Biennale Sindelfingen: Furiose Percussion-Party mit Skin of Clazz auf dem Rathausvorplatz - Videos

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    "Die spanische Treppe in Rom ist ein Dreck dagegen", meinte Biennale-Organisator Markus Nau zu der Konzertkulisse. Foto: Marc Hugger
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    Voll bei der Sache: Jonas Stephan und seine Band. Foto: Marc Hugger
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    Sängerin Jule Borchardt ist die Stimme der Percussion-Band Skin of Clazz Fotos: Langner
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    Open-Air-Atmosphäre in Sindelfingen: Der Rathausvorplatz wird zur Konzertbühne, die Treppe zur Zuschauertribüne

Artikel vom 20. Juli 2019

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. Vier junge Männer sitzen auf Altpapiertonnen und machen Krach. Sie schlagen, trommeln und klopfen darauf, lassen den Deckel auf- und zuklappen und lassen die sperrigen Behälter lautstark auf dem Boden aufsetzen. Was ist denn da los? Jugendliche Randale auf dem Sindelfinger Rathausvorplatz? Nein, weit gefehlt . . . das alles passiert nämlich in exakt aufeinander abgestimmtem Tempo, komplett synchron. Aus dem Getrommel und Geklapper entsteht ein Rhythmus, ein treibender Beat. Die vermeintliche Ruhestörung am Donnerstagabend ist in Wahrheit die mitreißende Performance der Gruppe Skin of Clazz im Rahmen der Biennale Sindelfingen.

Das Gratiskonzert am Donnerstagabend vor den Rathaustreppen ist ein Programmpunkt des Sindelfinger Kulturfestivals. Rund 300 Zuhörer jeden Alters haben sich auf die Treppenstufen gesetzt oder stehen rund um den mit zahllosen Schlag- und Percussion-Instrumenten vollgestellten Rathausvorplatz. Fußgänger und Radfahrer bleiben stehen, wartende Menschen an der Bushaltestelle verfallen in spontane Tanzbewegungen.

Es fällt ja auch schwer, sich diesem elektrisierenden Klang zu entziehen. Die jungen Musiker von Skin of Clazz schicken mit Schlagzeug, Conga, Marimba, Vibra- und Xylophon pulsierende Energiewellen durch die warme Sommerluft.

Der Stil ist schwer zu greifen: Da vermischen sich Jazz, House und Reggae zu einem gnadenlos groovendem Ganzen. Bekannte Titel klingen erfrischend anders - darunter der soulige House-Song "Rather be", der Sommerhit "Sonnentanz (Sun don't shine)" von Klangkarussell oder "Titanium" von David Guetta und Pop-Sängerin Sia.

Nico Ellinger, Ingo Schwarzweller, Nicolas Baumann und Jonas Stephan bilden den Kern der ursprünglich mit sechs Schlagzeugern besetzten Band. Zur Verstärkung haben sie für diesen Auftritt Janick Scholl ins Team geholt. Der 16-Jährige ist der Sohn von Toni Scholl, dem langjährigen Leiter der Dagersheimer Feuerwehrmusikkapelle.

Eine absolute Bereicherung für die Percussion-Band, die im Jahr 2014 eigens für den "Jugend musiziert"-Wettbewerb gegründet und von vom Böblinger Schlagzeuglehrer Klaus Küting geleitet wurde, sind Jule und Juli. Gemeint sind die Sängerin Jule Borchardt und der Saxofonist Julian Wirth. Letzteren verbindet eine langjährige Freundschaft mit Ingo Schwarzweller - unter anderem spielen beide bei der Dagersheimer Feuerwehrmusikkapelle.

Stimme der Band ist seit vergangenem Sommer die Böblingerin Jule Borchardt. Bei der Böblinger Partnerstadtolympiade, bei der die Band und die Sängerin jeweils einen Auftritt hatten, sei man aufeinander aufmerksam geworden. Als Skin of Clazz letzten Sommer beim Feuerwerkfestival "Flammende Sterne" in Ostfildern spielen sollte, nahmen sie Jule mit. "Jetzt ist sie aus unserer Band nicht mehr wegzudenken. Die bringt so eine Energie und Freude mit auf die Bühne, wir genießen das alle ganz brutal", schwärmt Bandleader Jonas Stephan.

Neben den temporeichen und energiegeladenen Stücken - darunter eine wilde Body-Percussion-Einlage - überzeugt die Band auch immer wieder mit leisen Tönen - etwa, wenn Jule ihren selbstgeschriebenen Song "Last December" ganz ohne Verstärkung, mitten auf der Treppe zwischen dem gebannt lauschendem Publikum singt. Oder der magische Moment, als Bandleader Jonas Stephan seine Schlägel zur Melodie von Evelyn Glennies Choral "Little Prayer" wie eine Katze auf Samtpfoten über das Marimbaphon huschen lässt und Bandkollege Nico Ellinger dazu das erst vor Kurzem wieder instand gesetzte Rathausglockenspiel erklingen lässt.

"Genau so habe ich mir das erträumt", schaut Markus Nau zufrieden lächelnd auf die Szenerie. Der Sindelfinger Musikschulleiter und Biennale-Organisator hat sichtlich Spaß mit dieser furiosen Schlagzeug- und Percussion-Party.

Was wie ein spontanes Platzkonzert aussieht, musste nicht nur rund acht Stunden zuvor aufgebaut werden, sondern ist auch schon seit Monaten geplant. Zwischen der am Böblinger AEG verwurzelten Band und den Machern der Sindelfinger Biennale bestehen einige Verbindungen. Zum Beispiel zwischen Jonas Stephan und Ingo Sika. Als der Schauspieler und Regisseur im Nachgang zur letzten Biennale die Junge Bühne Sindelfingen gründete, holte er den Grafenauer als künstlerischen Leiter an Bord.

Auch Markus Nau und Jonas Stephans Vater Johannes, den Musiklehrer und AEG-Bigbandleader, verbindet eine langjährige Musikfreundschaft. "Ich kann gar nicht mehr zählen, bei wie vielen Weihnachtsoratorien und auf wie vielen Beerdigungen der Janni und ich gemeinsam gespielt haben", sagt Nau. "Schön zu sehen, dass es bei der nächsten Generation genauso toll weitergeht", freut er sich über das Gastspiel der Band - und fügt anerkennend hinzu: "Ehrlich gesagt, sogar noch ein bisschen besser."

Die Band Skin of Clazz hatte sich selbst um den Auftritt im Rahmen der Biennale beworben und den Donnerstagtermin angeboten bekommen. Fehlte nur noch ein geeigneter Auftrittsort. Die Idee, das Konzert als Open-Air vor den Rathaustreppen zu veranstalten, war riskant, doch der Mut wurde belohnt: Das Wetter war ideal, ebenso Publikumsresonanz und Stimmung auf dem Platz. "Manchmal muss man einfach Dusel haben", grinst Markus Nau.

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