Pio Sindelfingen: Schluss, Ende, Aus!

Am Dienstagabend hat das Pio Nightlife im Sindelfinger Sterncenter seine letzte Party unter dem Motto "Bye Bye Pio" gefeiert

  • img

Artikel vom 01. Mai 2019 - 18:30

SINDELFINGEN. Schluss, Ende, Aus. Das Pio Nightlife im Sindelfinger Stern Center hat am Dienstagabend zum letzten Mal seine Türen geöffnet. Ob das Nachtleben im Kreis Böblingen fortan um eine Attraktion ärmer ist, darf allerdings bezweifelt werden.

Die Disco im 1999 eröffneten Stern-Center dürfte den etwas älteren Semestern noch als Alpenmax im Après-Ski-Hütten-Format ein Begriff sein. Seit ein paar Wochen läutete sie überraschend ihre Closing-Partys ein. Überraschend deshalb, weil auf Alpenmax das Maxx2 folgte und der Tanztempel nach einem Wasserschaden erst im Oktober 2015 unter dem Namen Pio wiedereröffnete. Warum ist nun, nach gut dreieinhalb Jahren, Schluss, obwohl die Betreiber damals nach eigenen Angaben mehr als eine Million Euro investierten und der Mietvertrag über 15 Jahre abgeschlossen wurde?

"Zum gegebenen Zeitpunkt wird es eine Pressekonferenz geben. Dann werden wir mitteilen, ob und gegebenenfalls wie es weitergeht", lässt sich Betriebsleiter Frank Beck nicht in die Karten schauen. Dies soll Ende Mai sein. Mit "wir" meint er auch den Geschäftsführer Meric Arslan, mit seiner MAC Systemgastronomie GmbH & Co. Betriebs KG.

Fest steht jedenfalls schon, dass Arslan trotz teils heftiger Kritik bei der Premiere aufgrund des fehlenden Getränkenachschubs eine zweite Auflage von "Malle total" durchführen wird. Am Samstag, 10. August, werden bekannte Stars von der spanischen Ferieninsel eine Stippvisite auf dem Böblinger Flugfeld machen. Neben Mickie Krause sind unter anderem Willi Herren, Ina Colada und Die Atzen dabei.

"Bei einer Dschungel-Party wurde am Ende eine echte Schlange gefunden, der damalige Türsteher hatte Angst und ist weggerannt."

Zur letzten Party im Pio öffnen die Türen jedenfalls um 22 Uhr. Die ersten Gäste sind sechs Mädels, die um 22.11 Uhr bei Linda an der Kasse den Obolus bezahlen. Linda ist seit der ersten Stunde mit dabei und hat schon so einiges in 19 Jahren erlebt. "Einmal hat einer in eine Steckdose gepinkelt und wir hatten, wie auch bei der allerersten Party, Stromausfall", erinnert sich sie. "Und bei einer Dschungel-Party wurde am Ende eine echte Schlange gefunden, der damalige Türsteher hatte Angst und ist weggerannt."

Die ehemalige Sindelfingerin wohnt inzwischen in Oberreichenbach bei Calw und suchte damals einen Nebenjob. "Die Kinder waren klein, deswegen nachts", erzählt die hauptberuflich als Altenpflegerin tätige Kassenfrau. Die kein gutes Haar an der heutigen Partygeneration lässt: "Inzwischen bestellen die Leute eine Cola, aber mit fünf Strohhalmen. Und als wir noch die 99-Cent-Party hatten und einer für zwei gezahlt hatte, mussten die zwei Cent Rückgeld sein." Das Publikum sei jünger geworden, die älteren Gäste von früher hätten mehr getrunken. "Und viele verstehen nicht den Unterschied zwischen Mindest- und Freiverzehr", gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, für die sie an jedem Wochenende, also 52 Mal im Jahr, an der Kasse stand.

Beck kann ihr beipflichten. "Das Ausgehverhalten hat sich geändert. Früher wollte man Musik hören und Leute kennenlernen. Heute gehen die Leute erst um Mitternacht oder 1 Uhr weg."

Der Sindelfinger Tanzschuppen hat deshalb bis 5 Uhr geöffnet, was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein Barkeeper mehr als neun Stunden auf den Beinen ist. Der 25-jährige Maichinger Abdi, der mit vollem Namen Abdullah heißt, arbeitet erst seit Februar hier und war früher vier Jahre am Tresen einer türkischen Disco in Stuttgart.

Um 21 Uhr, also eine Stunde vor Öffnung, beginnt sein Arbeitstag. Pardon, seine Arbeitsnacht. 30 Minuten gehen am Ende noch fürs Putzen drauf, sodass er um 5.30 Uhr die Disco verlässt. Vor allem schätzte er hier die angenehme Atmosphäre. "Die Leute haben Spaß, es gibt sehr selten Stress, weil sie sich nicht die Birne wegsaufen." In der kurzen Zeit hat er schon viele Stammkunden kennengelernt. "Es ist, wie eine Familie."

Eine Stammkundin ist Jacqueline aus einer Stadt im Kreis Böblingen. Die 23-Jährige ist nach eigenen Angaben zwei- bis dreimal im Monat im Pio und kommt seit drei Jahren nach Sindelfingen. "Nach Stuttgart brauchen wir eine Stunde, hier können wir rausfallen und schnell mit dem Taxi nach Hause fahren", erzählt sie und blickt zu ihren zwei männlichen Begleitern und ihrer Freundin hinüber. Vor allem wegen der zwei Tanzflächen und der gespielten Musik seien sie immer wieder ins Pio gegangen. Jetzt müsse das Quartett doch nach Stuttgart. Oder Privatpartys veranstalten, spekuliert Jacqueline. An Weihnachten sei es "extrem voll" und Silvester sei "auch geil" gewesen. Nun hofft sie auf ein Fortbestehen der Disco.

Langsam füllt sich die Tanzfläche. Der DJ legt "Fantasy Girl" von Johnny O. auf. Musikrichtung: Freestyle. Diese Musik wurde auch anfangs im Alpenmax gespielt. Ein Fingerzeig, dass es bald "back to the roots" heißen könnte?

Ein paar Meter weiter sitzt Vanessa aus Herrenberg lässig auf einem Barhocker. Die 23-Jährige ist mit doppelter Begleitung da. "Auf Stuttgart hatten wir keine Lust. Am Ostersonntag waren wir auch schon im Pio. Aber zehn Euro Eintritt, das ist mir zu teuer." In Stuttgart seien die Bars kostenlos und es gebe auch einige Clubs mit freiem Eintritt. "Es wäre nicht schlecht, wenn es in Sindelfingen weitergeht", zeigt sich Vanessa versöhnlich, die mit dem eigenen Auto das Ziel angesteuert hat. "Wir wechseln uns mit dem Fahren ab."

Der DJ hat "Get this party started" von Pink, einen Hit aus dem Jahr 2001, aufgelegt. Die Party nimmt langsam Fahrt auf. Um 23.30 Uhr strömen immer mehr Partypeople in den Laden.

"Wenn wir da waren, war es immer geil."

Nicht mit dem Auto, sondern mit Bus und S-Bahn sind Simon und Salva aus Unterjettingen angereist. "Wir sind nicht oft hier, vielleicht bisher fünfmal", meinen die beiden 24-Jährigen unisono. "Wenn wir aber da waren, war es immer geil." Sie lümmeln sich entspannt in den Sesseln, fernab von den Tanzflächen. "Es ist nicht zu edel, aber stylish und nicht zu groß. Früher waren wir öfter in Stuttgart." Jetzt müsse es nicht mehr die Landeshauptstadt sein. Aber vielleicht bald wieder. "Wenn das Pio dauerhaft zubleibt, werden wir wieder nach Stuttgart gehen", nimmt Salva genüsslich einen Schluck von seinem Wodka-Bull. "50 Prozent auf alle Getränke, das kommt mir gerade recht." Der Geldbeutel wird geschont, maximal 100 Euro pro Person gibt er beim Ausgehen aus. Apropos Finanzen. Die Heimatfahrt ist schon fixiert. "Ich verdiene genug, deswegen fahren wir mit dem Taxi heim, das ist bequem", wollen Salva und sein Kumpel Simon auf keine S-Bahn mitten in der Nacht warten müssen.

Mittlerweile ist es es kurz vor 0.30 Uhr. Vor dem Eingang bildet sich auf den Treppen eine größere Schlange. Rund 80 Feierwütige warten auf Einlass. Drinnen grölt das Volk "Cordula Grün". Das richtige Lied von den Draufgängern, um die Partygänger in Stimmung zu bringen. Ein Malle-, Fasnets- und Wiesn-Hit. Ein Fingerzeig, dass bald mehr oder ausschließlich Lieder von der spanischen Ferieninsel gespielt werden?

Es wird nämlich gemunkelt, dass die Disco nach Umbauphase wieder als Alpenmax mit Skihüttenromantik öffnen soll. Ob's Realität wird? Man darf gespannt sein.

Von Jürgen Renner

SINDELFINGEN. Schluss, Ende, Aus. Das Pio Nightlife im Sindelfinger Stern Center hat am Dienstagabend zum letzten Mal seine Türen geöffnet. Ob das Nachtleben im Kreis Böblingen fortan um eine Attraktion ärmer ist, darf allerdings bezweifelt werden.

Die Disco im 1999 eröffneten Stern-Center dürfte den etwas älteren Semestern noch als Alpenmax im Après-Ski-Hütten-Format ein Begriff sein. Seit ein paar Wochen läutete sie überraschend ihre Closing-Partys ein. Überraschend deshalb, weil auf Alpenmax das Maxx2 folgte und der Tanztempel nach einem Wasserschaden erst im Oktober 2015 unter dem Namen Pio wiedereröffnete. Warum ist nun, nach gut dreieinhalb Jahren, Schluss, obwohl die Betreiber damals nach eigenen Angaben mehr als eine Million Euro investierten und der Mietvertrag über 15 Jahre abgeschlossen wurde?

"Zum gegebenen Zeitpunkt wird es eine Pressekonferenz geben. Dann werden wir mitteilen, ob und gegebenenfalls wie es weitergeht", lässt sich Betriebsleiter Frank Beck nicht in die Karten schauen. Dies soll Ende Mai sein. Mit "wir" meint er auch den Geschäftsführer Meric Arslan, mit seiner MAC Systemgastronomie GmbH & Co. Betriebs KG.

Fest steht jedenfalls schon, dass Arslan trotz teils heftiger Kritik bei der Premiere aufgrund des fehlenden Getränkenachschubs eine zweite Auflage von "Malle total" durchführen wird. Am Samstag, 10. August, werden bekannte Stars von der spanischen Ferieninsel eine Stippvisite auf dem Böblinger Flugfeld machen. Neben Mickie Krause sind unter anderem Willi Herren, Ina Colada und Die Atzen dabei.

 

 

"Bei einer Dschungel-Party wurde am Ende eine echte Schlange gefunden, der damalige Türsteher hatte Angst und ist weggerannt."

 

 

Zur letzten Party im Pio öffnen die Türen jedenfalls um 22 Uhr. Die ersten Gäste sind sechs Mädels, die um 22.11 Uhr bei Linda an der Kasse den Obolus bezahlen. Linda ist seit der ersten Stunde mit dabei und hat schon so einiges in 19 Jahren erlebt. "Einmal hat einer in eine Steckdose gepinkelt und wir hatten, wie auch bei der allerersten Party, Stromausfall", erinnert sich sie. "Und bei einer Dschungel-Party wurde am Ende eine echte Schlange gefunden, der damalige Türsteher hatte Angst und ist weggerannt."

Die ehemalige Sindelfingerin wohnt inzwischen in Oberreichenbach bei Calw und suchte damals einen Nebenjob. "Die Kinder waren klein, deswegen nachts", erzählt die hauptberuflich als Altenpflegerin tätige Kassenfrau. Die kein gutes Haar an der heutigen Partygeneration lässt: "Inzwischen bestellen die Leute eine Cola, aber mit fünf Strohhalmen. Und als wir noch die 99-Cent-Party hatten und einer für zwei gezahlt hatte, mussten die zwei Cent Rückgeld sein." Das Publikum sei jünger geworden, die älteren Gäste von früher hätten mehr getrunken. "Und viele verstehen nicht den Unterschied zwischen Mindest- und Freiverzehr", gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, für die sie an jedem Wochenende, also 52 Mal im Jahr, an der Kasse stand.

Beck kann ihr beipflichten. "Das Ausgehverhalten hat sich geändert. Früher wollte man Musik hören und Leute kennenlernen. Heute gehen die Leute erst um Mitternacht oder 1 Uhr weg."

Der Sindelfinger Tanzschuppen hat deshalb bis 5 Uhr geöffnet, was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein Barkeeper mehr als neun Stunden auf den Beinen ist. Der 25-jährige Maichinger Abdi, der mit vollem Namen Abdullah heißt, arbeitet erst seit Februar hier und war früher vier Jahre am Tresen einer türkischen Disco in Stuttgart.

Um 21 Uhr, also eine Stunde vor Öffnung, beginnt sein Arbeitstag. Pardon, seine Arbeitsnacht. 30 Minuten gehen am Ende noch fürs Putzen drauf, sodass er um 5.30 Uhr die Disco verlässt. Vor allem schätzte er hier die angenehme Atmosphäre. "Die Leute haben Spaß, es gibt sehr selten Stress, weil sie sich nicht die Birne wegsaufen." In der kurzen Zeit hat er schon viele Stammkunden kennengelernt. "Es ist, wie eine Familie."

Eine Stammkundin ist Jacqueline aus einer Stadt im Kreis Böblingen. Die 23-Jährige ist nach eigenen Angaben zwei- bis dreimal im Monat im Pio und kommt seit drei Jahren nach Sindelfingen. "Nach Stuttgart brauchen wir eine Stunde, hier können wir rausfallen und schnell mit dem Taxi nach Hause fahren", erzählt sie und blickt zu ihren zwei männlichen Begleitern und ihrer Freundin hinüber. Vor allem wegen der zwei Tanzflächen und der gespielten Musik seien sie immer wieder ins Pio gegangen. Jetzt müsse das Quartett doch nach Stuttgart. Oder Privatpartys veranstalten, spekuliert Jacqueline. An Weihnachten sei es "extrem voll" und Silvester sei "auch geil" gewesen. Nun hofft sie auf ein Fortbestehen der Disco.

Langsam füllt sich die Tanzfläche. Der DJ legt "Fantasy Girl" von Johnny O. auf. Musikrichtung: Freestyle. Diese Musik wurde auch anfangs im Alpenmax gespielt. Ein Fingerzeig, dass es bald "back to the roots" heißen könnte?

Ein paar Meter weiter sitzt Vanessa aus Herrenberg lässig auf einem Barhocker. Die 23-Jährige ist mit doppelter Begleitung da. "Auf Stuttgart hatten wir keine Lust. Am Ostersonntag waren wir auch schon im Pio. Aber zehn Euro Eintritt, das ist mir zu teuer." In Stuttgart seien die Bars kostenlos und es gebe auch einige Clubs mit freiem Eintritt. "Es wäre nicht schlecht, wenn es in Sindelfingen weitergeht", zeigt sich Vanessa versöhnlich, die mit dem eigenen Auto das Ziel angesteuert hat. "Wir wechseln uns mit dem Fahren ab."

Der DJ hat "Get this party started" von Pink, einen Hit aus dem Jahr 2001, aufgelegt. Die Party nimmt langsam Fahrt auf. Um 23.30 Uhr strömen immer mehr Partypeople in den Laden.

 

 

"Wenn wir da waren, war es immer geil."

 

 

Nicht mit dem Auto, sondern mit Bus und S-Bahn sind Simon und Salva aus Unterjettingen angereist. "Wir sind nicht oft hier, vielleicht bisher fünfmal", meinen die beiden 24-Jährigen unisono. "Wenn wir aber da waren, war es immer geil." Sie lümmeln sich entspannt in den Sesseln, fernab von den Tanzflächen. "Es ist nicht zu edel, aber stylish und nicht zu groß. Früher waren wir öfter in Stuttgart." Jetzt müsse es nicht mehr die Landeshauptstadt sein. Aber vielleicht bald wieder. "Wenn das Pio dauerhaft zubleibt, werden wir wieder nach Stuttgart gehen", nimmt Salva genüsslich einen Schluck von seinem Wodka-Bull. "50 Prozent auf alle Getränke, das kommt mir gerade recht." Der Geldbeutel wird geschont, maximal 100 Euro pro Person gibt er beim Ausgehen aus. Apropos Finanzen. Die Heimatfahrt ist schon fixiert. "Ich verdiene genug, deswegen fahren wir mit dem Taxi heim, das ist bequem", wollen Salva und sein Kumpel Simon auf keine S-Bahn mitten in der Nacht warten müssen.

Mittlerweile ist es es kurz vor 0.30 Uhr. Vor dem Eingang bildet sich auf den Treppen eine größere Schlange. Rund 80 Feierwütige warten auf Einlass. Drinnen grölt das Volk "Cordula Grün". Das richtige Lied von den Draufgängern, um die Partygänger in Stimmung zu bringen. Ein Malle-, Fasnets- und Wiesn-Hit. Ein Fingerzeig, dass bald mehr oder ausschließlich Lieder von der spanischen Ferieninsel gespielt werden?

Es wird nämlich gemunkelt, dass die Disco nach Umbauphase wieder als Alpenmax mit Skihüttenromantik öffnen soll. Ob's Realität wird? Man darf gespannt sein.

Verwandte Artikel