Sindelfinger Kurzfilmfestival: ein bisschen Hollywood

"Auf der Suche nach neuen Räumen" - unter diesem Motto fand im Rahmen der Sindelfinger Biennale erstmals ein Kurzfilmfestival statt. Im Pavillon wurden neun ausgewählte Kurzstreifen gezeigt. Allesamt wurden von Jungfilmern aus der Region, unter anderem aus Stuttgart und Sindelfingen geschaffen.

Artikel vom 23. Juli 2019

Von Steffen volkmer

SINDELFINGEN. Schon am Donnerstagabend fanden sich fast 120 Zuschauer im Pavillon ein. Sie feierten die Filmemacher, die von den beiden Moderatorinnen des Abends - Emma Rebmann und Madlen Medvedovskyy - zwischen den Filmblöcken kurz zu ihren Filmen befragt wurden. Auch wenn sich am Premierenabend ein Großteil der Anwesenden aus den Familien, Freunden und Crews der Filmemacher zusammensetzte, waren die Veranstalter mit der Resonanz zufrieden.

Mitorganisator Siegfried Barth, der sich als Leiter der Sindelfinger Jugendfilmakademie (SimTV) auch über einige SimTV-Projekte auf der Leinwand freute, sagte: "An Premierenabenden ist es normal, dass das Umfeld der Filmemacher da ist. Morgen wird das anders aussehen und ich glaube, es wird wieder voll werden." Tatsächlich kamen dann am Freitagabend zwar ein paar weniger Besucher, aber voll war der Pavillon dennoch. Barth freute sich sehr über die Zusammensetzung des Publikums: "Da war vielleicht das typische Biennale-Klientel da, aber auch einige Jüngere. Besonders toll war, dass viele Fragen kamen und es bei dem einen oder anderen Film auch Diskussionen zu Deutung und Machart gab. Genau das hatten wir uns gewünscht."

Preisgekrönter Tanzfilm eröffnet das Festival

Im ersten Block wurden an beiden Abenden der preisgekrönte Tanzfilm "Garden Of Others" des Sindelfinger Nachwuchsregisseurs Pascal Sangl und "Know Your Enemy" von Jelena Zickner gezeigt. "Garden of Others", so erklärt es der Regisseur, ist eine wortlose, getanzte Parabel über "die Digitalisierung und die Auswirkung von Online-Dating auf Beziehungen, Sex und Liebe". Zentrales Motiv in der grandiosen Inszenierung ist dabei das Kreismotiv, das dem bekannten "Ladekreis" nachempfunden wurde: "Wir warten und drehen uns dabei im Kreis, ohne wirklich etwas zu verändern". "Know Your Enemy" zeigt anhand einer ebenfalls nur in Bildern erzählten Geschichte um einen jungen Boxer den klassischen Kampf gegen das innere Ich, das oftmals unser größter Feind ist.

Im zweiten Block wurde auf vielfachen Wunsch nach einer Wiederaufführung der 2018 entstandene Film "Halb Nah" gezeigt, ein Projekt der Sindelfinger Kinderfilmakademie unter der Regie von Marc Mante. Schlagzeilen machte es, da zur Premiere im Böblingen Bären-Kino der "Game Of Thrones"-Darsteller Liam Cunningham angereist war, der ein Unterstützer des zweiten Hauptdarstellers Hussam Al-Heraki ist. In dem Film werden Vorurteile und Missverständnisse im Umgang mit Migranten - auch Hussam Al-Heraki musste aus seiner Heimat fliehen - anhand einer Jugendgeschichte thematisiert, die zu großen Teilen im Sindelfinger Jugendzentrum Das Süd spielt und aufgenommen wurde. Seit der Erstaufführung hat der Film nichts an Aktualität verloren.

Ebenfalls eine SimTV-Produktion ist "Lieber Erik Schmidt" von Thomas Wersal, die im Pavillon auch Premiere feierte. Eine Geschichte um einen introvertierten Außenseiter, der durch den tragischen Selbstmord eines Schulkameraden, der ihm als geisterhaftes Alter Ego erscheint, den Weg aus sich heraus und in die Gesellschaft findet.

Von Oliver Weiss ist der Beitrag "Elevator Mood". Einem Kammerspiel gleich verfolgt das Publikum hier mit Blick in einen Aufzug den Weg einer jungen Schauspielerin zu einem "katastrophalen" Vorsprechen und wieder zurück. Dabei besticht der siebenminütige Kurzfilm vor allem durch sein Bilddesign, die Perspektive und das Spiel mit einer Metaebene, in der sich das Gedachte gegenüber dem Gesagten zeigt. Mit dabei sind als Darsteller die Sindelfinger Anna-Lena Just und Ingo Sika, die in Filmkreisen inzwischen auch schon bekannt sind.

"Azenza" leitete den dritten und letzten Teil des Kurzfilmfestivals ein, der sich komplett aus Filmen des Maichingers Ferdinand Stöckel zusammensetzte. Über das Mitwirken des Jungstars der regionalen Filmszene, der an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart studiert, waren die Veranstalter besonders stolz. "Azenza", bei dem Stöckel zusammen mit Daniel Grootz Regie führte, ist ein Kunstfilm, eine Kollage von Momentaufnahmen, die sich um das Thema Körper-, Fitness- und Onlinewahn dreht.

Bei "Später vielleicht", einer weiteren Premiere in Sindelfingen, hat Stöckel neben zahlreichen Studierenden der HdM auch Sindelfinger Akteure im Filmteam und Cast, darunter Daniel Dietrich und erneut Ingo Sika. Tobias Bacherle, der ebenfalls zu den Organisatoren des Kurzfilmfestivals gehört und zu großen Teilen für die Filmauswahl verantwortlich zeichnet, hat den Film produziert. Stöckel ließ es sich nicht nehmen, alle anwesenden Mitwirkenden an seinem Film beim Gespräch auf die Bühne zu holen.

Es ist ein Film über Selbstverwirklichung und der damit einhergehenden Befreiung aus dem Korsett gesellschaftlicher und familiärer Zwänge. "God Damn" ist Stöckels jüngste Produktion und bedient sich eines ähnlichen Sujets, allerdings mit einem stärkeren Fokus auf die Erwartungshaltung unseres näheren Umfelds. Eine selbstreferenzielle und selbstironische Note bekommt der Film durch den Hauptcharakter Leon, der sich als Student der Audiovisuellen Medien beim Abendessen mit der erzkonservativen Familie seiner Freundin einem "Verhör" über seine Zukunft ausgesetzt sieht und dabei immer wieder in kreative Träumereien abdriftet, mit der finalen Erkenntnis, den "gottverdammt besten Studiengang" erwischt zu haben. Ein gelungener, sehr unterhaltsamer "Werbefilm" für den Studienbereich.

Erste Pläne für ein jährliches Forum werden schon geschmiedet

Für die Betreiber des Pavillons, die IG Kultur, die Organisatoren und die Biennale ist das Kurzfilmfestival ein voller Erfolg. Es hat beeindruckend gezeigt, wie viel filmisches Potenzial in der Region und vor allem im Nachwuchs steckt. Wenn auch in zwei Jahren wieder "Shorties" über die Leinwand im Pavillon flimmern, dürfte sich dies zu einem Highlight des Sindelfinger Kunst- und Kulturfestivals entwickeln. Allerdings brüten Siegfried Barth und seine Mitstreiter auch schon über Plänen, die den Filmern auch ein jährliches Forum bieten könnten - wenngleich hier noch nichts spruchreif ist.

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