Kunst von Lee Lichterloh im Sindelfinger Oberlichtsaal

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    "Have a look": Lee Lichterlohs Ausstellungsmotto lädt Besucher der Stadtbibliothek ein, einen Blick in den Oberlichtsaal zu werfen Foto: edi

Noch bis zum 25. Mai zeigt die Galerie im Oberlichtsaal in Sindelfingen die Ausstellung "Have a look" mit Bildern des Malers Lee Lichterloh. Unterstützt wird die Präsentation vom Verein Forum Kultur Sindelfingen (FOKUS).

Artikel vom 10. Mai 2019 - 16:18

Von Anne Abelein

SINDELFINGEN. "Have a look" - mit diesem Titel lädt der Sindelfinger Künstler Lee Lichterloh den Betrachter zum Verweilen vor seinen Arbeiten an. Und in der Tat sollte man dem eigenen Augenschein trauen und nicht vorschnell in die Bilder Bedeutungen hineingeheimnissen, denn Lichterlohs Arbeiten im Oberlichtsaal stehen der Konkreten Kunst und der Pop-Art nahe, die die Oberfläche hervorhebt. Und auf der herrscht hier reges Leben.

Wie ein riesiger Fries ziehen sich die Arbeiten von Lee Lichterloh an den Wänden des Oberlichtsaals entlang. Passend zur Architektur des Raums hat er die Hoch- und Querformate nahtlos wie ein endloses Band angeordnet. Es ist eher als ein ständiger Weg denn als Geschichte mit Anfang, Höhepunkt und Ende zu verstehen, den Lichterloh unterzieht seine Motive wie ein Wissenschaftler unendlicher, systematischer Permutationen. So ähnlich dürfte der Künstler auch seine Umgebung betrachten. Felix Sommer, Leiter der Galerie im Oberlichtsaal, kennt den 1950 geborenen Lee Lichterloh schon von ihrer gemeinsamen Zeit an der Freien Kunstschule Stuttgart zu Beginn der 70er. "Er hat jeden Tag den gleichen Spaziergang durch die Felder unternommen", weiß er von ihm zu erzählen. Und er fand die gesamte Vielfalt der Welt "auf einem ganz kleinen Flecken", sagt Sommer.

Was ist es, was sich so lebhaft auf den Bildern abzeichnet? Oberflächlich betrachtet könnte man Wimmelbilder mit winzigen Menschenwesen erkennen, doch dabei geht man fehl, wie Felix Sommer vom Verein Forum Kultur Sindelfingen betont. Analysiert man die Gebilde genauer, stellt man fest, dass es sich bei den scheinbar humanoiden Gestalten um eine unendliche Folge von Strichen, Punkten und unregelmäßig begrenzten Flecken handelt, die sich verdichten und wieder ausdünnen - und so den Arbeiten, die man als ein Gesamtes ansehen muss, ihren Rhythmus verleihen.

Mal sind die Strukturen rein schwarz-weiß gestaltet, mal in den Primärfarben und einigen anderen wenigen klaren Farben wie Braun, Grün, Orange oder Lila. Der Grund variiert zwischen farbig und rein-weiß, und abhängig von den Abständen zum Rahmenrand tritt das Zeichengewimmel stärker oder schwächer hervor.

Zwar kann man keine klare Abfolge der Bilder ausmachen, und doch scheinen sie nicht zufällig angeordnet: Man kann Ordnungsprinzipien entdecken, wie etwa eine Arbeit mit gelbem Grund, die etwa mittig an der Längsseite des Oberlichtsaals heraussticht. Auch treten die hochformatigen Blöcke von Zeichen, die die einzelnen Bilder ein weiteres Mal unterteilen, gegen Ende des Frieses dichter gestaffelt auf.

Einflüsse aus Pointilismus, Pop-Art und konkreter Poesie

Wie ist Lichterloh zu seinem künstlerischen Verfahren gelangt, dass er nun seit Jahrzehnten schon durchzieht? Sommer erinnert sich noch, dass sich Lichterloh bereits an der Freien Kunstschule Stuttgart sehr mit den Pointillisten beschäftigte. Die Vertreter der neoimpressionistischen Strömung wie Georges Seurat, Paul Signac oder Camille Pissarro zerlegten ihre Motive in winzige Tüpfel, die sie in reinen Farben nebeneinander setzten. Dank von Simultankontrasten und additiver Farbmischung setzten sich diese im Auge des Betrachters wieder zu vollständigen Formen zusammen. Ihre Methoden rückten die Farbe und das Licht in den Vordergrund, und so wirkten sie als Vorreiter der abstrakten Moderne.

Impressionistisch-atmosphärische und letztendlich doch gegenständliche Eindrücke sind es aber nicht, die Lee Lichterloh hervorrufen will. Seine Ursprünge sind zugleich auch in der Pop-Art mit ihren plakativen, in Rasterpunkte zerlegten Bildern in Primärfarben zu finden, wie sie etwa Roy Lichtenstein schuf, der sich später übrigens mit den Vorläufern der Moderne und dann auch abstrahierenden Künstlern wie den Kubisten auseinandersetzte.

Felix Sommer gibt für das Verständnis von Lichterlohs Verfahren noch einen weiteren Tipp: Der Künstler bewegt sich gern in den Überbleibseln des Kreises um den Stuttgarter Philosophieprofessor und Informationstheoretiker Max Bense und befasste sich mit Karl-Hermann Schäfers Semiotik. Max Bense stand im Mittelpunkt der "Stuttgarter Schule", die ihren Namen und ihre Methoden der Konkreten Kunst entlehnte. Die konkreten Dichter experimentierten unter anderem mit der Typografie, dem Seriellen und dem Zufall und sogar maschineller Lyrik. Und diese Herangehensweise kann man auch in Lichterlohs Bildern finden.

Die Ausstellung kann noch bis zum Samstag, 25. Mai, zu folgenden Öffnungszeiten im Oberlichtsaal neben den Räumen der Sindelfinger Stadtbibliothek besichtigt werden: freitags von 14 bis 19 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr. An Sonn- und Feiertagen ist der Oberlichtsaal geschlossen.
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