5. Sindelfinger Jazztage am vergangenen Wochenende

Die musikalischen Höhepunkte der - Heute Abschluss mit Session

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    Landesjazzpreisträger Alexander Bühl (Saxophon) begeisterte am Sonntag mit seiner deutsch-französischen Combo die Gäste im Pavillon Fotos: Epple

Es gab was auf die Ohren im Sindelfinger Pavillon. Die IG Kultur bot einige Hochkaräter ihres Fachs auf. Einem gitarrenlastigen Samstagabend folgte Landesjazzpreisträger Alexander Bühl und BYRN am Sonntag. Leider strömten nicht die Massen, was vermutlich auch am Veranstaltungsüberangebot lag.

Artikel vom 09. April 2019 - 18:18

Von Bernd Epple

SINDELFINGEN. Die musikalische Klasse, die an beiden Abenden dargeboten wurde, hätte mehr Besucher verdient gehabt. Rund 80 waren es am Samstag, am Sonntag nur noch die Hälfte. Bei einer Vielzahl weiterer Veranstaltungen an diesem Wochenende - darunter die Jazztime am Freitag und die Böblinger Polarnacht am Samstag - hatte aber nicht nur die IG Kultur an dem musikalischen Unterhaltungsüberangebot zu knabbern. Die Musiker ihrerseits schätzten dennoch die Atmosphäre des Pavillons und die aufmerksamen Zuhörer.

Dass die lokale Szene einiges zu bieten hat, bewies am Samstag die "Jazz Guitar Night" mit dem Gitarristen Philipp Konowski, dem Kontrabassisten Branko Arnsek und dem Schlagzeuger Jogi Nestel. Die drei kommen aus Böblingen und Sindelfingen und sind allesamt studierte Musiker. Sie unterrichten unter anderem an der Böblinger Musikschule und spielen mit zahlreichen renommierten Jazzmusikern in verschiedensten Formationen. Zu ihnen gesellten sich mit den Gitarristen Claus Rückbeil (Berlin), Günter Weiss (Stuttgart) und Vladimir Bolschakov (Varel) weitere Meister ihres Fachs. Mit vorwiegend entspannt- melodiösem Smooth-Jazz sorgten sie für einen äußerst genussvollen Ohrenschmaus.

In immer wieder neu zusammengestellten Formationen betraten sie die Bühne. Extra Klasse zeigte Konowski zum Beispiel bei seiner Interpretation der Jazzballade "Round Midnight". Jazzrockig kraftvollere und rasantere Soli gab es von ihm ebenfalls auf die Ohren, denn schwungvollere Nummern gehörten natürlich auch zum Repertoire. Diese lösten bei den Besuchern immer wieder Zungenschnalzer und begeisterten Szenenapplaus aus. Zur Zugabe versammelten sich nochmals alle sechs Musiker und verabschiedeten sich mit einer bluesrockigen Nummer vom begeisterten Publikum.

Deutsch-Französische Kooperation

Das Akronym BYRN steht für Alexander Bühl (Saxophon), Jean-Yves Jung (Hammond-Orgel), Jean-Marc Robin (Schlagzeug) und Christoph Neuhaus (Gitarre). Die Deutsch-französische Jazz- und Groove-Kollaboration konnte nicht in der geplanten Besetzung auftreten. Für Jung musste ein anderer Hammond-Spezialist, Thomas Bauser, einspringen, wodurch sich das deutsch-französische Patt zugunsten eines deutschen Übergewichts verschob. Der vielgefragte Tastenmann, der unter anderem an der Freiburger Musikhochschule unterrichtet, erwies sich jedoch keineswegs nur als Ersatz-Spieler. Virtuos bediente er seine Hammond B3 und gab mit den Fußpedalen gar den Bassisten, von seinen Fingerfertigkeiten ganz zu schweigen. Schlagzeuger Robin aus Nancy überzeugte durch verspielte Leichtigkeit, mit der er virtuos komplizierteste Figuren trommelte. Das zeugte nicht von zwei linken Händen, auch wenn er einer der seltenen linkshändigen Drummer ist.

Die beiden anderen Heroen der Band schmücken sich mit dem Landesjazzpreis 2018 und einer Nominierung für diesen. Bühl und Neuhaus sind auch in unserer Region längst keine Unbekannten mehr. Bühl, der ebenfalls an der Musikschule Böblingen unterrichtet, war dieses Frühjahr Gastdozent bei der STB Bigband und ist erst kürzlich mit dieser Formation im Odeon aufgetreten. Neuhaus ist schlichtweg überall zu hören wo interessante Musik geboten wird. Ob es im Herrenberger Mauerwerk mit Ernst Mantel, Fola Dada oder Klaus Graf ist, in der Kongresshalle als Gitarrist der Tobias Becker Bigband oder erst vor ein paar Tagen im Rahmen der Jazztime mit "Blank Page" im Sparkassenforum; er ist einer der vielseitigsten Gitarristen, die das Ländle derzeit zu bieten hat.

Jazzrock-Feuerwerk abgefackelt

Was die Formation im Pavillon abfackelte, war ein jazzrockiges Feuerwerk erster Güte. In seiner Phrasierung erinnerte Bühl mit gestochen scharfem Ton an Saxophonlegende Michael Brecker. Bühl gehört mittlerweile zu den wichtigsten neuen Tenorsaxophonisten in Deutschland. Er glänzt mit Technik und melodischem Ideenreichtum. Neuhaus überzeugte mit Licks, die auch Besucher Claus Regelmann in sprachloses Staunen versetzten. Der Geschäftsführer des Glaspalastes, und seines Zeichens Gitarrist der STB Bigband, meinte im Pausengespräch mit der Kreiszeitung nur: "So müsste man spielen können!". Staunendes und jubelndes Publikum auch bei den Unisono Bebop-Grooves von Bühls "Van der Boppen" und seinen exorbitanten Saxophon-Soli. Vorwiegend stammten die kreativen Stücke aus Neuhaus Feder. So auch die Zugabe "Bromfiets".

Rhythmisch vertrackt, aber dennoch mit Fußwipp-Charakter entließ BYRN strahlende Besucher. Einer davon war Ulli Hoffmann aus Renningen, der vornehmlich wegen Neuhaus gekommen war. "Ich hab ihn schon zweimal gesehen. Er erinnert mich an George Benson. Trotz seiner Klasse ist er locker und nicht aufdringlich" und schob hinterher: "Mir gefällt die stimmige und schöne Club-Atmosphäre im Pavillon". Die Lobeshymnen von Musikern und Gästen sollten für den Veranstalter, trotz überschaubarem Besuch, Grund genug sein, mit diesem Format weiterzumachen. Dann darf man sich schon auf die 6. Sindelfinger Jazztage 2020 freuen.

Den Abschluss der Jazztage bildet am heutigen Mittwochabend um 20 Uhr der offene Musikabend im Rahmen der Reihe "The Wednesday Sessions" im Sindelfinger Pavillon (siehe auch Seite 22)

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