand liest Auszüge aus Ahmads Autobiografie. Der kurdische Sänger und Gitarrist Alaa aus Aleppo, Syrien, musiziert zu Beginn. Die Lesung findet in Kooperation mit dem AK Asyl Sindelfingen und der GEW Kreis Böblingen statt. Der Eintritt kostet an der Abendkasse 14, ermäßigt zwölf Euro. Im Vorverkauf gibt es Karten für zwölf, ermäßigt zehn Euro beim i-Punkt Sindelfingen, Telefon (0 70 31) 94 325 und bei der Kreiszeitung in Böblingen, Telefon (0 70 31) 62 00 29.
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