Tilman Jäger: Musik-Pionier, Mentor und Macher

Jazzer aus dem Landkreis (3): Er lebt zwar in München, aus Böblingens Konzertszene ist Tilman Jäger aber nicht wegzudenken

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    Kongeniales Duo: Tilman Jäger (links) und Ralf Püpcke haben gemeinsam schon mehr als 100 "Jazztime"-Konzerte organisiert Foto: Bernd Epple

Tilman Jäger ist Arrangeur, Komponist, Dirigent, Pianist, Musikpädagoge, Talentförderer und Organisator in Personalunion. Er gründete die Jazztime, die AEG Bigband und das Böblinger Vokalensemble. Obwohl er vor rund 15 nach Bayern zog, ist er der heimischen Musikszene noch immer eng verbunden.

Artikel vom 17. August 2019

Von Bernd Epple

BÖBLINGEN/MÜNCHEN. Eigentlich stammt er gar nicht aus dem Landkreis, dennoch führte für viele bedeutende Musiker aus Böblingen und Umgebung kein Weg an ihm vorbei. Am Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) setzte er von Anfang der 90er-Jahre bis 2004 eine Duftmarke, die bis heute nicht verflogen ist.

Nicht nur den Jazzfreunden im Landkreis dürfte der Name Tilman Jäger geläufig sein. Als künstlerischer Leiter der "Jazztime Böblingen" gestaltet er zusammen mit Kulturmanager Ralf Püpcke jährlich sechs Veranstaltungen eines Formats, das sich inzwischen überregional einen Namen gemacht hat. Die Crème de la Crème der deutschen Jazzszene hat sich in den vergangenen Jahren bei der "Jazztime" in der Kongresshalle die Klinke in die Hand gegeben und Jäger war und ist in der Regel der Mann an den 88 Tasten des Flügels.

Aufgewachsen ist Jäger in den 60er-Jahren im Remstal. Als fünftes Kind musikliebender Eltern musste der Sohn einer Organistin und eines evangelischen Diakons allerdings bis zu seinem zehnten Lebensjahr warten, bis er endlich an die Tasten durfte. Die älteren Geschwister übten bereits fleißig Klavier, Cello und Violine. Durch diese und die Mutter angespornt, machte er schnell Fortschritte. In seiner Jugend hörte er Beatles, Blues und Jazz und versuchte das Gehörte umgehend aufs Klavier zu übertragen. Erste Auftrittserfahrungen sammelte er bei der pianistischen Begleitung von Gospelchören. Während seiner Schulzeit stellte Jäger schließlich fest: "Musik kann ich am besten!"

Grund genug, die Weichen für ein Musikerleben zu stellen. Also begann er nach dem Abitur sein Studium an der Stuttgarter Musikhochschule. Aus dieser Zeit rühren die Bekanntschaften mit Martin Johnson (Klavier) und Ekkehard Rössle (Saxophon) mit denen es später in Böblingen noch viele Berührungspunkte geben sollte. Oscar Peterson, Herbie Hancock, Chick Corea, aber auch Johann Sebastian Bach haben ihn musikalisch geprägt. 1989 gelang es ihm, sich gar ins Finale des "1. Internationalen Jazzpianowettbewerbs in Paris" zu spielen.

Nach jeweils einem Jahr Referendariat am Böblinger AEG und einem Nürtinger Gymnasium bekam er 1991 die Gelegenheit, zurück ans AEG zu wechseln und dort eine Bigband zu gründen. "Es gab zwar bereits ein jazzinspiriertes Ensemble mit jungen Musikern, allerdings glich dieses eher einer Ragtime- oder Dixieland Band", erzählt Jäger beim Gespräch mit der KRZ. "Schon im zweiten Schuljahr meiner Lehrertätigkeit entstanden Kontakte in die USA. Daraus entwickelte sich ein Bandaustausch mit einer Schul-Bigband aus St. Charles in Chicago. Es war ein Geben und ein Nehmen!"

Heutige Musik-Größen lernten bei Jäger das Jazzen

Jäger erkannte schnell, welches Potenzial in seinen Schülern steckte. 1993 räumte er mit der neu gegründeten Bigband gleich den 1. Preis beim Landeswettbewerb "Jugend jazzt" ab. "Das war in gewisser Weise auch die spannendste Besetzung mit Joachim Staudt am Altsaxophon, Martin Simon am Kontrabass, Frank Lauber, ebenfalls Saxophon, Schlagzeuger Jogi Weiß und Jo Ambros an der Gitarre", blickt er mit leuchtenden Augen zurück. "Nie wieder hatten wir auf einen Schlag so viele starke Jazz-Solisten zusammen".

Diese Musiker sind heute allesamt in der bundesdeutschen Jazzszene verankert. Was sie verbindet, ist nicht nur die gemeinsame Zeit auf dem AEG und in der AEG Bigband; sie sind sich auch alle einig, dass sie ohne die Förderung Jägers wohl kaum ihren musikalischen Weg so zielstrebig verfolgt hätten. Unter Jägers Leitung unternahm die Bigband mehrere Tourneen im In- und Ausland, darunter Reisen in die USA, nach Singapur, Malaysia, Thailand, Paraguay und Brasilien.

Noch während seiner Lehrtätigkeit am AEG wurde Jäger Jazzbeauftragter des Kultusministeriums Baden-Württemberg und begründete das Schüler-Jazz-Festival Stuttgart, das seither jährlich an der Stuttgarter Musikhochschule stattfindet. Gleichzeitig leitete er von 2000 bis 2005 die Böblinger Kantorei unter dem Dach der Evangelischen Kirchengemeinde Böblingen. Als ob das nicht schon genug Engagement wäre, agierte er parallel noch in diversen Bands. Uli Gutscher (Posaune), Andi Witte (Schlagzeug), Ekkehard Rössle (Saxophon), Werner Acker (Gitarre) und viele mehr wurden zu seinen ständigen Wegbegleitern.

Festival gibt Startschuss für erfolgreiche Konzertreihe

Wie kam es nun zur Böblinger Jazztime-Reihe? "Im Jahr 2001 bin ich auf den damaligen Oberbürgermeister Alexander Vogelgsang zugegangen, mit der Frage, ob man hier in Böblingen nicht ein Jazzfestival veranstalten könne. Das Bundesjazzorchester, damals von Peter Herbolzheimer geleitet, und eine Allstarband der AEG-Bigbands der vergangenen Jahre, das konnte ich mir sehr gut vorstellen", erklärt Jäger. Vogelgsang war nicht abgeneigt. Also gab es drei Konzertabende, zu denen auch noch andere Formationen eingeladen wurden.

"Nachdem wir beim Festival so gut gewirtschaftet hatten, planten wir gleich noch zwei weitere Konzerte", erzählt Jäger. Das war der Startschuss für eine Reihe, die inzwischen aus der Böblinger Kulturszene kaum mehr wegzudenken ist. In Ralf Püpcke, einem weiteren ehemaligen AEG-Schüler, der sich auf Kulturmanagement spezialisiert hat, fand Jäger den passenden Partner.

Bis 2004 war Jäger zudem Jazzbeauftragter des Kultusministeriums in Baden-Württemberg. Dann hat er Böblingen verlassen, um an der Musikhochschule München eine Professur anzunehmen. "Durch diese berufliche Konzentration konnte ich mich auch wieder mehr dem Klavier zuwenden", sagt er, "auch wenn es eine sehr spannende Zeit in Böblingen war".

Mögliche Rückkehr nach Böblingen nicht ausgeschlossen

Dieser Stadt ganz den Rücken zuwenden, kann und will er nicht. Immer wieder weilt er hier, arbeitet mit dem 2006 von ihm gegründeten Böblinger Vokalensemble, organisiert und spielt bei der "Jazztime" oder besucht liebgewonnene Freunde. "So ein tolles Umfeld wie hier kann mir München immer noch nicht bieten", schmunzelt er und denkt laut darüber nach, wieder ins Ländle zurückzukehren. Wenn das kein Kompliment für die Kulturstadt Böblingen ist . . .

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