Biennale Sindelfingen: Late Night Konzert auf dem Alten Friedhof

  • img
    Bild 1 von 2
    Auf den Stufen der Grabkapelle singt das Frauenensemble des Kammerchors Fotos: Marc Hugger
  • Bild 2 von 2
    Windlichter weisen in der Dunkelheit den Weg durch die Baumreihen

Artikel vom 23. Juli 2019

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Ein nächtliches Konzert auf dem Friedhof - darf man das? Die Biennale-Organisatoren Markus Nau und Horst Zecha geben darauf eine eindeutige Antwort: Ja, man darf. Man sollte sogar, möchte man hinzufügen, wenn man Samstagabend zu später Stunde auf dem Alten Friedhof hinter der Stadtbibliothek zu Gast war.

Das Damenensemble des Sindelfinger Kammerchors hat dort ein "Late Night"-Konzert präsentiert. Passend zum Ort hat Musikschulleiter und Dirigent Nau ein stimmiges Liedprogramm ausgewählt. Zwischen den Gesangsvorträgen hat Kulturamtsleiter Horst Zecha Sagen und Märchen vorgelesen - darunter die legendären Geschichten hinter der Gründung der Sindelfinger Martinskirche oder der Ursprung des Kuchenritts. Auch ein an "Rumpelstilzchen" erinnernder Text des Warmbronner Dichters Christian Wagner oder Klassiker wie Ludwig Uhlands "Der schwarze Ritter" trug Zecha vor.

Das Motto der diesjährigen Biennale lautet "Alte Stadt sucht neue Formen". Mit dieser "Late Night"-Veranstaltung hat das städtische Festival-Duo Nau und Zecha diesen Leitgedanken treffend umgesetzt. "Wir wollten da schon immer etwas machen", erklären die beiden. Schließlich sei der Friedhof mit seinen uralten Bäumen, grünen Hecken, efeuüberwachsenen Grabsteinen und der von Architekt Carl Krayl erbauten Grabkapelle für viele Sindelfinger ein Ort der Erholung und Besinnung. Aber nicht nur das: "Für mich hat der Alte Friedhof auch etwas Magisches und Verwunschenes", meint Nau. Hinzu kommt, dass hier seit geraumer Zeit praktisch keine Beerdigungen mehr stattfinden und deshalb Pflanzengrün statt Grabsteingrau die parkähnliche Umgebung prägt.

Was bei Tageslicht gilt, das gilt erst recht bei Nacht: Die Szenerie bei diesem Konzert hatte tatsächlich etwas Magisches: Windlichter wiesen mit warm-gelbem Kerzenschein den Weg zur Grabkapelle. Das Gebäude war in geisterhaft-grünes Licht getaucht (Beleuchtung und Technik: Yasin Mutlu). Auf den Stuhlreihen rings um den Jugendstilbau warteten rund 200 Gäste gespannt auf den Beginn. Einige hatten es sich auf dem Gras oder dem Steinring rund um den hochragenden Baum vor der Kapelle bequem gemacht.

Um 22 Uhr - pünktlich zum Glockenschlag von Martins- und Dreifaltigkeitskirche, die hier beide zu hören sind - ging es los. Der gesangliche Teil des Abends gehörte den Frauen. Aber bevor das Damenensemble des Kammerchors seinen Platz auf der Treppe einnahm, drang eine beschwörende Männerstimme aus dem Gebäude. Gregorianiksänger Georg Grunenberg intonierte einen Text von Hildegard von Bingen.

Danach standen die Frauen im Zentrum. Die Sängerinnen des Abends waren Lisbeth Baumeister, Elke Fischer, Varda Hirsch, Dorothe Kadauke, Mara Krüger, Olga Kunz, Annette Lörcher, Isolde Nau, Uta Plath, Antje Ruf, Britta Schwarte, Dorothe Seizer, Corinna Summ und Friedgard Wetzel. Eine nach der anderen nahmen sie ihre Plätze auf den Stufen unter dem Kapellenvordach ein. An den oberen Rand ihrer Notenhefte hatten sie je ein Paar LED-Bogenleuchten geklemmt. Wie im Flug erstarrte Glühwürmchen schwebten die Lichter vor den Gesichtern der Frauen und unterstrichen so den Eindruck, man befinde sich in einem nächtlichen Zaubergarten.

Der Frauenchor sang Kompositionen von Carl Orff - darunter "Veni Creator Spiritus" und das Rätselgedicht "Vogel Federlos", sie intonierten Goethes "Es war ein König in Thule" (Musik: Carl Friedrich Zelter), von Robert Schumann "In meinem Garten" und "Das verlassene Mägdlein" sowie von Johannes Brahms die zu Herzen gehende Ballade "Es waren zwei Königskinder" und "Vier Gesänge für Frauenchor".

Die Instrumentalbegleitung übernahmen Thomas Berrang und David Torres (Horn) sowie Marina Schrott (Harfe). Liedauswahl und Interpretation waren perfekt auf den Ort abgestimmt: zwischen weihevoll und andächtig, zwischen wehmütig und leidenschaftlich. Die Aussprache der Sängerinnen war glasklar, der Gesang ein Genuss.

Vor jedem Lied tippte Dirigent Nau seine Stimmgabel kurz an den Notenständer und gab mit langgezogenem "Noooh, Noooh, Noooh" den Ton vor. Die Frauen sangen ihn wie ein Echo zurück. Nach den Liedern gab es immer wieder ein kurzes Zögern im Publikum. Darf man klatschen? Aber, ja doch!

Die Veranstalter des Abends sehen sich nach dem Konzert in ihrem Vorhaben bestätigt. Im Vorfeld habe sich tatsächlich der eine oder andere Besucher eher zurückhaltend zu der ungewöhnlichen Ortswahl geäußert, räumt Markus Nau ein. "Die Rückmeldungen nach dem Konzert waren aber alle uneingeschränkt positiv", berichtet der Dirigent, der sich künftig auch weitere solcher kleinen Konzert- und Leseformate auf dem Alten Friedhof vorstellen kann.

Verwandte Artikel