Das schwarzhumorige Kabarett-Duo "Schwarze Grütze" kommt in den Kreis

Stefan Klucke und Dirk Pursche aus Potsdam spielen nächste Woche in Böblingen und Herrenberg

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    Stefan Klucke (links) und Dirk Pursche treten seit 25 Jahren als Kabarett-Duo "Schwarze Grütze" auf Foto: red

Artikel vom 19. September 2019 - 18:00

Von Tim Hanischdörfer

BÖBLINGEN/HERRENBERG. Rote Grütze kennt jeder als leckere Nachspeise. Schwarze Grütze hingegen findet sich auf Speisekarten eher selten. Kein Wunder, handelt es sich hierbei doch gar nicht um ein Gericht, sondern um ein Kabarett-Duo bestehend aus Dirk Pursche (50) und Stefan Klucke (48). Die beiden kommen aus Potsdam und so erklärt sich auch ihr Name, denn im brandenburgischen Dialekt steht Grütze für Scharfsinn. Und die Farbe leitet sich von ihrem tiefschwarzen Humor ab.

Diesen nutzen die beiden Künstler unter anderem, um gesellschaftskritische und politische Spitzen gegen rechte Lager zu setzen. Dass es beim Äußern von solchen politischen Meinungen zu extremen Reaktionen kommen kann, beweist der rechtsextreme Mord an Walter Lübcke im Juni. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erklärt Stefan Klucke jedoch, dass er deshalb keine Angst hat: "Ich glaube, wenn gelacht wird, dann ist der erste Punkt der Eskalation schon überwunden."

Auf der Bühne geäußerte Kritik sei immer auch durch die Brille des Kabaretts verändert. Deshalb geht er nicht davon aus, dass sich Menschen durch sein Programm privat angegriffen fühlen könnten. Aber er verkennt auch die Gefahr nicht: "Wir sagen unsere Meinung und nehmen an der öffentlichen Meinung teil. Das schmeckt Extremisten selbstverständlich nicht."

Den Diskurs mit Menschen anderer Meinung scheut das Kabarett-Duo keineswegs. Die beiden Potsdamer nahmen Anfang des Monats kurz vor den Landtagswahlen in ihrer Heimat an der Aktion "Blau machen ist keine Alternative" teil. Dabei handelte es sich nicht um eine Anti-AfD-Veranstaltung, sondern "wir Kabarettisten aus ganz Deutschland haben uns hingestellt und für Meinungsfreiheit und Demokratie plädiert", erklärt er. Ziel war auch, Unentschlossen zu erreichen und zum Nachdenken anzuregen.

Letztlich belegte die AfD in Brandenburg hinter der CDU Platz zwei. "Dass sie nicht stärkste Kraft geworden sind, liegt maßgeblich an unseren Abenden in Chemnitz und Dresden", scherzt Klucke. Wie viele der Unentschlossenen sich tatsächlich gegen die AfD entschieden haben, ist nicht bekannt. Klucke glaubt dennoch, dass auch Kleinkünstler und Kabarettisten die Chance haben Politik zu beeinflussen.

Trotzdem sind die Wahlergebnisse Brandenburgs eine "unangenehme und schlimme Entwicklung". Die Politik ist zwar mit einem im wahrsten Sinne des Wortes blauen Auge davongekommen, deshalb aber Entwarnung zu geben, hält der Kabarettist für falsch. "Man muss eben sehen, dass man jetzt die kommenden Jahre nutzt, um gute Gegenentwürfe zur AfD zu finden."

Politiker-Bashing ist bei Schwarze Grütze tabu

Allen bedenklichen Entwicklungen in der Politik zum Trotz will das Kabarett-Duo auch weiterhin ihrer eigenen Philosophie treu bleiben: Keine Beleidigung oder Herabwürdigung von Einzelnen, seien es Politiker oder andere Personen des öffentlichen Lebens. "Mir persönlich ist eine Grenze ganz wichtig und zwar, wenn es ins Persönliche geht. Es ist doch viel besser zu sagen: Schaut mal, das gesellschaftliche Problem ist da, als das auf einen Menschen zu projizieren und zu sagen: Der ist das Problem. Das hieße ja, wenn der weg ist, ist das Problem auch weg. Das ist einfach nicht so."

Der künstlerische Reiz beim Kabarett bestehe viel mehr daraus, gesellschaftliche, politische und zwischenmenschliche Probleme in Form von Metaphern und witzigen Geschichten zu umschreiben und unter die Lupe zu nehmen. "Ich kann eine Geschichte über ein Gänseblümchen erzählen und die ganze Welt darin spiegeln. Das sind für uns künstlerisch wertvollere Ansätze."

Beispiel aus dem aktuellen Programm gefällig? Darin verlangt beispielsweise ein Operierter in der Notaufnahme - so lautet auch der Name des Programms - eine "deutsche Niere". Und das, obwohl auch eine andere Niere funktioniert und der Operierte problemlos mit so einer leben könnte. "Um Einwanderungspolitik zu beschreiben, ist das ein treffendes Bild."

Beide Künstler wuchsen in der DDR auf und insbesondere Dirk Pursche wurde in jungen Jahren immer wieder überprüft und sein Programm von der Freien Deutschen Jugend angepasst. Logisch, wenn man mit einer Band namens "Fluchtversuch" auftritt. Die Wende kam aber für beide Künstler früh genug, sodass sie keine drastischen Einschränkungen erleiden mussten.

Klucke hat ein liberales Verständnis von Meinungs- und Kunstfreiheit und ist dementsprechend froh, die DDR hinter sich gelassen zu haben: "Meinungsfreiheit ist für uns überhaupt das Allergroßartigste was passieren konnte." Wichtig ist für den Kabarettisten auch deren freier Austausch: "Dass man eine Meinung äußert und Gegenwind bekommt, das ist doch das, was Demokratie ausmacht."

Gegründet 1994 genießt das Potsdamer Duo in seiner Heimat mittlerweile große Popularität und hat sich hauptsächlich auf Nord- und Ostdeutschland spezialisiert. Der Grund, wieso es sie jetzt nach Böblingen und Herrenberg verschlagen hat, heißt Gerhard Gamp, Vorstand der "Kultourmacher vom Alten Amtsgericht". Er hatte die beiden auf der Freiburger Kulturbörse kennengelernt und sie für zwei Auftritte in den Kreis Böblingen geholt.

Familiensituation macht lange Tour-Reisen heute schwieriger

Lange Tourneen sind für die beiden Kabarettisten heute nicht mehr so einfach. "Ich habe drei Kinder und lebe mit meiner Familie am Potsdamer Stadtrand. Da ist es dann immer ein bisschen schade, wenn man so lange auf Tournee ist. Wenn wir in den ehemaligen Ostregionen spielen, dann schaffe ich es manchmal nachts noch nach Hause zu fahren, kann am Morgen noch ein Frühstück miterleben", erzählt Stefan Klucke. Und die Auftritte dort bieten auch noch einen anderen, natürlichen Vorteil: "Wir leben sehr vom "Rumsprech-Effekt" Der ist in den Ostregionen größer, weil wir dort einer von ihnen sind."

Trotzdem sind Auftritte in Süddeutschland noch immer ein großer Anreiz für die beiden Künstler. "Weltanschauung kommt von Welt anschauen. Deswegen haben wir oft einen besseren Blick auf die Dinge und vor allem eine viel höhere Meinung von den ehemaligen westdeutschen Regionen, weil wir eben überall waren. Und es sind überall tolle Menschen."

Das Duo predigt und lebt diese Offenheit, es wirkt so, als wollten sie zwischen Ost- und Westdeutschland neue Brücken bauen und die Menschen mit ihrer Kunst verbinden. "Das ist das, was ich den Leuten hier so ein bisschen vorwerfe. Wenn im Osten jemand rum meckert, sage ich: Mensch, du bist doch gar nicht raus gekommen. Fahr doch mal hin, guck dir die Westregionen an, die sind alle nett", sagt Stefan Klucke.

Auch in Böblingen und Herrenberg erwartet die Zuschauer wieder eine "halbwegs ausgewogene Melange aus Kabarett, gesellschaftskritischen Themen, teilweise schwarz humorig aufbereitet, aber immer auch die Liebe am Sprachspiel. Wir haben Texte auf der Bühne, die die Leute überraschen, weil man mit Worten oft verrückte Sachen machen kann", gibt der Kabarettist schon einmal einen Ausblick. Aber auch die Musik kommt nicht zu kurz. "Im Grunde ist es ein Konzert, bei dem immer viel gelacht wird. Es wird ein lustiger Abend, der aber auch gewisse Hirnregionen stimulieren könnte", verspricht er.

Klucke und Pursche konnten über die Jahre als Schwarze Grütze einige Kleinkunstpreise gewinnen. Solche Preise gebe es aber einfach zu inflationär, relativiert Klucke. Am wichtigsten ist und bleibt die direkte Interaktion mit dem Publikum. "Denn das ist der Partner, der am Ende unsere Miete bezahlt. Die Zuschauer haben eine gute Zeit, wir auch, das ist eigentlich das Schönste, was man machen kann." Vielleicht findet man Schwarze Grütze in Zukunft ja öfter auf Speisekarten im Süden.

  Die "Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" und das Herrenberger Mauerwerk setzen auf Zusammenarbeit. Schwarze Grütze treten auf am Mittwoch, 25. September, in Böblingen und am Donnerstag, 26. September, in Herrenberg, jeweils um 20 Uhr. Kartenreservierung ist über altesamtsgericht-ev.de beziehungsweise mauerwerk.de möglich.
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