Start-up: Zwei Böblingerinnen legen Handys an die Leine

Sandra Göck und Lucy Mazur leben in Böblingen und haben eine ungewöhnliche Nebenbeschäftigung gefunden: Sie ketten Smartphones an.  Das Mobilgerät zum Umhängen, ein Trend, der in Berlin schon an der Tagesordnung ist, startet nun auch in Böblingen durch.

Artikel vom 14. Februar 2019 - 11:00

BÖBLINGEN. "Wir machen Handyketten", sagt die 26-jährige Lucy Mazur. Keine Kette aus Handys, sondern eine Kette für Handys, damit man sich das Mobilgerät wie eine Handtasche umhängen kann. Die Zeitschrift Glamour kürte das "Smartphone-Necklace" im Sommer 2018 zum "heißesten Trend-Piece des Sommers". Manche Firmen verkaufen derzeit pro Monat schon tausende davon.

Ganz so viel sind es bei Lucy Mazur und ihrer Freundin Sandra Göck, 27 Jahre, dann doch nicht. Die beiden wohnen zusammen in Böblingen und sind erst im letzten Jahr ins Business eingestiegen. Im Mai fing alles an. Vom neuen Trend hatten die beiden noch nichts gehört, sind ganz allein auf die Idee gekommen. "Wir sind viel unterwegs und das Handy darf heutzutage nicht mehr fehlen", sagt Lucy Mazur. Doch wohin mit dem großen Smartphone, dass man es trotzdem schnell griffbereit haben will? Selbst sind die Frauen! Schnell ein Paracord gekauft, ein Seil, das man auch zum Klettern benutzt. Dann in die Smartphone-Hülle zwei Löcher gebohrt, zwei Ringe eingefädelt und das Seil durchgeführt - fertig war der erste Prototyp. "Am Anfang sah das etwas schäbig aus", gibt Lucy Mazur zu. "Aber ich habe das getragen und es kamen immer mehr Leute auf uns zu."

Und dann ging alles ganz schnell. Schon zwei Monate später meldeten sie ihre GbR an, setzten einen Online-Shop auf und verkauften offiziell ihre eigens hergestellten Handyketten, die sie selbst "Lei Cases" nennen. Hergeleitet ist der Name von den hawaiianischen Blumenketten, die "Lei" heißen. "Die sind ein Symbol für Liebe, Freundschaft und Glück", erklärt Sandra Göck.

Bis heute hat sich einiges getan. Der Internetauftritt wurde professioneller und auch die Produktion. Hat Lucy Mazur die 1,5 Millimeter breiten Löcher anfangs noch einzeln mit dem Handbohrer eingedreht, bekommen sie die Handyhüllen inzwischen schon mit den Löchern geliefert. Der Rest ist immer noch reine Handarbeit der beiden Mädels. Die Ringe einfädeln, verlöten - "Sandra ist die Lötkönigin", sagt Lucy Mazur - und das Seil dranknoten.

Auch das Drumherum machen die beiden selber. Das Marketing übernimmt Lucy Mazur, übrigens eine Ur-Böblingerin. Als Handelsvertreterin in Sindelfingen bringt sie das nötige Rüstzeug gleich mit. Sandra Göck übernimmt die Buchhaltung, auch sie bringt als Sport- und Fitnesskauffrau in einem Böblinger Fitnessstudio Vorbildung mit. Der Rest ist "learning by doing".

Wichtig war den Mädels immer die Funktionalität. Deswegen haben sie kurzerhand einen Karabiner an das Seil gemacht. "Wenn ich mit dem Hund weggehe", sagt Lucy Mazur, "mache ich mir immer meinen Hausschlüssel dran." Es sei wie eine kleine Handtasche für Schlüssel und Handy.

Bis so eine Kette fertig zusammengebastelt und verpackt ist, dauert es etwa eine Viertelstunde. Doch die Masse macht's. Und das Geschäft im Hintergrund. Zwei bis drei Stunden jeden Tag und "schon mal den ganzen Samstag von morgens um 8 bis 20 Uhr" sitzen die zwei dran. Jeden Tag kommen neue Bestellungen rein. Die müssen sortiert und bearbeitet werden. Schließlich bieten die beiden ihr Produkt für fast jede Art von Handy an - derzeit 20 unterschiedliche Modelle. Dazu verschiedene Farben. Schwarz, rot, weiß, gelb - und ganz neu: reflektierend.

Rückhalt bekommen die jungen Frauen von allen Seiten. Freunde und Familie - alle stehen hinter ihnen und unterstützen sie. Machen Fotos, halten als Models her und tragen die Lei Cases natürlich auch. "Ich hab's meinem Opa erzählt, der fand's super", erzählt Lucy Mazur. Tragen will er es aber nicht, auch wenn er im hohen Alter sein Smartphone regelmäßig nutzt. Trotz Arbeit pflegen sie ein normales Privatleben. "Wir gehen Skifahren, Snowboarden, gehen feiern, treffen uns mit Freunden, machen Sport", sagt Lucy Mazur.

Das Geschäft brummt. "Vor Weihnachten war es echt unfassbar viel", erinnert sich Sandra Göck. "Wir saßen bis nachts um drei hier jeden Tag." Davon leben können die beiden aber noch nicht. Seit Mai haben sie grob geschätzt 1000 Ketten verkauft. Doch die Nachfrage steige stetig. "Über kurz oder lang müssen wir die Produktion auslagern", sagt Lucy Mazur und meint damit die heimische Garage.

Anfangs gingen ihre Ketten nur über die digitale Ladentheke, inzwischen haben aber schon mehrere Läden in der realen Welt ihre Produkte im Regal liegen. In Darmstadt, Frankfurt - und ganz besonders stolz sind sie auf den Outdoor-Händler Wildhood Store in Berlin.

Und in Richtung Outdoor soll es auch in Zukunft gehen. Wasserdicht und stabiler sollen die Hüllen werden. Sie können schließlich großen Belastungen ausgesetzt werden. "Viele nutzen es beim Reiten und wenn sie Sport machen", sagt Sandra Göck. "Ich hatte es jetzt sogar beim Snowboarden um und dann in die Jackentasche gesteckt", ergänzt ihre Freundin. "Da habe ich es rausgeholt zum Fotomachen und wieder reingesteckt. Dann habe ich keine Angst, dass ich es verlier'."

Ist die Handykette aber nun wirklich nötig? "Eigentlich ist das Handy-Ding too much", gibt Lucy Mazur zu. "Die Leute hängen zu viel dran, ich selber auch. Was ich erschreckend finde ist, wie Eltern mit ihren Kindern am Tisch hocken und die Eltern in ihr Handy gucken. Da könnte ich ausrasten. Da dachte ich mir auch, es ist eigentlich nicht gut, dass wir ein Produkt anbieten, das das theoretisch fördert." Am Ende muss sie aber doch einsehen: "Es gehört heute halt einfach dazu."


Info: Die Lei Cases gibt es in verschiedenen Farben und für verschiedene Smartphone-Marken im Internet unter www.leisupply.de. Die Ketten kosten einheitlich 25 Euro pro Stück. Am heutigen Valentinstag gibt es zehn Prozent Rabatt. Weitere Informationen auch auf Instagram unter @lei.cases.