Rollenspiel im Eigenversuch in Böblingen

Am Samstag, 23. März, findet bundesweit der Gratis Rollenspieltag statt. Auch der Fantasy Strongpoint in Böblingen macht mit. Doch was macht die Faszination beim Schlüpfen in Phantasie-Identitäten aus? Die Szene-Redaktion hat bei einer Spielrunde mitgemacht.

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Artikel vom 06. März 2019 - 16:54

BÖBLINGEN. Ein Ghul steht direkt vor mir! Dieses leichenfressende Dämonen-Wesen mit seinen geifernden Lefzen setzt zum Angriff an, holt mit seinen Pranken aus. Da hilft nur eins: Wielands Eisen! Ein altehrwürdiges Schwert, das magische Wesen besiegen kann. Ich schwinge es und teile den Ghul einmal in der Mitte durch.

Natürlich mache ich das nicht wirklich. Ich habe weder das Schwert aus der germanischen Mythologie, noch bin ich jemals einem Ghul begegnet. Außerdem habe ich doch meinen Kriegsdienst damals verweigert! Nein, das alles fand statt in der Welt von "Beyond The Wall". Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Pen and Paper-Rollenspiel.

Stift (Pen) und Papier (Paper) sind mir als Journalist wohlbekannt, die dazugehörigen Rollenspiele allerdings nicht. So haben mich die Leute von Rabenthing - eine Interessengruppe, die Rollenspiele-Veranstaltungen in Baden-Württemberg organisiert - eingeladen nach Böblingen ins Mehrgenerationenhaus im Treff am See, um mit ihnen eine Runde zu spielen.

Es ist 18 Uhr. Mit fünf Spielern bin ich verabredet. Wie werden die Typen wohl aussehen? In meinem Kopf entstehen Klischee-Bilder von nerdigen Studenten, fusseliger Bart, ein wenig untersetzt, eine schmierige Brille auf der Nase.

Einen Ausgleich zum Job gesucht

Doch weit gefehlt: Die Menschen, die sich mir im Gruppenraum vorstellen, sind ganz normal. Da ist Roy, 27 Jahre - "der Jungspund", wie ihn die anderen nennen - im öffentlichen Dienst beschäftigt und kommt aus Sindelfingen. Lars, unser Spielleiter, ist 44 Jahre alt und selbstständiger IT-Berater. "Ich habe einen Ausgleich zum Job gesucht", erzählt er, wie er vor drei Jahren zu den Rollenspielen kam. Dazu kommt die einzige Frau in der Runde, Moni aus Renningen, und Ilias aus Böblingen. In Spielerkreisen duzen sich übrigens alle.

Andreas schließlich ist gebürtiger Münchner, 48 Jahre alt und Ingenieur in Sindelfingen. Zum Rollenspiel kam er im Studium. Dann kam das Diplom, Arbeit, Kinder - und Rollenspiele waren vergessen. Doch: "Wenn du mal beim Rollenspiel warst, dann fehlt dir was. Die Freiheit und Kreativität, die du hier spürst, die wirst du in keinem anderen Spiel sehen", fasst er die Faszination in Worte. Was braucht man zum Rollenspiel? "Verrücktheit ist die Einstiegsdroge", sagt er mit einem Schmunzeln.

Vor zwei Jahren hat Andreas gesagt: "Ich will meinen eigenen Con." Also eine Veranstaltung, bei der sich Leute Treffen und nur Rollenspiele spielen und sich darüber unterhalten und austauschen. So gründete er mit ein paar Gleichgesinnten Rabenthing.

Und was genau ist nun Rollenspiel? "Ein Spiel, bei dem jeder Spieler Rollen einnimmt und aus dieser Rolle mit den anderen eine Geschichte erzählt", erklärt Andreas. Ob diese Geschichte am Tisch entsteht, oder ob man sie live darstellt, also schauspielert, ist egal. Eigentlich ganz einfach. Also, genug gequatscht, inzwischen ist es 19 Uhr, ich bin heiß auf's Spielen!

Wir sitzen alle am Tisch. Moni hat eine Schachtel Schokolade und Apfelchips mitgebracht - die Nervennahrung für heute. Ich bekomme einen Bleistift in die Hand gedrückt, einen Schwung Würfel und ein Blatt Papier, das an ein Formular erinnert. Das ist der Charakterbogen. Der bestimmt meine Figur, was sie für Fertigkeiten hat, wie stark sie ist und anderes. Verschiedene Figuren stehen zur Auswahl, ich entscheide mich für den Möchtegernritter.

Spielleiter Lars nimmt sich das Buch mit den Regeln und liest die Vorgeschichte meiner Figur vor: "Als Kind hast du mit großen Augen am Feuer gesessen und Geschichten über Ritter und Helden gehört, die Drachen erschlugen und das Königreich retteten. Du hast nach ihnen gelebt und dir geschworen, selbst ein großer Ritter zu werden. Du bist mutig und stark. Deine Stärke beginnt mit 12." So trage ich auf meinem Formular bei Stärke eine 12 ein.

"Dann darfst du jetzt mal mit einem 12-seitigen Würfel würfeln, damit wir was über deine Eltern erfahren", sagt Lars. Nachdem mir Roy gezeigt hat, welcher der vielen Würfel denn jetzt der mit den 12 Seiten ist, würfele ich eine 11. Lars erzählt weiter: "Du hast auf Wanderungen im Wald Kräuter und Beeren gesammelt. Plus 2 auf Weisheit." Ich notiere mir + 2 Punkte bei Weisheit.

Der Würfel formt den Charakter

So geht es weiter, jeder Charakter wird geformt. Der Dieb, der Hexenschüler, der Waldläufer und die Magierin. Ich bekomme als Ausrüstung eine goldene Tunika, ein eigenes Pferd, habe die Fertigkeit der Kräuterkunde und das Betrügen, habe einen Grundangriffsbonus von 1, was immer das auch bedeuten mag. Weil ich auch noch eine Lanze habe, gebe ich mir schließlich den passenden Namen Lanzelot. Unser Dorf haben wir Rosenthal genannt.

Inzwischen ist es 20 Uhr geworden, aber jetzt kann's wirklich losgehen. Jeder erzählt reihum, wer er ist, und was er am Anfang der Geschichte gerade tut. Tentia (Moni) geht zum Markt einkaufen. Kalim (Ilias) jagt im Wald ein Reh und ich bin im Haus des Dorfältesten und spiele Schach.

Die Geschichte wird improvisiert

Da ich die Fertigkeit des Betrügens habe, beschummele ich bei der Partie und besiege den Dorfältesten. So spinne ich die Geschichte weiter. Frei improvisiert. Jetzt übernimmt Lars und sagt, was weiter passiert: "Der Dorfälteste wird sehr wütend und schmeißt den Tisch um." Und schmeißt dann mich auch gleich noch aus dem Haus. Das sei ungewöhnlich, meint Lars, denn der Dorfälteste ist eigentlich sehr ausgeglichen. Der erste Hinweis für uns! Irgendetwas stimmt nicht in unserem Dorf. Dann werden noch mehr Dorfbewohner aggressiv. Was ist hier los?

Inzwischen im Wald: Kalim hat sein Reh gefangen und räuchert es. Jetzt holt Lars eine Art Spielplan heraus. Ein Stück Wald ist aufgemalt. Darauf stellt er die Spielfigur von Kalim. Und nicht nur das, er stellt auch noch die Figur eines Wolfes dazu, der in seiner Erzählung plötzlich aus dem Gebüsch springt. Es kommt zum Kampf.

Ob Kalim den Kampf gewinnt oder nicht, das entscheidet nicht Ilias. Auch nicht Lars, sondern das Schicksal. Ilias nimmt einen W20 (Fachjargon für einen Würfel mit 20 Seiten) und würfelt eine 16. Auf Grund der ganzen Zahlen, die er vorhin bei der Charakterformung auf seinen Charakterbogen geschrieben hat, kann er mit einfacher Addition errechnen, ob er den Wolf besiegt. Und das Schicksal sagt: ja. Lars lässt Kalim den Wolf mit seinem Bogen erschießen. Ilias kippt die Wolfsfigur um.

Es ist ungewöhnlich für mich. Immer wieder warte ich darauf, bis ich an der Reihe bin, aber ich bin immer dran. Ich kann agieren wie im richtigem Leben auch. Wenn mir etwas einfällt, kann ich es sagen. Ich kann als Möchtegernritter auf den Markt gehen und von den Kupfermünzen, die ich beim Schachschummeln gewonnen habe, einen Kürbis kaufen. Als Lars erzählt, dass ein Priester vorbeikommt und sich beklagt, dass heute gar niemand in der Kirche war, sage ich: "Tut mir leid, aber ich hatte einen wichtigen Termin!"

Wie ein Detektivspiel

Es ist ein bisschen wie ein Detektivspiel. Was hat sich Lars ausgedacht? Bestimmte Elemente sind vorgegeben. Die Figuren, Wölfe, Ghule, andere Wesen, verschiedenen Orte, der Wald, eine Ruine - doch die Geschichte, die hat sich Lars mit diesen Elementen selbst zusammengestrickt.

Warum sind alle im Dorf so aggressiv? Wir kommen mit den Hinweisen von Lars einem Komplott auf die Spur, folgen seltsamen Kuttenträgern in den Wald, bekommen von einem Geist magische Waffen und werden von Ghulen angegriffen. Meinen Schlag gegen den Ghul habe ich natürlich auch erwürfelt und als klar ist, dass ich ihn besiege, da sagt Lars: "Jetzt erzähl uns, wie du ihn besiegst." Und dann ist es an mir, den anderen zu schildern, wie mein Schwert den Ghul Stück für Stück von oben nach unten zerteilt.

Ist das nötig? Nein, natürlich nicht. Lars hätte auch einfach sagen können: "Du hast den Ghul besiegt." Aber es geht hier eben ums Erzählen und dazu trägt jeder seinen Teil dazu bei. So gibt es am Ende auch nicht einen Gewinner. "Ziel des Spiels ist der Spaß", sagt Andreas klar. So geht es auch nicht darum, dass man möglichst schnell zum Ende der Geschichte kommt. Manchmal kommt man auch gar nicht zum Ende.

Wir sind inzwischen im finsteren Keller einer alten Ruine gelandet. Kultisten in Kutten singen einen Beschwörungsgesang, da fällt mein Blick auf die Uhr. Es ist 23.45 Uhr. Wo ist die Zeit geblieben? Wir sind kurz vor dem Ende, im finalen Endkampf, doch die letzte S-Bahn wartet nicht auf mich. So müssen wir abbrechen. Schade, ich hatte Gefallen an Lanzelot gefunden. Hätte mit meinem magischen Schwert gerne noch einen Ghul zerhackt oder mich um eine Ecke geschlichen und erwürfelt, ob ich wirklich geschickt genug dazu bin. So packen wir zusammen. Lanzelot bleibt in Rosenthal, ich gehe in der realen Welt zum Böblinger Bahnhof.

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