Brasilianische Farbenpracht als Augenöffner

Hoher Besuch in der Villa Steisslinger: Generalkonsul von Brasilien beeindruckt von der Kunst des Böblinger Malers

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    Brasilianischer Botschafter zu Besuch auf dem Anwesen des Malers Firtz Steisslinger Fotos: Eibner/Sascha Walther
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Die Flagge Brasiliens hängt am gußeisernen Gartentor der Villa Steisslinger auf dem Tannenberg. Die gelbgrünen Landesfarben sollen einen hohen Gast willkommen heißen: den Generalkonsul von Braslilien. Der Diplomat will sich einen Eindruck von den Brasilienbildern des Böblinger Malers Fritz Steisslinger machen.

Artikel vom 20. September 2019 - 08:44

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. „Ich bin blind gekommen und sehend wieder gegangen“ – so hat es ein Besucher sehr treffend ins Gästebuch des Künstlerhauses geschrieben. Die malerischen Schätze, die in diesem Bauwerk praktisch allgegenwärtig sind, lassen den Betrachter mit Staunen zurück: Unzählige Porträts, Landschaftsbilder, Aktmalereien und Skizze decken nahezu jeden Zentimeter Wand in dem 1922 erbauten Haus ab.
Mehr als 1000 Menschen hat Frederica Steisslinger bereits durch das bald 100 Jahre alte Künstlerhaus geführt. Die Schwiegertochter des verstorbenen Malers hat vor 16 Jahren die Nachlassverwaltung übernommen – eine Herkulesaufgabe, die die gebürtige Österreicherin trotz ihrer 86 Jahre mit bewundernswerter Energie und ansteckender Begeisterung ausfüllt.
Jetzt wird das Gästebuch der Villa um einen prominenten Eintrag reicher: José Mauro da Fosenca Costa Couto, Generalkonsul von Brasilien mit Amtssitz in München, hat sein Kommen angekündigt. Der Diplomat soll sich die Bilder anschauen, die Fritz Steisslinger im Zusammenhang mit seinen Braslienreisen in den 30er- und 50er-Jahren gemalt hat. „Vielleicht ergibt sich daraus ja eine Ausstellung in München“, hofft Frederica Steisslinger, die sich mit großer Leidenschaft dafür einsetzt, der Arbeit ihres Schwiegervaters zur verdienten Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu verhelfen. Für dieses Engagement hat sie der SPD-Ortsverband im Frühjahr zur „Böblingerin des Jahres“ ernannt.
Frederica Steisslinger hat selbst viele Jahre ihres Lebens in Brasilien verbracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie mit ihrer Familie aus Österreich vor der russischen Armee geflohen und schließlich im Jahr 1947 in Rio de Janeiro angekommen. Sie wurde eine „Carioca“ – so nennen sich die Einwohner der Stadt und des brasilianischen Bundesstaats.
Im Jahr 1953 lernte sie dort Fritz Steisslingers Sohn Eberhard kennen, zwei Jahre später heirateten die beiden. 1957 verstarb der Maler im Alter von 65 Jahren. Wenig später zog das junge Paar von Brasilien nach Böblingen. Sie sollten das Haus samt künstlerischem Nachlass übernehmen. Als ihr Mann im Jahr 2003 schwer erkrankte (er starb 2006), ging die Nachlassverwaltung an Frederica Steisslinger.
Ihr „Jeito Brasileiro“ – die brasilianische Lebensart – ist ihr auch im Ländle nie abhanden gekommen. Mit entwaffnendem und geradezu jugendlichem Charme gibt sie ihren Besuchern das Gefühl, ganz willkommen zu sein. So soll es auch dem „Senhor Embaixador“ gehen, wie sie den Diplomaten respektvoll nennt. Zur Unterstützung hat sie ihre Schwester Christine sowie ihren Neffen Heraclio und seine Frau Rita zur Seite. Der Verwandtschaftsbesuch aus Brasilien fällt zufälliger- und zugleich praktischerweise mit dem gewichtigen Termin an diesem Dienstagmittag zusammen.
„Agora!“ – jetzt ist es so weit, sagt Frederica Steisslinger auf Portugiesisch, als ihr Telefon klingelt. Der Anruf kündigt die bevorstehende Ankunft des Herrn Generalkonsuls an. Wenige Minuten später kommt José Mauro Couto durch das Gartentor. „Der sieht ja aus wie mein Neffe“, muss Frederika Steisslinger schmunzeln, als sie den schlanken Anzugträger mit dem grauen Bart erblickt. Dann geht sie dem Besuch auf dem langen Schotterweg durch den prachtvollen Garten entgegen.
Begleitet wird der Diplomat von zwei Damen: der promovierten Kunsthistorikerin Martina Merklinger und der Künstlerin Cristina Barroso. Mit Merklinger verbindet Steisslinger bereits eine langjährige Zusammenarbeit: Als Mitglied der Deutsch-Brasilianischen hat sie unter anderem an dem Bildband „Saudade do Brasil“ über Steisslingers erste Brasilienreise im Jahr 1934 mitgewirkt. Merklinger war es auch, die dabei geholfen hat, den Besuch des Generalkonsuls in Böblingen zu vermitteln.
Die Gästegruppe kommt schnell ins Gespräch. Nach ein bisschen Smalltalk (unter anderem über brasilianisches Bier) beginnt die Hausführung. Frederica Steisslinger hat unzählige Anekdoten rund um das Anwesen und den Maler zu erzählen. Ganz oben im einstigen Atelier zeigt sie ihrem Besuch Steisslingers Brasilienbilder. In großer Farbenpracht hat der expressive Realist Landschaftsansichten gemalt oder einfache Bauern mit ihren Eselkarren vor dem Zuckerhut abgebildet. Bemerkenswert findet die Schwiegertochter des Malers, mit welcher Würde und Wertschätzung Fritz Steisslinger seine Porträts der einfachen, oft dunkelhäutigen Landbevölkerung gemalt hat – in den 1930er-Jahren war das nicht unbedingt selbstverständlich.
„Vamos almoçar, gente – auf geht?s, Mittagessen, Leute“ – drängt Steisslinger schließlich. Statt einer Feijoada, des traditionellen brasilianischen Bohneneintopfs, hat sie selbstgemachte Maultaschen in der Brühe und Kartoffelsalat vorbereitet. Schließlich soll der Herr Generalkonsul einmal die regionale Spezialität probieren dürfen – zum ersten Mal in seinem Leben, wie er erklärt.

Beim Tischgespräch wird es politisch

Beim Tischgespräch werden die Gesprächsthemen politisch. Steisslinger berichtet von der Arbeit ihres Sohnes, der in Brasilien Firmen dabei unterstütze, nachhaltig und umweltschonend zu wirtschaften. Auf Nachfrage der Kreiszeitung, was er denn von seinem Besuch in der Villa Steisslinger mitnehmen werde, holt der Generalkonsul zu einer langen Antwort aus. Obwohl er auch Deutsch spricht, antwortet Couto, der als junger Mann in New York und Boston studiert hat, auf Englisch.
Er redet von der komplizierten, aber auch „brüderlichen“ Beziehung, die Deutschland und Brasilien verbinde, seit vor 200 Jahren die bayrischen Forscher Carl Friedrich Philipp von Martius und Johann Baptist von Spix zu ihrer Brasilienexpedition aufgebrochen sind. Er kommt auf die Amazonas-Brände zu sprechen, bei denen man auf die Hilfe des „deutschen Bruders“ angewiesen sei, sich dabei aber nicht bevormunden lassen wolle. Ungefragt kommt er auch auf Staatspräsident Jair Bolsonaro zu sprechen. „Ich weiß, dass man den man in Deutschland nicht mag, weil er mit Trump befreundet ist“, lächelt er.

Mögliche Ausstellung in München

Auf Steisslingers Kunst angesprochen, stellt der Generalkonsul fest, „dass mir besonders auffällt, wie viel farbiger seine Bilder wurden, nachdem er zum ersten Mal nach Brasilien gereist ist“. Da kann ihm Frederica Steisslinger nur zustimmen. Der Farbenreichtum in Brasilien habe die Weltsicht des Künstlers verändert.
Ob als Ergebnis des Besuchs – wie von der Nachlassverwalterin erhofft – in absehbarer Zeit eine Steisslinger-Ausstellung in München initiieren kann, konnte der Generalkonsul noch nicht sagen. Er stellte aber in Aussicht, sich im Zusammenhang mit einer Messe-Veranstaltung im kommenden Jahr dafür einsetzen zu wollen.
Nach dem traditionellen „Cafezinho“ wird es für José Mauro Couto und seine Begleiterinnen Zeit zu gehen. Zuvor trägt auch er sich ins Gästebuch ein und bedankt sich bei seiner lieben Gastgeberin für den warmherzigen Empfang und die so gefühlvoll erzählten Geschichten.
Wer weiß? Vielleicht wird der Diplomat – wenn er in Zukunft mal wieder über die deutsch-brasilianischen Beziehungen spricht – auch die eine oder andere Steisslinger-Anekdote einbauen.

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