Bayerisches Kabarett-Duo begeistert in Böblingen - Video

Kabarettabend im Böblinger Alten Amtsgericht gerät zum unterhaltsamen bayrisch-schwäbischen Kulturdialog

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    Sie: "Für was bet'st dann du?" Er: "Für fest'n Stuhlgang . . . mei' Papa kocht heut" - bayerisch-deftiger Humor im Alten Amtsgericht Foto: Helga Beck

Das bayerische Kabarett-Duo Martin Frank und Franziska Wanninger hat dem Publikum im restlos ausverkauften Theater Altes Amtsgericht am Mittwoch einen sehr unterhaltsamen und zudem lehrreichen Abend beschert - auch wenn manche Pointe an der Dialektbarriere scheiterte.

Artikel vom 21. März 2019 - 19:36

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. "Wenn Sie was nicht verstehen, können Sie's sagen", schaut Martin Frank in die Runde. Gerade hat er einen wirklich schönen Gag über die bayrische Trinkkultur gemacht: Nach einem Auftritt in Düsseldorf habe ihn eine Zuschauerin darauf angesprochen, dass man in seiner Heimat Bier ja bekannterweise maßkrugweise konsumiere - worauf der Niederbayer lässig zurückgab, dass "wir Bier nicht in Maß, sondern in Tragerln trinken". Der Kabarettist schaut erwartungsvoll ins Publikum. Es dringen aber nur vereinzelte Lacher zu ihm vor. Schuld ist die Dialektbarriere. "Was ist denn ein Tragerl?", ruft eine Zuschauerin nach vorne, woraufhin der junge Bayer sich wortreich um eine Erklärung müht. "Ein Kascht'n", verfällt er schließlich ins Schwäbische.

Der Wortwechsel zwischen Bühnenpersonal und Publikum ist beispielhaft für diesen Kabarettabend mit Martin Frank und Franziska Wanninger. Die beiden spielen ihr Programm "Wia d' Semmel so da Knödel" in Böblingen. Als grober Rahmen ihres Auftritts dient das Jubiläum der Gründung des Freistaats Bayern. Diese jährte sich vergangenes Jahr zum 100. Mal. Als Botschafter für ihre Heimat sollen die beiden im Auftrag von Ilse Aigner bei einem Festakt in Berlin den Freistaat repräsentieren. Die Böblinger Zuschauer dienen dabei als Versuchskaninchen beziehungsweise als "Probeafferl", wie Franziska Wanninger es formuliert.

So weit das ausgedachte Szenario für den gemeinsamen Auftritt der beiden Jung-Stars der Kabarett-Szene. Dass die bereits mehrfach ausgezeichneten Künstler überhaupt in dem kleinen Theatersaal auf dem Schlossberg auftreten, ist dem clever-forschen Auftreten der "Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" zu verdanken. Gemeinsam mit Theaterleiter und Künstleragenturchef Gerhard Gamp reisen die Vereinsmitglieder nämlich jedes Jahr im Januar auf Talentsuche bei der Kleinkunstbörse in Freiburg.

Martin Frank, der mit seinem bayrischem Dialektwitz ebenso überzeugt wie mit seiner herausragenden Tenorstimme, hat den "Kultourmachern" damals vor zwei Jahren in Freiburg so gut gut gefallen, dass sie ihn vom Fleck weg für einen Auftritt in Böblingen verpflichteten - obwohl der blutjunge Künstler (Jahrgang 1992) damals noch nicht einmal ein eigenes abendfüllendes Programm vorweisen konnte. Also buchten sie den Standesbeamten und Kirchenchorsänger, der auf dem elterlichen Bauernhof im Landkreis Passau aufgewachsen ist, im "Tandem" mit der rund zehn Jahre älteren Münchnerin Franziska Wanninger.

"Heute würden wir den gar nicht mehr bekommen", freut sich Gerhard Gamp. Die Reaktionen des Publikums bestätigen den Theaterleiter in seiner Einschätzung: Es wird viel gelacht, auch wenn manche Pointe an der bayerischen Wortsch(w)allmauer zerschellt.

Gerade daraus entsteht aber auch der Reiz, denn die jungen Künstler treten immer wieder in den Dialog mit dem Publikum. Als das die beiden bayerische Schimpfwörter vom Brenznsoiza (Brezelsalzer: Nichtsnutz, Depp) bis zum Dipferlscheißer (Korinthenkacker) aufzählen, wollen sie von den Zuschauern die schwäbischen Entsprechungen dazu hören. "Grasdackel!", "Lombadiarle!", "Schofseggl!" schallt es dem amüsierten Künstler-Duo entgegen.

Der Auftritt lebt auch von der stilistischen Bandbreite: Die beiden präsentieren Gesangsnummern, Parodien und humorvolle Einblicke in die bayerische Volksseele. Zum Beispiel seien unsere weißblauen Nachbarn eben einfach mehr Macher als Schwätzer. Oder wie Martin Frank es beschreibt: Bis ein Berliner sagt "Ich will ein Kind von dir", sei der Bayer schon bei der dritten Erstkommunion.

Im flotten Zusammenspiel und im fliegenden Wechsel gibt Martin Frank mal mit seiner durchdringenden Opernstimme ein wortwitziges Gesangssolo und erntet dafür anerkennendes Raunen und großen Applaus, mal gibt Franziska Wanninger in bester Franz-Josef-Strauß-Manier einen lüsternen Landrat im Ruhestand, der sich ausmalt, wie er bei Thermomix-Partys mit dem Anmachspruch "Du Schwungrad meiner niederen Triebe" seiner weiblichen Ex-Wählerschaft an die Wäsche gehen kann.

In einem anderen Sketch betet Martin Frank vor dem Essen um festen Stuhlgang - "weil heut' der Papa kocht." Auf die Frage seiner Kollegin, ob er den überhaupt gläubig sei, meint er: "Wenn der Papa kocht, scho'."

Deftig und derb sind die Späße des Duos durchaus. Dennoch zielen sie nie unter die Gürtellinie. Der Schlusspunkt drückt statt auf die Lachnerven sogar noch ein bisschen auf die Tränendrüse: Als Franziska Wanninger ihr Gedicht übers Nachhausekommen ("Hoamkemma") vorträgt, wird es andächtig still im Theatersaal. Heimatliebe versteht man eben überall.

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