Biennale Sindelfingen: Tanztheater vor der Martinskirche

Biennale Sindelfingen: Monika Heber-Knoblochs Modern-Dance-Ensemble präsentiert "Stadt(t)räume" - Ein Probenbesuch

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    Die Darbietungen der Künstlerinnen werden von Livemusik begleitet
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    Maß halten oder sich der Maßlosigkeit hingeben: Das Tanztheater der ANDAS-Truppe wirft große Fragen auf Fotos: Tarek Musleh

Um regelkonformes Zusammenleben versus individuelle Selbstverwirklichung dreht sich das neue Stück der Sindelfinger Musikschule. Fünf Tänzerinnen treten mit zwei Live-Musikern und einer Erzählerin auf. Die Produktion "Stadt(t)räume - das Maß aller Dinge" ist ab 12. Juli auf der Biennale Sindelfingen zu erleben.

Artikel vom 09. Juni 2019 - 13:12

Von Anne Abelein

SINDELFINGEN. Da kann man sich schon einmal eingeengt fühlen: "Ihr müsst euch an die Regel halten!", kommandiert die Autorin Corinna Hahn die fünf Tänzerinnen herum. In hautfarbenen Kostümen bewegen sie sich zu Gitarren- und Akkordeonklängen durchs Rhythmikon der SMTT. Sie proben heute das erste Mal einen kompletten Durchlauf, und die Musiker und die Tänzerinnen müssen sich dabei noch etwas aufeinander einstimmen. Vor den Akteurinnen stehen fünf Stühle, von denen sie gefälligst die Finger lassen sollen, geht es nach der gouvernantenstrengen Erzählerin. "Regeln gibt es aus einem bestimmten Grund!" ruft sie. Maren Hildebrand, Alicia Jehle, Nathalie Machado, Olivia Musleh und Birgit Wolf-Topoglu sind beim Stück mit von der Partie.

Natürlich lassen sie sich nicht abhalten und beginnen die Stühle zu umtanzen, sie zu schwenken oder sogar auf sie zu steigen. Nach vollbrachter Tat lächeln sie selig und beäugen die Dompteurin mit leisem Mitleid. "Ihr fühlt euch wohl großartig und einzigartig und als etwas Besonderes", mutmaßt diese verärgert. "Ihr seid auch besonders", bescheidet sie ihnen, "besonders dumm!" Nachdem sie einmal von der Freiheit geleckt haben, wollen sie von dieser aber nicht wieder lassen, mag die Erzählerin noch so sehr jammern, wie allein und verloren sie sich dann fühlen könnten.

Wie ist die Idee zum Stück entstanden? Ursprünglich wollte die Gruppe ein Kinderstück zum Thema Regeln mit Texten von Corinna Hahn einstudieren. Letztes Jahr hat die Böblingerin einen Schreibwettbewerb der VHS im Rahmen der baden-württembergischen Literaturtage gewonnen. Schon einmal hat sie mit der SMTT für ein Kinderstück kooperiert.

Mitgewirkt an der Planung für die neue Produktion haben alle gemeinsam: "Wir haben das Konzept in Diskussionen entwickelt", sagt Monika Heber-Knobloch, Fachbereichsleiterin an der Sindelfinger Musikschule. Die Tänzerinnen improvisierten und brachten auch Persönliches mit hinein, und Heber-Knobloch und Corinna Hahn hoben es auf eine allgemeine Ebene. Die SMTT-Dozenten Tobias Götzmann (Gitarre) und Igor Petrov-Schell (Akkordeon) schneiderten der Truppe die "Musik auf den Leib".

In phantasievollen Kostümen von Andrea Legler füllen die Tänzerinnen ihre neu gewonnene Freiheit mit Gestalt und lassen Gewänder, Musik und Tanz perfekt ineinandergreifen. Jede von ihnen erprobt ihre Freiräume, gerät dabei jedoch in eine Sucht. Suchtartigen Charakter kann dabei so ziemlich jeder Lebensinhalt annehmen, zeigen sie: Eine verfällt stoffgebundenen Süchten, eine weitere erliegt dem Konsumzwang, und zwei andere verfallen der Esoterik und Harmonie.

Auch Kunst und Musik kann wie eine Sucht wirken. Die Süchte hat Andrea Legler kongenial in den Kostümen ins Bild gesetzt und zum Beispiel ein Kleid mit Reifrock aus lauter Notenrollen und einen Mantel geworfen, in dem sich klappernde Flaschen, Dosen und Süßigkeitenpackungen verbergen. Eine andere Tänzerin trägt einen beengenden Anzug, auf den über und über Kuscheltiere appliziert sind. Als Musik dienen zum Beispiel Luigi Boccherinis "Menuett" oder Abbas "Money, Money, Money".

Freiheit und Gemeinschaft in tänzerischem Widerstreit

Wirken die Auftritte anfangs noch beschwingt, frei und voller Selbstbewusstsein; verfallen sie darauf bald in zwanghafte, abgehackte Bewegungen. Annäherungen zwischen ihnen misslingen. So scheint die Frage der Erzählerin nur berechtigt: "Braucht es mehr als die eigene Freiheit, damit eine Gemeinschaft funktioniert?"

Wie aber könnte die Alternative aussehen? Da muss sich die Spielleiterin auch selbst befragen. Was würde sie denn selbst erleben, sagen oder geben wollen, würde sie sich die Freiheit nehmen? Die Antwort auf die Frage liefert das Ensemble im letzten Auftritt und einem spezifischen Musik- und Tanzstil: Für das Finale haben sie einen Tango gewählt. "Da ist die ganze Welt drin. Er hat Regeln und die Abgrenzung und trotzdem die ganze Palette von Gefühlen", begründen sie ihre Wahl. Hier nun endlich ergeben sich organische Kontakte, und die Tänzerinnen mischen sich auch unter die Musiker.

Der erste Durchlauf ist gelungen; nun geht es vor allem noch ums Timing und die Musiklänge.

  Am 12., 15., 17., 19., 20. und 22. Juli ist das Stück vor der Rückwand der Sindelfinger Martinskirche zu sehen. Eine Werkeinführung wird vor jeder Aufführung um 21 Uhr angeboten, Beginn ist jeweils um 21.30 Uhr. Zudem werden Ausschnitte des Tanztheaters am Samstag, 13. Juli, auch in den Sindelfinger Stadtteilen präsentiert. Die Darbietungen finden zu folgenden Zeiten statt: - um 9.30 Uhr auf dem Vorplatz der Laurentiuskirche in Maichingen - um 11.30 Uhr auf dem Berliner Platz auf dem Goldberg - um 18 Uhr auf dem Kirchvorplatz Viehweide (Hans-Thoma-Platz) - und um 20 Uhr in der Eichholzarena in der Watzmannstraße 47 im Eichholz.Mehr Infos zu dieser und weiteren Angeboten und Veranstaltungen finden sich unter http://www.biennale-sindelfingen.de im Netz.

 

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